DER 
 
 i -^ 
 
 AS80CIATIONSBEGRIFF 
 
 BEI 
 
 LEIBNIZ. 
 
 INAUGURAL-DISSERTATION 
 
 ZUR 
 
 ZIR im\\<a \<i DEK PHILOSOPHISCHEX DOTORWURDE 
 
 VORGELEGT 
 
 DEK HOHEN PHILOSOPHISCHEN FACULTAT 
 
 DER 
 
 UNIVERSITAT LEIPZIG 
 
 VON 
 
 BERNHARD FRENZEL 
 
 AUS ADORF. 
 
 LEIPZIG 
 
 FERDINAND PETER 
 1898.
 
 e 
 
 ueinem lieben yatep getoidmef. 
 
 789224
 
 Der Gegensatz zwischen der ^alten und neuen Richtung 
 der Psycho! ogie ist heute zwar noch nicht in dem Sinne aus- 
 geglichen, als die Richtung der alten, wesentlich durch ihre enge 
 Verbindung mit metaphysischen Speculationen charakterisierten 
 Psychologie von alien Yertretern dieser Wissenschaft endgiiltig 
 verlassen ware, 1 ) wohl aber in dem Sinne, als die Frage, ob 
 empirische, ob metaphysische Psychologie, in ihrer Beantwortung 
 kaum raelir zweifelhaft sein diirfte. 2 ) Die moderne, empirisch- 
 experiraentelle Psychologie, wie sie sich in den letzten Dezennien 
 als consequenteste Gestalt der empirischen Richtung vorzugs- 
 weise in der deutschen Forschung verkorpert hat, lehnt bekanntlich 
 als solche jede Gemeinschaft mit der Metaphysik ab. Sie 
 erblickt, ebenso wie die Naturwissenschaft, ihre Hauptaufgabe 
 in der Feststellung, sowie der Analyse und causalen Ver- 
 kniipfung der Thatsachen und bedient sich zu diesem Zwecke 
 gleichfalls, wenn auch in einer ihren Zwecken entsprechend 
 modificierten Gestalt, der Methoden des Experiments und der 
 Beobachtung im weiteren Sinne. :! ) Erst dann, wenn auf diesem 
 Wege der empirischen Einzelforschung eine hinreichende Anzahl 
 von Daten erarbeitet ist, tritt auch die Metaphysik wieder in 
 ihre Rechte ein 4 ) als die Wissenschaft, welche in einer die 
 Erfahrung methodisch erganzenden Weise bestrebt ist, die 
 durch die Einzelwissenschaften gelieferten Erkenntnisse zu 
 einem widerspruchslosen Ganzen, d. h. einer einheitlichen 
 Weltanschauung, 5 ) welche stets das Bediirfnis uud das Ziel 
 jedes denkenden Menschen bleibt, zu vereinigen. 6 ) 
 
 ') Man vergleiche z. B. Harms' Ausfiihrungen in seinem gedankenreichen, 
 aber zur Kritik stark herausforderndenBuche : ,,Die Pliilosophie in ihrer Geschichte, I: 
 Psychologie 1878", p. 105 ff., 294 u. 6. 
 
 -') cf. Ribot, Geschichte der experimentellen Psychologie in Deutschland, 
 p. 1 ff. Autoris. deutsche Ausgabe, Braunschweig 1881. 
 
 :: ) cf. Wundt, Grundriss d. Psychol. 18'JG, p. 22. 
 
 4 ) cf. Siebeck, Gesch. d. Psychol. p. VIII. Jodl, Lehrbuch d. Psychol. 1890, 
 p. VI. Wundt, Menschen- und Tierseele, 2. Aufl. p. 489. 
 
 ') cf. Wundt, System, 2. Auflg. p. V, 1, 17. 
 
 (; ) Frcilich wird grade gegenwiirtig von den Widersachern der Metaphysik 
 jede Competenz der Philosophic in transcendentalen Fragen negiert. cf. Kromann, 
 Vierteljahrschrift f. wiss. Philos. 1885, zu Eingang.
 
 Man kann sagen, dass heute in der That in gewissem 
 Sinne oin absoluter Gegensatz zwischen der empirischen und 
 metaphysischen Psychologie besteht. infolge des jetzt ganzlieh 
 verlassenen Priucips der letzteren, willkiirlich fixierte Seelen- 
 begriffe an den Anfang der Untersuchung zu stellen. Allein 
 nicht immer war dieser Gegensate, ein Product fortgeschrittener, 
 principienbewusster, wissenschaftlicher Entwicklung, vorhanden. 
 Wenn wir einen kurzen Blick auf die Entwicklung der 
 empirischen Psychologie werfen, werden wir im Gegenteil 
 bemerken, dass sie, nachdem sie lange Zeit mit der Metaphvsik 
 verbunden gewesen, erst verhaltnismassig spat soweit erstarkt 
 ist, um sich von ihr loszulosen und in bewussten Gegensatz 
 zu ihr tretend, selbsteigne Wege zu wandejn. Das vorwiegend 
 metaphysische Interesse hinderte einen Plato, Leibniz, Kant 
 ebensowenig als einen Aristoteles, Descartes, Spinoza, Hobbes, 
 um nur einige metaphysische Hauptrichtungen anzudeuten, an 
 Versuchen, die psychischen Thatsachen empirisch zu erklaren. 
 Aber naturgemiiss mussten diese Anfange empirischer Psychologie 
 durch ihre A'erquickung mit metaphysischen, teilweise auch 
 erkenntnistheoretischen Annahmen auf falsche, namentlich in- 
 tellectualistische Bahuen gelenkt werden. Eine geschlossene 
 empirische Behandlungsweise war unmoglich, trotz Wolffs Gegen- 
 iiberstellung der ,,psychologia empirica" und ,,rationalis" und 
 trotz Herbarts Vorstellungsmechanik, die bekanntlich auf der 
 metaphysischen Fiction der Seele als eines sich gegen drohendo 
 Storungen wehrenden Realen beruht. Wenngleich daher von 
 empirischer und metaphysischer Psychologie nicht im Sinne 
 sich ausschliessender Gegensatze gesprochen werden kann, 
 sobald man die Entstehungsweise beider betrachtet, so ist man 
 doch berechtigt, die altere Psychologie aus dem Grunde schlecht- 
 weg als metaphysische zu bezeichnen, weil die empirischen 
 Elemente nur begrifflich von ihrer metaphysischen Grundlage 
 getrennt werden konnen. Aber sie sind da, und infolge dieses 
 Umstandes bieten gewisse Bestandteile der .,metaphysischen 
 Psychologie" nicht nur rein historisches Interesse, vielmdir 
 wird auch von Yertretern der modernen Wissenschaft anerkannt, 1 ) 
 dass auch die erstere fruchtbare Gedanken, selbst t'undamentaler 
 Art. geliefert hat, deren weiterer Ausbau l>ez. Bestatigung der 
 fortgeschrittenen, mit reicheren Hiilfsraitteln und stn.'iiiroren 
 Methodenausgestatteten Wissenschaft unsererTagevorbehalten war. 
 
 Unter denjenigen Metaphysikern, die in dieser Br./iehung 
 eine besondere Beachtung zu verdienen scheinen. ist als einer 
 
 ') cf. Sicheck n. a. O. Einlcitfr. Kihot a. a. (). p. 29. ,,15ewusst mlcr 
 nnhownsst uperiert 'lie iiliilosopliisolie Speculation slots mit psyeholojrisrli.'ii 
 Klomenten, und in den philosuphischon Sj-stomen sind viole ticfsinnijrc psyclH.lo^isi'lie 
 lietrachtunyt-n und Jdeen niedergelegt". (Hoffding, J'sycliol. in Umrisson, duutscb 
 von Bendixen 18S7 p. 19;.
 
 der ersten der Vater der deutschen Philosophie, G. W. Leibniz, 
 zu nennen. Von ihm sagt bereits Herbart, der den Uebergang 
 von der metaphysischen zur empirischen Psychologie bildet: 
 ,,In den neueren Zeiten ist die Psychologie vielmehr 
 riickwarts als vorwarts gegangen. Locke und Leibniz waren 
 in Riicksicht auf diese Wissenschaft beide auf besserem 
 Wege, als wir durch Kant sind weitergefiihrt worden" 1 ) Es 
 mag dahingestellt bleiben, ob Herbart das Verhaltnis Leibnizens 
 zu Kant beziiglich der Psychologie ganz richtig beurteilt hat, 
 die Thatsache, dass Leibniz' psychologische Anschauungen auch 
 heute noch in vielen Beziehungen beachtenswert, 2 ) ja teilweise 
 grundlegend erachtet werden, ist jedenfalls nur eine Folge der 
 allgemeineren, welche in der im Gedankenreichtum und in der 
 Universalitat dieser Philosophie begriindeten Fruchtbarkeit und 
 Entwicklungsfahigkeit iiberhaupt ihren Ausdruck findet. Dieser 
 oft genug betonte Vorzug 3 ) dlirfte freilich weniger auf Rechnung 
 des monadologischen Systems an sich, als vielmehr der Ge- 
 clanken, die sich an dasselbe anlehnen, zu setzen sein. 
 
 Der Verfasser hat sich die specielle Aufgabe gestellt, zu 
 untersuchen, inwieweit bereits in der Leibnizschen Psychologie 
 ein Begriff ausgebildet ist und zur Erklarung der psychischen 
 Phiinomene herangezogen wird, der infolge der fundamentalen 
 Bedeutung, die er in dor Betrachtung der seelischen Thatsachen 
 einnimmt, nicht nur in der modernen Psychologie zum Anlass 
 sich trennender Auffassungsweisen geworden ist, sondern der be- 
 reits am Anfang einer selbstandigen empirischen Psychologie eine 
 dominierende Stellung einnimmt, den Begriff der Association. 
 
 Die Anfiiuge dieses wichtigen Begriffs reichen bekanntlich 
 bis in die classische Zeit der griechischen Philosophie zurlick. 
 Bereits Plato 4 ) hatte bei Erklarung seiner ava\ivi}c>i^ die 
 er als den realen Erinnerungsact von der fjLv//fj,i], d. h. der 
 Summe der virtuellen, reproducierbaren Yorstellungen unter- 
 schied, die Association auf Grand gleichzeitiger Wahrnehmung 
 und auf Grand der Yerwandtschaft des Inhalts verwertet. Sein 
 Schiller Aristoteles, 5 ) der der Psychologie zuerst eine 
 
 ') cf. Ribot a. a. O. p. 29. 
 
 2 ) cf. Kuno Fischer, Gesch. d. n. Philos. II, p. 447 ff. 3. Auflg. Wundt 
 (M. u. Ts. p. 262) riihmt den ,,tiefen Blick, den Leibniz in das seelische Leben 
 getlian"; Striimpell (Abhdl. z. Metaph. 96 I, p. 12) ,,die Sicherheit und Genaiiigkeit 
 seiner Beobachtung innerer psychischer Vorgiinge ebenso, wie die Schiirfe seines 
 Verstandes, mit welcher er das Beobachtete zn weitreichendcn Schlussfolgerungen 
 verwertet hat". 
 
 3 ) cf. u. a. K. Fischer, a. a. O. II, p. 4; Feuerbach, Darstellg., Entwicklg. 
 und Krit. d. Leibnizschen Philos., Ansbach 1837, p. 18 ff. 
 
 *) cf. Siebeck, a. a. O. I 1, p. 215 f. Hissmann, Gescli. d. Lelire v. d. 
 Assoc. der Ideen. Gottg. 1777 p. 11. 
 
 : ') cf. Siebeck, a. a. O. I 2, p. 75 ff., 115 ff. Hissmann, a. a. O. p. 13 f. 
 Ferri, La psyehologie de 1'association depuis Hobbes jusciu'a nos jours, Paris 1883, 
 p. 339 f.
 
 systematische wissenschaftliche Ausbildung gab, war es, der 
 auch diese Phanomene in einer fiir spatere Zeiten, ja teilweise 
 noch heute massgebenden \Veise eingehender studierte und sie 
 zum ersten Male - - ein sehr fruchtbarer Gesichtspunkt - - als 
 Glied einer Reihe psychischer Eutwicklungstufen betrachtete, 
 insofern ihm die ausschliessliche Beschranktheit der Tierseele auf 
 Verkniipf ung durch Erinnerungzum wesentlichen Charakteristicum 
 derselben im Unterschiede zur denkenden Menschenseele wurde 
 und innerhalb der letzteren die Gedachtnisassociationen ihm 
 als \ r orstufe und Vorbedingung aller hoheren intellectuellen 
 Functionen galten. Aristoteles ist es auch. der zuerst bemiiht 
 war, klarere Vorstellungen tiber die physischen Begleit- 
 erscheinungen der Association sphanomene zu gewinnen. Dieser 
 letztere Gesichtspunkt scheint es vornehralich gewesen zu sein, 
 durch den Aristoteles bestiramend wirkte auf den Philosopher*, 
 der sich den nach Aristoteles im wesentlichen aus der Philosophic, 
 welche ja nach dem Erloschen der griechischen Philosophie 
 nur noch als ancillatheologiae ihrLeben fristete, verschwundenen 
 Betrachtungen der Association wieder zuwandte, auf Hobbes. 1 ) 
 Seine physiologische Theorie der Association ahnelt in so hohem 
 Masse der des Aristoteles, dass directe Beeinflussung durch 
 denselben, die Hamilton 2 ) annahm, sehr wahrscheinlich ist. 
 Yon da an blieb die wissenschaftliche Bearbeitung des Associations- 
 begriffs im wesentlichen auf England beschrankt, ja sie wird 
 mit Recht geradezu als eine Domane der englischen Psychologie 
 und Philosophie betrachtet. Erst spiiter wandte sich die 
 continentale Forschung diesem Problem zu oder begriff wenigstens 
 dessenBedeutsamkeit fiir die empirische Untersuchung (Herbart!). 
 Unter dem Einfluss des mit Locke beginnenden, von Berkeley 
 und Hume vollendeten erkenntnistheoretischen Empirimus gelangte 
 man in England ziemlich friihe dahin, die auf Grund eines 
 urspriinglichen Zwanges der Sinneswahrnehmung sich bildenden 
 Gedachtnisassociationen fiir ausreichend zu halten, sowohl 
 
 ') of. Ferri, a. a. O. p. 2 ff, 341 ff. Ilissmann, p. 32 ff. Spuren dor Lehre 
 lassen sich, wonn man von den rein praktischon Regeln iil>er Gedfichtnisubung 
 und den rc'in physiolojrischen Spurenthoorien, z. B. der stoischen I'^ycholoKic, \vic 
 billijr, ganz absioht, auch wiilirend dieses Zeitraums, in wclchem iiules dio aristo- 
 telisclie 1'syohologio massfri-liond war, nachwoisen; su bci Maximus Tyrius (cf. 
 Siebeck I, 2 p. 309), fot'i Aiitcu.stin (of. Fcrri, p. 1), bei ISuridan (cf. Kiebeck, Beitrage 
 z. Entstehgsgeach. d. n. Psychol., Giesscn IHfil p. 27), lic-i .lobannes v. Salisbury (cf. 
 Windolband, f'.esoh. d. Pliilos. 1H!)2, p. 24:t). Hissmann fiilirt nocli cinigo Vertreter 
 
 aus dem elassisehen Altcrtum, n 
 absurd. Die planvolle Compositi 
 Zur Gesclnclitc des Associatioi 
 Scbriften nocb Ooerenz, vestigia 
 libris veterum impressa, Diss. Vit 
 
 mentlicii auoh Mnomotechniker an, t<Mhvcis<- 
 >n bora/isclier Oden als Beispiel fiir Association '.'. 
 sbc-jji-iffs vgl. atisser den bercits antrefiibrtfii 
 loctrinae de associations quam vocant idoartnii in 
 jbergae 179J ; Liebmann, zur Analysis der W'irklich- 
 
 keit, 2. Anflg. p. 4f>ff. ; Volkmann, Lehrb. d. I'sychol. I p. 430ff. 2. Auf]-.-. ; 
 Wundt, philos. Stud. VII, p. 329. 
 
 -) cf. Ferri, La psychol. de I'association etc. p. 2, 342.
 
 9 
 
 Inhalt als Form des Denkens zu erklaren. Die unverkennbare 
 Aehnlichkeit der ersteren rait den primitiven Formen logischer 
 Verknilpfung, sowie die unleugbare Thatsache, dass das Roh- 
 material des Denkens von den Wahrnehmungen und Associationen 
 geliefert wird, geniigte, die wichtigeri objectiven und subjectiven 
 Merkmale, welche die logischen Operationen von den Associationen 
 psychologisch trennen, iibersehen zu lassen und beide zu 
 identit'icieren. Aus dem erkenntnistheoretischen Standpunkt 
 des Empirismus an sich folgt zwar noch nicht die Notwendigkeit 
 einer reinen Associationspsychologie, insofern das Denken in 
 seiner psychologischen Eigenart als em freilicli inhaltsleeres, 
 aber doch willkiirlicb.es Verkniipfen von associative!! Complexen 
 und Namen, 1 ) etwa in der Art, wie Hobbes sich dasselbe 
 dachte und wie es Locke und Berkeley, ja selbst Hume, gelten 
 liessen, bestehen konnte. Aber allerdings lag der Schritt, 
 vermoge der Tendenz des Empirismus, die Erkenntnistheorie 
 durch Psychologie zu ersetzen,'-) nabe genug, das Denken 
 durch die Associationen vollends zu eliminieren. Diesen 
 Scbritt tbat Hume. Er wird mit Recbt als Begriinder der 
 eigentlichen Associationspsycbologie betracbtet, wenigstens was 
 das Princip anlangt. 3 ) Psychologisch ausgearbeitet und 
 naher begriindet wurde dieselbe kurze Zeit spater von Hartley, 
 dessen Schiller Priestley 4 ) wesentlich zur Verbreitung der 
 Lehre beitrug. So war der urspriinglich auf die Gedachtnis- 
 associationen beschrankte Begriff der Association zum Universal- 
 begriff geworden. Die Associationspsycbologie entwickelte sicb 
 in England, nur kurze Zeit durch die schottiscbe Schule be- 
 karnpft, ) consequent weiter und alle ihre Anhanger schlossen 
 sich mehr oder weniger eng an Hume und Hartley an. Durch 
 ihre modernen Vertreter bat dieselbe einen grossen Einfluss 
 auf die Psychologie des Continents gewonnen, ja die Psycliologen 
 gewissermassen in zwei Lager geteilt. 
 
 Aus diesem kurzen Ueberblick wird von vornherein klar, 
 welche Stellung Leibniz /um Associationsbegriff im allgemeinen 
 
 ') cf. Harms a. a. O. p. '298 ff. Den engen Zusammenhang dieser spiit- 
 nominalistischen Doctrin mit der Associationspsychologie betont Ferri p. 9, 321. 
 
 '-') cf. den Aufsatz von Konig ,,der Substanzbogriff bei Locke und Hume" 
 in den Philos. Studien I: p. 261 ff. 
 
 :; ) Dass Hume obenso wie Hobbes wenigstens factisch noch einen Unter- 
 schied statuicrte, war aoeben bemerkt. Vgl. namentlich Hume Treatise 14, :"> ; 
 IV 7; Ueberweg-IIeinze, 8. Auflg. Ill, 1 p. 228 Anin. Wenn Hobbes znweilen als 
 der Vater der Associationspsychologie bezeichnet wird, so gilt dies vorzugsweise 
 von der physischen Seite der Association. Indes lassen seine Erorterungen 
 iiber den discursus inentalis ein psychologisch eindeutiges Princip vermissen. Audi 
 seine physiologischen Anschauungen sind ganz grober Natur. Ueber Hume cf. 
 Ferri p. 1134. Harms p. :W6 ff., Hissmann p. 52. 
 
 J ) cf. Ferri p. 34 56. Schonlank, Hartley und Priestley, die Begriinder 
 des Associationismus in England 1882. 
 
 ") cf. Ferri p. 229,30.
 
 10 
 
 einnehmen \vird. Die eigentliche folgenreiche Entwicklung 
 desselben fallt erst nach Leibnizens Zeit, jedenfalls steht er 
 also noch am Anfang der ganzen Entwicklung. Ebe wir jedoch 
 ins einzelne eingehen und die concreten Anwendungen und 
 Ausgestaltungen des Begriffs hei Leibniz verfolgen, bedarf es 
 noch eines Blicks auf die Leibnizsche Psychologie im ajlgemeinen, 
 da sich aus deren Eigenart gewisso Grundsiitze auch fiir die 
 Behandkmg unseres speciellen Thomas zu ergeben scheinen. 
 
 Die Leibnizsche Psychologie ist wesentlich dadurch von 
 der Descartes' verschieden, dass sie den Versucli wagte, die 
 psychischen Erscheinungen aus der zu Grande golegten Seelen- 
 substanz ohne Zuhiilfenalmie weiterer Principien zu erkliiren. 
 Dass Psychisches nur aus Psychischeni interpretiert werde, 
 ist ein Postulat auch der empirischen Psychologie. 1 ) Diese 
 kann physische Processe nur dann in ihrer Interpretation 
 verwerten, wenn vermoge der Eigenart der psychischen Processe 
 der Zusammenhang derselben untereinander nicht luckenlos 
 gegeben ist. Unbeschadet der hoheren metaphysischen Einheit, 
 in welclie Physisches und Psychisches docli wohl eingehen 
 und innerhalb welcher sie in Wechselwirkung 2 ) stehen, kann 
 die Physiologic nicht als Grundlage der Psychologie und die 
 experimentelle Psychologie, sofern sie unter den Begriff der 
 physiologischen Psychologie fallt, als den Begriff der empirischen 
 Psychologie erschopfend betrachtet werden, int'olge der Un- 
 vergleichbarkeit, welche zwischen Physischem und Psychischeni 
 in der Erfahrnng besteht. Dies wurde schon die einfache 
 Tliatsache beweisen, dass uns die psychische Entwicklung eines 
 menschlichen Individiuims, beispielsweise Goethe's, durch Auf- 
 zeigung der parallelen Gehirnmechanik, gesetzt eine solche 
 Aufzeigung ware moglich. urn nichts verstandlicher wiirde. 
 wenn wir nicht vorher wiissten. was dieselbe psychisch bedoute. 
 Der Missbrauch der Physiologie znr Erklarung der psychischen 
 Thatsachen war aber ein (Jrundfehlcr der cartesianischen 
 Psychologie, :! ) wenn auch ein sehr leicht erklarlicher. Anders 
 Leibniz. Die Seele ist nacli ihm eine einfache, von der Aassen- 
 welt vollstandig unabhtingige Substanz, deren Inhalte siimtlich 
 urspriinglich in ihr liegen als gesetzmiissig succedierende, mit 
 Strebungon verl)iindene Perceptionen, deren unendlicheSumme der 
 unendlichen Sumrne aller iil)rigen Monaden entspricht I)ie>e, 
 seine metaphysischen Grnndanschauungen sind es. die Leibniz 
 veranschaulicht in der Bezeichnungder Monade als fensterlos und 
 als Spiegel der Welt. - So seheint Leibniz jenes Postulat 
 der Ei'kliirung psychisciier Erscheinangen aus psychischen zu 
 
 ') cf. Wiindt, Orundriss p. ! ; M.n.Ts p. tsi. I.ipps, (irundtliatsai'licii dcs 
 Seclcnlebens p. ti f. ISM. 
 
 ') cf. Sigwart, Logik I p. 5^0 ff. Wundt, System d.. I'hilos. p. 'MO. 
 > cf. Harms p. 234.
 
 11 
 
 erfiillen! Er betont in der That oft genug, dass Yorstellungen 
 auf natiirlichem Wege nur aus Vorstellungen entstehen konnten, 1 ) 
 wie Bewegungen aus Bewegungen, dass jeder gegenwartige 
 Zustancl der Seele die natiirliche Folge ihres vorhergehenden, 
 dass der zukiinftige Seelenzustand im gegenwartigen enthalten 
 sei, dass die Seele ihren eignen Gesetzen folge, wie der Korper 
 den seinen. Diese und ahnliche Formeln sind ausserlich ver- 
 wandt gewissen Grundsatzen der empirischen Psychologie, 
 besitzen aber in Wahrheit eine ganz andere Bedeutung, welche 
 sie empirisch unbrauchbar macht. Abgesehen davon, dass ein 
 concrete! 1 , specifischer Inhalt einer Vorstellung gar nicht 
 erklarbar ist unter Zugrandelegiing der Annahme, dass die 
 Monade, deren Wesen im Vorstellen besteht, wieder andere 
 Monaden. vorstellt, die sich auch nur wieder gegenseitig vor- 
 stellen, ist auch der Yorstellungswechsel der Monaden derart, 
 dass ihm mit empirischen Gesetzen gar nicht beizakommen ist. 
 Jede empirische Psycliologie setzt ja voraus, dass der Seele 
 das Material ihrer samtlichen Thatigkeiten von aussen 2 ) ge- 
 liefert wird, (lass weiter die Verkniipfung und der Wechsel, 
 der auf Grund der Sinneswahrnehmungen entstandenen Vor- 
 stellungen einer psychischen Causalitiit unterliegt, welche aber 
 als Ausschnitt einer alhunfassenden, uns nur in zwei Formen 
 gegebenen Causalitiit :) ) betrachtet werden muss, und deren 
 allgemeine Gesetze die Psychologie zu erforschen strebt, wenn 
 sie auch wegeri der grossen Compliciertheit iiusserer und innerer 
 Factoren nie imstande ist zu sagen, welcher Zustand auf einen 
 andern folgen wird. 4 ) - Anders Leibniz. Auch der zufallige 
 Inhalt der Sirmeswahrnehmung entsteht nach ihm aus der 
 Monade selbst, r >) nach einer gesetzlichen Ordnung, wie er sich 
 ausdriickt, worunter aber natiiiiich nui die praestabilierte 
 Harmonie aller Monaden verstanden werden kann.") Nur 
 diese kann es begreiflich machen, wie z. B. bei einem Spaziergang 
 auf die Wahrnehmimg eines Hauses die vollig heterogene 
 eines Baums folgen kann, rein aus der Seele selbst, und 
 wie ein Zusammenhang von Yorstellungen (lurch eine empirisch 
 aus demselben unableitbare Sinneswahrnehmung unterbrochen 
 werden kann, ohne Beeinflussung der Seele (lurch eine Aussen- 
 
 ') cf. Opp. p. 152 b, 707 a u. (">. Die Erclmannsclie Aus^abc wird fortan 
 cinfacli mit ,,()ppf, wobei die der Seitenzahl beigesetzten Buelistaben die Spalte 
 bodcuteii, citiert werden, die Gerliarcltsche Ausgabe mit ,,<)pp. ed. <i!' 
 
 -) cf. Wundt, System p. 134, 2!5 ff. 2. Auf Iff. 
 
 :: ) Vgl. hierzu im allgemeinen : E. v. Ilartmaiin, kritische Grundlegung des 
 transceiidentalen Realismus, der den Missbrauch des Worts Causalitiit in seiner An- 
 wenduiif; auf das blosse Sensations- und Vorstellungscontinuum, ein Grundfehler 
 aller idealistisclien Systeme, treffend durcli concrete Beispiele illustriert. 
 
 J ) ef. Sigwart, Logik II p. 519 ff. 
 
 r ") cf. Opp. p. 137 b; 207 b. 
 
 ll ) cf. Opp. p. 520; 590 b.
 
 12 
 
 welt, welche bei Leibniz infolge der Aufhebung der Wechsel- 
 wirkung ja ohne jeden Erklaningswert ist, ja uberhaupt nur 
 auf den mathematischen Begriff der Vielheit reduciert er- 
 scheint, 1 ) da jede Monade die Welt ist und eine blosse Vielheit 
 von Monaden nicht Welt genannt werden kann, da dieser Be- 
 griff nur dann wissenschaftlichen Sinn hat, wenn die Vielheiten 
 (lurch das Band der Causalitiit eine einheitliche Totalitat re- 
 prasentieren, welche in Hirer Geschlossenheit selbst einzelne 
 Wirkimgsweisen eines Ueberweltlichen ausschliesst, geschweige 
 denn auf diesen Begriff aufgebaut werden kann. Wenn 
 Leibniz von v Naturgcsetzen a der Seele redet (cf. opp. ed. 
 Erdm. p. 131b u. o., cf. auch Grotefend, Briefw. usw. p. Ill) 
 und sie in Vergleich bringt mit den M Naturgesetzen u innerhalb 
 der Korperwelt, so erklart or nach unseren Begriffen selbst am 
 besten, dass jene ersteren eine Fiction sind, wenn er sagt: 
 ,,J'ai dit aussi que 1'etat present de chaque substance est une 
 suite naturelle de son etat precedent. Or (dit-on) une suite 
 naturelle est une suite necessaire. Je repons que je n'accorde 
 point cela, et que je m'etonne qu'on avance de telles propositions, 
 pour me pouvoir iraputer des erreurs. Ce qui est naturel, est 
 convenable a la nature de la chose, mais ce qui est n6cessaire, 
 est essential, et ne sauroit etre change etc." (opp. p. 458 551). 
 Die Bemerkung, dass jede Vorstellung auf die folgenden Ein- 
 fluss habe, ist bei Leibniz ohne jeden Sinn. Er gelangt zu 
 dieser Illusion nur dadurch. dass er die psychische Reihe als 
 parallelgehcnd der physischen Reihe, \velche er, freilich auch nur 
 im Bilde, als eine causale auftasst, hinstellt und fur das Auf- 
 treten einer bestimmten Sinneswahrnehmung dock schliesslich 
 die Affection des Korpers durch ein iiusseres Object zu Hiilte 
 rut't, niclit jene angeblichen immanenten Xaturgesetze der Seele. 
 Beim Fehlen der Wechselwirkung hat aber die Annahme einer 
 Aussenwelt bios den Sinn, den Vorstellungen der Seele Objectivitiit 
 zu verleihen. welche andernfalls eine blosse Tauschung sein 
 wiirde, die jedoch -- (Jott nicht gewollt hat (cf. opp. p. i:-i2a). 
 Thatsiiclilieh ist die Seele sich selbst genug, denn ilnv V.r- 
 stellungen folgen nach den .,Gesetzen u , die - (i(tt ilir mit- 
 geteilt. 01) man dabei das immerwahrende Wunder des 
 Occasionalismus oder des subjectiven Tdealismus Berkeley's 
 oder mit U'ibniz ein l>\vunder annimmt. istfiir die psychologische 
 Betrachtung gleichgiiltig. Leibniz win! violmehr wider Willen 
 zu einem iinmerwiihrenden Wunder hin.trefiihrt. weil /war 
 denkbar ist. dass der Naturmechanismus. nachdein er einmal 
 ins Lehcii geruten. automatisch, iihnlicli einer aufgezogenen 
 Uhr abliiufr, wie ia selbst Kant' 2 ) nuch annalnn, fiir den 
 
 ') cf. Harms p. 'ill. 
 
 2 ) cf. Allg. Xatgesch. u. Tii. d. llimmels, Vorrede.
 
 Vorstellungsverlauf der Monade aber gar keine Gesetze aus- 
 findig gemacht werden konnen, welche in analoger Weise 
 einen automatischen Ablauf bewirkten. Wahrend z. B. die 
 Bewegung einer gestossenen Kugel notwendig bestimmt ist 
 durch die Art des Einwirkens der stossenden Kugel nach 
 mechanischen Gesetzen, ist die Schmerzempfindung oder Yor- 
 stellung eines Baums nicht im gleichen Sinne die Folge einer 
 vorausgegangenen Lustempfindung bez. der Yorstellung eines 
 Hauses. Vielmehr entsteht bier in der That mit jeder neuen 
 Vorstellungssuccession ein neues Wunder und Leibniz konnte 
 daher mit Recht seine praestabilierte Harmonie erne creation 
 continuce nennen (opp. p. 719 a). Bereits Bayle 1 ) hat in 
 seinen beiden Kritiken des Systems der vorbestimmten Harmonie 
 die Unfahigkeit desselben, den realen Yorstellungswechsel 
 uirklich zu erklaren. in uniibertrefflicherweise auseinander- 
 gesetzt und Leibniz versucht vergebens, mit gewissen der Empiric 
 zwar entlehnten, aber metaphysisch modificierten Begriffen, 
 wobei namentlich die Yerwertung des Begriffs der Disposition 
 nicht allein in clem empirisch einzig moglichen Sinne ais 
 Erzeugnisses eines actuellen Eindrucks, sondern auch im Sinne 
 der anerschaffenen immanenten Existenz desselben, sowie 
 der Begriff des Strebens eine Rolle spielen, die Einwiirfe 
 dieses scharfsinnigen Kritikers zu widerlegen. Man lese 
 namentlich die zweite Kritik Bayles, erschienen im 2. Bande 
 der 1702 erschienenen 2. Ausgabe des Dictionnaire historique 
 et critique als Remarque L des Artikels Rorarius (cf. opp. ed. 
 Gerh. IY 542 ff.) und vergleiche damit Leibnizens Gegen- 
 bemerkungen (cf. opp. ed. G. a. a. 0; opp. p. 183191). Die 
 Berufung auf die Allmacht eines Gottes, 2 ) die allenthalben in 
 einer fast ermtidenden Weise wiederkehrt, bleibt doch schliesslich 
 der letzte Rettungsanker Leibnizens, der hier treffend das 
 Goethesche Wort bewahrheitet: ,,Gegner glauben uns zu 
 widerlegen, wenn sie ihre Ansicht wiederholen'.' Yon diesem 
 Standpunkte aus sind natihiich empirische psychologische 
 Gesetze, also auch Associationsgesetze, nicht nur unmoglich, 
 sondern auch vollstiindig iiberfliissig, weil die praestabilierte 
 Harmonie aller Monaden hinreicht, auch die wunderbarsten 
 Erscheinungen zu erklaren und jede Skepsis von vornherein 
 abzuschneiden ; daher sich denn auch die damaligen Gegner 
 
 l ) Vgl. auch Briefw. mit Arnauld und Jaquelot, Opp. cd. G. II, sowie die 
 Einwiirfe Fouchers (Opp. p. 129). 
 
 -) ,,Tout arrive dans ehaque substance en consequence du premier estat 
 que Dieu luy a donne en la creant et le concours extraordinaire mis a part, son 
 concours ordinaire ne consiste que dans la conservation de la substance memo 
 conformement a son estat precedent et aux changemens qu'il porte" (Grotefend, 
 Briefwechsel usw. p. 89). Ebenda )). 123 heisst es : ,,Rien ne luy (a la substance) 
 arrive que de son fonds, et en vertu de ses propres loix pourvu qu'on y joigne 
 le concours de Dieu!'
 
 14 
 
 Leibnizens relativ erfolglos bemiihten, nicht zum mindesten 
 freilich auch, \veil sie selbst mehr oder weniger die Gepflogen- 
 heit liatten, philosophische Probleme unter religios-ethischen 
 Gesichtspunkten zu erortern. In dieser Beziehung fallen fur 
 uns mit dem durch die Kantische Kritik beseitigten iiber- 
 sinnlichen ontologischen Standpunkt iiberhaupt auch dessen 
 Folgerungen. Daran andert also auch nichts die Moglichkeit, 
 die praestabilierte Harmonic als einc logische Ordnung der 
 Dinge aufzufassen, welche von der praestabilierenden Willkiir 
 eines Gottes relativ unabhangig, gewissennassen notwendig aus 
 seinem Geiste folgte, eine Interpretation, zu der ja Leibniz 
 selbst durch seine Zuhiilfenahme des Stetigkeitsprincips uns 
 veranlasst und mit der er sich sehr dem Spinozismus nahert. Wie 
 im letzteren. so haben dann auch bei Leibniz die concreten 
 Sinnesvorstellungen keine rechte Stelle. 1 ) Die gesamte, bunte 
 Mannigfaltigkeit concreter Ausgestaltungen, die \vir mittels der 
 Sinne wahrnehmen, verfliichtigt sich in einen wesenlosen 
 Schein zu Gunsten einer logisch-mathematischen Ordnung. ,,Die 
 Ordnung der Dinge, die unseren venvirrten Sinnen als die des 
 Raums und der Zeit sowie der Ursache und Wirkung erscheint, 
 schwindet in dem klaren Lichte des Uenkens und weicht einer 
 in dem Geiste des Schopfers, in dem Geiste Gottes lebendigen 
 Ordnung u (Merz, Leibniz. A. d. Engl. von Schaarschmidt 1886, 
 p. 150). 
 
 So schlosse Leibniz' System jede empirische Psychologic 
 aus? Der Vorstellungswechsel ist ja nicht ausserlich und 
 innerlich determiniert,-) die praestabilierte Harmonie bestimmt 
 sowohl den Vorstellungsverlauf meiner Seele, als den Verlauf 
 
 ') Auch die Begriffe des strengen Spinozismus sind demnach nicht direct 
 empiriseh interpretierbar, da die beidon parallel nebenoinander herlaufenden 
 Attribute der Ausdehnung und des Denkcus ebensowenig eine thatsaohliohe Ver- 
 mittlung finden wie in Leibnizens praeetabilierter Harmonie und die ordo und 
 suceessio in beidon Reihen, gonau wie bei Leibniz, nicht einer empirisch zu er- 
 forsohenden Causalitiit untcrliegcn, sondcrn einfach als thatsachlicli liingonommen 
 werden und in einer uberempirischen Substanz untorfjeben, deren intuitive Be- 
 trachtung nllein die aduetitiatc Erkenntnis liefcrn soil (ef. Harms p. 245 ff.). Von 
 der suceossid idearum Spinozas gilt genau dasselbe, was wir oben fiber den rein 
 metaphysisch begrundeten Vorstellungsverlauf in der Leibnizschen Monade be- 
 merkten. Es i^t in. K. inissverstandlich, wcnn Hoffding (Oesch. d. n. Philos., 1895 
 I p. :i58). ersteren Vorstellungassociation nennt. Audi wenn man Spinozas System 
 nur als ppycho-physischen 1'arallelismus betraehtet und von der erkenntnis- 
 theoretisch-logischcn Seite des letzteren (ef. Hoffding a. a. O.I, p.:)48; Paulsen, 
 Einleitg. in d. I'liilos. 4. Aufl. p. !IO) abstrahiert, bleibt nur praestabilierte Harmonie 
 iibrig. die aber zu ganz anderen Conse<iucnzen fuhrt als das empirische Princip des 
 psychophysischcn I'aralleli.smus (ef. Striini]iell a. a. < . I, p. :(.">, Harms p. 202). - 
 I'cbrigens waren dem Spinoza <iie empii'isc'ien (lesetzo der Association bekannt 
 (cf. Ktli. II, IS; Tract, theol.-pol. cap. 4). Auch er kennt bereits die beidcn Gruppen 
 dec Heriihriings- und Aehnlichkeitsassociation. Seine pliysiolo^ische Erklarung der 
 Gcdaclitnisvor^anire ^esclii* 1 !!! naeli der herrschenden cartcsianisclien Sj)iirentheorie. 
 
 ') ef Wahle, lieschreibiing und Einteilung der Ideenassociation, Vierteljschr. 
 f. w. 1'liilo.-. INK,, p 4U7. Lange, Resell, d. Mat. II, p. 397, .",. Auflg. 96.
 
 15 
 
 der Bewegungen des Korpers, welche sich ja auch letzten 
 Endes auf die Vorstellungsthatigkeit niederer Monaden reducieren. 
 NUT in diesem Sinne konnte man von einer immanenten 
 Causalitat des Yorstellungsverlaufs sprechen, ja diesen sogar 
 mit der Ideenassociation vergleichen: eine Vorstellung bez. 
 Wahrnehmung succediert der anderen, olme Dazwischenkunft 
 einer ausseren Einwirkung. Es besteht nur Succession von 
 Yorstellungen, aber nicht nach Gesetzen. die auch nur entfernt 
 den Associationsgesetzen ahneln. Bayle sagt: . . . accordons 
 luy la metamorphose des pensees, mais pour le moins faudrat 
 il que le passage d'une pensee a 1'autre renferme quelque 
 raison d'affinite. Si je suppose, que dans un certain instant 
 1'arne de Cesar voit un arbre, qui a des fleurs et des feuilles, 
 je puis concevoir (en supposant qu' un esprit cree pent se 
 donner des idees a luy meme, non obstant les raisons qui nous 
 empechent de le comprendre) que tout aussi tot elle souhaite 
 d'en voir un qui n'ait que des feuilles, et puis un arbre, qui 
 n'ait que des fleurs, et qu' ainsi elle se fera successivement 
 plusieurs images, qui naitront les unes des autres. Mais on 
 ne saurait representer comme possibles les changemens de 
 blanc au noir et de oui au non, ny les sauts tumultueux de 
 la terre au ciel, qui sont ordinaires a la pensee de rhomme" 
 (Opp. ed. G. IV 545 f.). 
 
 Mit solchen rein metaphysischen Begriffen verbinden sich 
 nun aber bei Leibniz in nicht geringem Grade empirische 1 ) 
 Elemente, feinsinnige psychologische Bemerkungen, allenthalben 
 in seinen Schriften, namentlich in seinen ,,Nouveaux essais", 
 verstreut, welche rein aus der Beobachtung geschopft sind 
 und durch welche er seine starre metaphysische Psychologie 
 zu vervollstandigen und begreiflich zu machen suchte. Diese 
 empirischen Elemente - - wir brauchen hier nur auf den von 
 Leibniz eingefiihrten Begriff der Apperception, seinen Begriff 
 der petites perceptions, seine Unterscheidung der hoheren 
 Willensformen von den niederen, triebartigen, hinzuweisen, - 
 sind es, die wir behufs einer selbstiindigen Bearbeitung aus 
 Leibnizens Metaphysik auszuscheiden suchen miissen, was 
 natlirlich nur durch Abstraction geschehen kann, da auch seine 
 empirischen Anschauungen mohr oder minder metaphysisch 
 schillern, daher sie sich auch mit modernen empirischen Be- 
 griffen der Psychologie kaum je vollkommen decken werden. 2 ) 
 
 ') Leibniz, obwohl selbst noch wesentlich speculative! 1 Pliilosoph, legt iloch 
 auf die Empiric hohen Wert. Er lasst sich keine Gclegenheit entgehen, olme 
 nachdriicklich auf dieselbe hinzmveisen (cf. Opp. p. 392 b). 
 
 2 ) Daher riihren z. B. die verscniedenen Tlebersetzungen los Ausdruoks 
 
 ,, petites perceptions" in Schaarschmidts Uebersetzung der N. E. 1 
 Es ist eben nieht moglich, diesen Begriff durch einen deutschen e 
 wiederzugeben. Leiljniz hat diesen Begriff, wie wir sehen werden, a 
 von seiner metaphysischen Bedeutung, selbst empirisch so verschie 
 
 oi Kirchmann. 
 n fiir allemal 
 ich abgesehen 
 Ion verwertet.
 
 16 
 
 Es hleibt eben ein Hauptfehler der Leibnizschen Philosophie, 
 dass ihr Urheber bald seine abstracte Monadenlehre vortragt 
 ohne die concreten Verhaltnisse und Ereignisse aus einer strengen 
 Festlialtung seiner Lehre, was eben unmoglich war, abzuleiten, 
 bald sich aber nur in den concreten Verhaltnissen bewegt 
 niit einer Auffassungswei.se, die mit der Monadenlehre unvereinbar, 
 /.urn mindesten von ihr verhaltnismassig unabhiingig ist. - 
 Behandlungen der Leibnizschen Psychologie findet man, ab- 
 gesehen von den Wei-ken iiber Gescliichte der Philosophie und 
 einzelnen Monographien, die besondore Begriffe bei Leibniz 
 behandeln, in dem Werke von ,,Harms, die Philosophie in 
 ihrer Geschichte, I: Psychologie 1878 U , der jedoch in. E. die 
 wichtigen Puntcte wenig hervortreten la'sst und seine im wesent- 
 lichen zutreffende Kritik der Leibnizschen metaphysischen 
 Psychologie durch sehr anfechtbare eigne Ansichten erganzt, 
 ferner bei ,.Dessoir, Geschichte der neueren deutschen Psycho- 
 kgie seit Leibniz 1891V', der aber Leibniz nur wenige Seiten 
 w id met, sodann in einer Monographie Kirchners, betitelt: 
 ,,Leibniz' Psychologie, ein Beitrag zur Geschichte der Philosophie 
 und Naturwissenschaft lS7r>:' Kirchner erlautert njimlich 
 Leibnizens Panpsychisnms durch Parallelen mit naturwissen- 
 schaftlichen. speciell darwinistischen Anschauungen, wie ich 
 glaube allerdings vielfach in einer rein ausserlichen Weise, 
 wie es der Natur der Sache nach kaum anclers moglich ist. 
 Derartige Analogien, ausgedehnte natunvissenschaftliche Excurse, 
 praevalieren derart, dass die eigentliche Psychologie, wie 
 Barchudarian 1 ) richtig bemerkt. ziemlioh schlecht wegkommt. 
 Man findet auch erne scharfe Trennung der paraphrasierenden 
 Excurse von den eigentlichen Ansichten Leibnizens nirgends 
 in wiinschenswerter Weise durchgefuhrt. 
 
 Nach diesen Vorbemerkungen, durch welche die allgemeine 
 Stellung Leibnizens in der Entwicklung-sgeschichtedesAssociations- 
 begriffs und das Verhiiltnis seiner Metaphysik zu deniselben 
 fixiert \vurde. wenden wir uns zu unserer eigentlichen Aufgabe. 
 
 Von don >ben genannten Denkern -) die vnr Leibniz den 
 
 (lass (lie Mohrhoit dcutsclicr Paraphrase!), sobald sit' nur don Sinn treffcn, diirchaus 
 niclit t:idoln.swfrt ist, wie Barchudarian (Imvicfcrn ist Lcibniir in dor Psychologie 
 i-in Von.'!inj:er HerbartsV Jena 1K8!) i>. 22) ^laubt, der dartnn slots den Ausdruck 
 ,,)ictite j)erco|itii.n", dt-r aber dann ein loerer Name blcibt, in seiner Abhandlung 
 beibehalt. 
 
 ') Uarrlmdarian, a. a. O. p. 2'2. 
 
 I Ks k'"-nnt-n noch Descartes und Malobranche ponannt werden. Ersterer 
 spricht v..n den assneiativon Vorstellunpsverbindunjren als oineni ,,Leiden" der 
 Sei-le in den Artiki-ln de iniaKinationibus dor Passimies nniinae. Man vergleichc 
 iiaincntlii-h articnlus I, L'l. wfi er die Triiunio und die Uilder, die uns im Wachen 
 vfirschwfbfii. wcnn unsero (Jcdankt-n fr-'i liTiiinsch weifen, nhne auf otwas ihre 
 Aufnierksainki'ii /u rirlit(>n, hierlier rodmi-t (cf. hierinit Leibniz Opp. p. 253 b), 
 und art. I, fJ Was seine Krkli'irnnj; betrifft, so '.temerken wir ein fortwahrendes 
 Hin- und Il< rschwanken /wischen den Ansdriicken Thun und Leiden, Vorstellungen,
 
 17 
 
 Begriff der Association behandelten, konnon als Leibniz 
 direct beeinflussend nur Hobbes und Locke gelten. Kine 
 Anlehnung Leibnizens an den ersteren, der die hierher 
 gehorigen Probleme unter dem Namen dos ,,discursus mentalis" 
 oder ,, series cogitationum" behandelt, ist nicht nachweisbar. 
 Leibniz erkennt Hobbes' Scharfsinn allenthalben an, allein os 
 liegt in der Natur der Sache, dass so diametral entgegen- 
 gesetzte, auch mit verschiedenen orkenntnistheoretischen 
 Standpimkten verbundene metaphysische Systeme wie der 
 consequente Materialismus eines Hobbes und der Spiritualismus 
 Leibnizens wenig Anziehungskraft aufeinander ausiiben konnten. 1 ) 
 Dorjenige, an den sich Leibniz direct anlehnt, und zwar in 
 einer besonderen, abgeschlossenen Behandlung der Frage, ist 
 Locke, 2 ) der zuerst das Wort Association" in die Psychologie 
 einfuhrte. :! ) Er widmet der ,,association of ideas" im Essay con- 
 
 clic vom Korper und die von der Seele kominen u. s. w. Die schliessliehe Inter- 
 pretation ist immer rein pliysiscli, wiilirend der psychologiache Thatbestand niclit 
 niiher analysiert wird. Der Seele bleibt scliliesslich nur die giinzlich inhaltleere 
 formale Denkfunction. Aehnlicli verhiilt es sich mit Malebranche, dessen Psycho- 
 logie ja durchauscartesianischist (cf. E. Erdmann, Gesch. d.Philos. Up. 42, 4. Aufl. 1896), 
 abgesehen da von, dass er Descartes' unfertige Annahme eines influxus physicus 
 untcr Assistenz Gottes (cf. Harms p. 234) zum consequenten occasionalistischen 
 System weiterbildete. Unleugbar lag in der Auffassungsweise des Verhiiltnisses 
 von Physischem und Psychiscliem als eines rein empirischen, nur per occasionem 
 gegebenen ein Antrieb, die Abhiingigkeit der Thatsachen innerhalb jeder Sphare 
 gesondert zu untersuchen. Das Gesetz der Association auf Grund von Gleichzeitig- 
 keit war Malebranche wohlbekannt und wurde von ihm fiir die Erkliirung des 
 Gediichtmsses und der Gewohnheiten in hoherem Grade gewurdigt als von Locke. 
 Am klarsten ist es ausgesprochen in dem Abschnitt von Teil 2 des II. Buches (Do 
 1'imagitation), in dem er von der ,, liaison des traces les uns avec les autres" und 
 folglich auch der ihnen entsprechenden idees handelt, durch Beispiele erliiutcrt 
 und physiologisch mit der Leichtigkeit begriindet, mit der die Lebensgeister den 
 friiher gleichzeitig entstandenen Spuren folgen, weniger in der von Hissmann 
 ausgezogenen Stelle, wo nicht von der ,, liaison des idees avec les idees", sondern 
 ,,des idees avec les traces" die Rede ist, worunter namentlich auch die willkiirliche 
 T erbindung abstractor Begriffe mit sinnlicheii Zeichen verstanden wird, daher der 
 Gedanke, dass die bei Malebranche in unsicher schwankeiider Weise bald Physisches 
 bald Psychisches bezeichnenden traces (cf . auch III 2, 3 : image (jiie 1'imagination trace 
 dans- le cerveau !) ohne die Thiitigkeit des Willens mit den idees sich nicht decken 
 \viirden, wiihrend nach unseren Begriff en dasselbe Psychische natiirlich stets von dem- 
 selbenPhysischenbegleitetist. Bei Malebranche bezeichnet ,,traces" bald denGehirn- 
 vorgang bei einer sinnlichen Wahrnehmung, z. B. eines Baums, Bergs (cf. die 3. Ursache 
 der liaisons des idees avec les traces a. a. O.), bald den Gehirnvorgang und ausserdem 
 noch die sinnliche Vorstellung, wobei dann idee entvveder abstraete Vorstellung 
 idee de pure intellection oder auch Gefiihle (die Verbindimg von Gefiihlen mit 
 gewissen Wahrnehmungen heisst a. a. O. liaison des idees avec les traces) bezeichnet. 
 Zwischen den niederen Seelenvermogen der sensation und imagination, die der 
 Seole nur insofern zukommen, als sic mit einem Korper verbunden ist und deu 
 hi'ichsten, eigentlich erkennenden und der Seele allein eigentlich wesentlichen 
 (Pentendement pure) besteht cine unvermittelte Kluft, wie bei Descartes (cf. Buch III 
 der Recherche de le verite). 
 
 ') Im allgemeineii cf. Tonnies, Philos. Monatshefte XXIII, p. 557 1'f. 
 
 '-') cf. Ferri p. 2 ff . Harms p. 306 f I'. 
 
 :; ) cf. Ildffding, Ps. in Umr. deutsch von Bendixen 1887, p. 196. 
 
 2
 
 18 
 
 corning human unterstanding einen besondercn Abschnitt. 
 \\-elchem Capitcl XX Mil des xweiten Buchs der Nouveaio 
 ossais Loihni/ons entspricht. Hiermit ist x.u yergleichen der 
 Ausxug. den sich Leibnix bereits 1701 aus oinigen ihn be- 
 sonders interessierenden Stollon der viorton Auflage von Lockes 
 Kssays, iiberset/t von Costc. gcmacht hattc (of. Guhrauer, 
 Lcibnix' Deutsche Schriften ls;?S, II. ]). :51S ft). L(?ibiiix hai 
 namentlich diejeniiren Stellen ausgo/ojron und rait Bemerkungen 
 M-rsehcMi. die in jener vierton Auflage nou hinzugekommen 
 \varen. so aueh das Capitcl von der association of ideas. Da 
 dieser /usatx ihn besonders interessierte. so scheint er den 
 ahnlichen Krorterungen von H<>l)l)es und namentlich von 
 Malebranche keine bcsondoro Aufmerksamkeit geschenkt xu 
 haben. Bei der ongou Bexugnahnie Leibnixens auf die ol.cn 
 eitierte Stelle Lockes ist es wohl am Platxe. orst auf letxtere 
 mit cinigen kurxen Worten oinzugohen.
 
 Lockes Associationsbegriff, 
 
 Lockcs Ausgangspunkt ist eigentiiml ichor Art. Er geht 
 von gowissen Seltsamkeiten in den Meinungen, Begriindungen 
 und Handlungen dor Menschen, die ilinen selbst moist vcr- 
 borgen hleihen aus. die er eine Art Yerriicktheit 1 ) nennt, wir 
 wiirden vielleicht sagen -- sit venia verbo! -- Schrullen oder 
 Vorurteile. Hire direct Ursache findet er in einor ,,unnaturlichen" 
 Verbindung xweier oder nielirerer Vorstellungen, die nur auf 
 /ufall oder Gewohnheit beruhe, und von denen die eine die 
 Fiihigkeit besitze, die and ere ins Bewusstsein xu xiehen. Er 
 ninnnt seinen Aiisgangspunkt demnach, entgegen don fruberen 
 Boarbeitern des Associationsbegriffs, nicht von alltaglichen Er- 
 scheinungen des normalen Soelenlebens, sondern von gowissen 
 Absonderlichkeiten, ja pathologischen Abnormitaten. Ohne 
 sich dor Association in ihrer fundamentalen Bedeutung anch 
 nui 1 l>oi oineni Erinnerungsact bewussst xu sein, geschweige 
 denti ihrer Bedeutnng fiir das logische Denken, den sogenannton 
 ,,nattirlichen" Yorstellungsverbindungen Lockes, verraissen wir 
 aucli vollstandig eine sachgemasse Angabo aller wosentlichen 
 Alorkinale dor associativon Vorstellungsverbindiingen. Seine 
 Abgrenxung derselben von den logischen Vorstellungsver- 
 bindiingen involviert eine Vermengung des erkenntnistheoretischen 
 
 ! ) liereits Malebranche, (lessen Work an interessanten psychologischen l!e- 
 incvkun^en rc-icli ist, liatte diese und iilinlichc Erscheinunyen auf cin Ucborwiogen 
 ilcr imagination iiber don Willcn xiiriiekgofiihrt, namentlich dor ,, imagination 
 ftirtc", woruntcr er dio Kinprafiunfr besonders tiet'cr Gehirnspuren versteht, die 
 bci jedcr Gelegenheit wii-ksam werdon und so die ilineii entspreehenden Vor- 
 stellungen init sich t'iibren. JIan vergleiche nanientlicli II:!, Cap. 1 u. 2. ]>ie 
 Abhiingigkeit Lockes von diesen Erorterungen ilalobranelie' ist ganx augenfallig, 
 /unial Locke Malebrancbo' Werk golesen und init I.einerkungen verselien bnttc 
 (i'f. Locke Works IX p. L'4T und Leibnix O[)[i. p. GilO). Indes ist fiir Malebranche 
 lie Association uieht nur bei derartigen Erscheinungcn wirksain. Sein Standpunkt 
 ler Hotraclitung ist also nn/wcMt'elliat't allgomoiner als derjenige Lockes. Dieser 
 vurde vielleicht durcb seine Abneigung gegen die inal i-riulistisclii' Erkliirungsweise, 
 lie in Malebranclie' psychologisclicn Erorternngen ilurcliaus vorlierrsclit, veranlasst, 
 iie Wirksamkeit der Association auf abnorine psychische Ersclieiiiiingen zu 
 beschranken.
 
 20 
 
 und psycbologiscben Stanrlpunkts. Psychologisch betracbtet \st 
 es unriobtig, die letxteren als Verbindungen xu betrachten, 
 die im AVesen dor Dingo objectiv begriindet und die der Verstand 
 als ..natiirlicbe" nur xu ergreifen brauche. Das wesentliche 
 psycbologiscbe Charakteristicum ist vielmebr das Bewusstsein 
 zweckmassig vcrkniipfender Tliiitigkeit, wobci die Verbindung 
 nur oino subjectiv bogriindetc xu sein braucht. Die Psycho- 
 logic boscbiifrigt sicb ja nicbt niit don Praedicaten, die den 
 Vorstellungsverbindungen vom erkenntnistheoretischen Stand- 
 punkt aus' zukommen. Hoi Locke verscbwimmen infolge der 
 Vonnongung beidcr Disciplinon die Associationen ^mit den 
 unter Einfluss von Xeigungen. Intorosson, t'alscher Krziehung 
 und mangelnder Kinsieht entstebenden objoctiv imbegrundeten 
 Urteilen, 1 ) dio /war. wio jode Urteilstbutigkeit, auf Associationen 
 Iteruben. abor von ibnon psyclmlogiscb xu trennen sind. Denn 
 die Association scbafft nur die Bewusstseinsinhalte lierbei, die 
 abor daniit nocli nicht ou ij)st> Ingrodienxion der Gedanken- 
 tbatigkoit bildcn. sonst kdnnte ja jenuind fiir seine bornicrten 
 Urteile die Association vorantwortlicb macben. wabrond man 
 niit Recht in gewissom Sinne falscb denken falscb wollen 
 gcnannt bat (Kromann. Vierteljahrschr. f. wiss. Pbilos. 9. p. 29, 
 Anm. 1). So werden in ?j (i unseres Capitels xu diesen so- 
 gcnanntc'ii unnatiirlichen Vi-rkniipfungon der Vorstellungen auch 
 solche gcM-cclmet. welche al)sichtlicli sind, worunter wobl nur 
 Yornrteilo im buclistablicben Sinn des AYort>, d. i. falsche 
 I'rteilo, die wir aus nur wonigon /ufiillig gegcbenon Daten, 
 vorschnelle Verallgemeinerimgen, bildon. verstanden werden 
 ki'.nnon, d. b. also Producte unscM-iM- oigonon Tliiitigkeit, bekanntlich 
 cin Morkmal, welches oino strongo I'sycbologie don Associationen 
 at)s])richt. wabrond andororsoits dio Associationspsychologie stets 
 dui-ch Vorkonnung dieses wicbtigon I'ntei'schieds sicli die \Vogo 
 xu olmon wusste. den Namen ..Association" auf alle Vor- 
 stollungsvorbindungon xu iibrrtragon. Horoits boi Locke, wie 
 sch..n vor ibin lu-i Hnbbcs. ki'mnon wir di- spiitoro Vermengung 
 v.Tird'ildot t'inden. Von dieser ab>iebtlichen Form der un- 
 natiirlicliMi Vorstellungsvorbindungen werden nun wioder die 
 xutallii;''!! im engcrn Sinne untcrsctiieden. Darnnter miissfn 
 wir \\nl,! besonders i|iialifioiorto Bedingungen.der Wabrnehmung, 
 Krxifhiinu. der Neigung. des Interesses vei-stelien. welcbe eine 
 ehcnvM grosso Mannigt'altigkeit (|iia!ificierter und darum relativ 
 xut'iii!iL r er \'orurteile liedingen. I Me pbysiologiscbe Krklarung, 
 die or VMM d.-r a>suciation of ideas gieht vermittels Dispositionen 
 der lieweiruiii;- der L<'ten>gei>ter, erinnert in letxterer Hexiehung 
 mi I)'scartf< und Malebranob.-. im I'riiurip an die Vorstellungen 
 der >piiteren Associationspsycbologfii und selbst unseror 
 
 ler f:il.-clics Trt<-il'-n oline wciteres niit
 
 21 
 
 modernen Psychologic. Damit ist freilich tier Irrtum verbunden, 
 als ob die sogenannten natiirlichen, d. h. logischen Verbindungen, 
 an ein einfacheres physiologisches Substrat gebunden waren. 
 Es heisst: ,,durch das haufige Betreten wird or (sc. der Weg 
 der Lebensgeister) zu einem glatteu Pfade und die Bewegung 
 vollzieht sich so leicht, als wenn sie eine natiirliche ware." 
 Im iibrigen diiickt sich Locke iiber diesen Punkt, wie Ferri 
 richtig bemerkt, sehr vorsichtig aus. Er wagt die heute 
 allerdings gegenstandslose Frage, ob der physische Associations- 
 vorgang die Ursache des psychischon sei, nicht zu entscheiden, 
 halt aber eine Antwort im bejahenden Shine fiir nicht ganz 
 ausgesclilossen. Jedenfalls gilt ihm die physische Interpretation 
 als Hiilfsmittel des Yerstandnisses der betreffenden Processe. 
 Ini weiteren giebt Locke Anwendungen seines Princips und 
 bekraftigt es (lurch eine grosse Anzahl von Beispielen, auf 
 die na'her einziigehen nicht unsere Aufgabe ist. Ererklart damit 
 gewisse unserer Sympathien und Antipathien, Fiille von moralischer 
 und intellectueller Depravation, Hallucinationen, Erscheinungen 
 ferner, die wir heute als Gefiihlsirradiationen bezeichnen u. s. w. 
 Alle diese Beispiele bieten uns in der That psychische Er- 
 scheinungen dar, in denen Associationen wirksam sind, sodass 
 Ferri zu dem Ausspruch berechtigt war: ,,tout le nionde con- 
 nait les belles observations, qu'il (sc. le chapitre) contient sur 
 les erreurs et les prejuges, dont les associations formees par 
 le hasard et par 1'habitude sont la cause" (a. a. 0. p. 3). Locke 
 wendet das Princip, z. B. auch in seiner Behandlung des 
 Substanzbegriffs, instinctiv an ohne sich seiner allgemeinen 
 Bedeutung bewusst zu sein. Xicht in einerlogisch unbegrundeten 
 inhaltlichen Verkniipfung von Yorstellungen besteht die 
 Association, sondern in einer Verkniipfungsart, die wir nur 
 auf psychologischem Wege constatieren konnen. Im ganzen 
 konnen A\ir uns wohl der Beurteilung von Schonlank 1 ) an- 
 schliessen, wenn er seine Kritik des Lockeschcn Associations- 
 
 begriffs in die "VVorte zusammenfasst: , seine einseitige 
 
 Beriicksichtigung des rein Zufiilligen, seine mangelhafte Be- 
 handlung der Genese vergesellschafteter Vorstellnngen. die 
 Vorkenmmg der Wirkungen, eine natiirliche Folge seiner Be- 
 schrankung auf gewisse gemiitliche Functionen ist ganz ot'fenbair 
 
 .Diese kurze Besprechung des Lockeschen Associations- 
 begriffs mag fiir unsern Zweck geniigen. Was die Kritik 
 desselben betrifft, so werden wir bei der Abhangigkeit Leibnizens 
 von Locke in Verfolgung unserer allgemeinen Aufgabe Anlass 
 haben, dieselbe eingehender zu begriinden bez. zu erweitern.- - 
 
 Leibniz giebt in dem oben citierten (Japitel seiner Essais 
 einen Auszug aus dem Lockeschen Capitel und fiigt selbst 
 
 ! ) Schonlank a. a. O, p. 2.
 
 22 
 
 noch einige Beispiele hiimi, welche wesentlich derselben Art sind. 
 \Vir fiihren sie hier an, weil uns dieselben spa'ter als Grund- 
 lage unserer historisch-kritischen Bemerkungen dienen sollen. 
 Descartes, sagt er, hatte in seiner Jugend eine Xeigung fiir eine 
 schielende Person und konnte sich sein gauzes Leben lang nicht 
 entschlagen. Personen. die mit dem gleichen Fehler behaftet waren, 
 xugeneigt xu sein. Yon Hobbes wird berichtet. dass or 
 
 nachts von Gespensthallucinationen erschreckt wurde, - well 
 ihm in seiner Jugend von Gespenstern und ihrem Treiben bei 
 Xacht eixahlt worden war. - Die bekannte Abneigung gegen 
 die /aid lo selbst bei aufgeklarten (?) Lenten wird gleichfalls 
 als Beispiel fiir Association angefiihrt und in derselben Weise 
 wie die Erscheinung im vorhergehenden Beispiel begriindet. 
 Ferner wird von einem Edelmann berichtet, der weil er viel- 
 leicht in seiner Jugend von einer schlecht gesteckten Xadel 
 verwundet worden war, nicht mehr eine solche in iihnlicher 
 Lage sehen konnte, oline mit Ohnmacht xu kampfen. 
 Besonders interessant ist das letxte Beispiel. in welchem Leibniz 
 seinen Erklaruugsversuch allgemeiner gehalten hat. Kin 
 erster Minister, welcher am Hofe seines Herrn den Rang eines 
 Praesidenten inne hatte. fand sich durch eine Schrift beleidigt, 
 worin der Yerfasser unter den von ihm fiir iiberfliissig ge- 
 haltenen Justixbeainten auch die Praesidenten genannt hatte, 
 obwohl hier das Wort in einem vollig verschiedenen Sinne 
 gebraucht war. - - da er das Wort so eng mit seiner .Person 
 verbunden hatte, dass er sich davon beleidigt fand. .,Et c'est 
 un cas" heisst es nun weiter. ..des plus ordinaires des associations 
 non-naturelles. capables de tromper. que celles des mots aux 
 choses, lors mome ((ii'il y a de lY'(|uivo(jue:' Weiterhin werden 
 dann diese associations non-naturelles auf ein allgemeines Gesetz 
 der Gedaehtnisverkniipfung benachbarter Inhalte znriickgefiihrt. 
 Leibniz geht, wenigstens was die Mehrzahl seiner Beispiele 
 anlangt, die er fiir die Association l)eibringt, nicht iiber den 
 von Locke emgenommenen beschriinkten Standpunkt hinaus.'j 
 
 : ( Fine abweiehende AiiMi'lit hatte Leiliui/ in jenen obeu erwiihuten, ])oreits 
 1701 niedci'^csclirieliencn lieinerkuujjcn aufj, r e<tel]t. I'.r ill der Vor^respllschaftung 
 der Idc-cn niclit direct cincu Kinl'luss auf Kntstcliuiii; von falsclien 1'rteilen hei- 
 uie~^i-n, (iie er vielmelir au- einem teilwei.-.en Versa^cn de- logisclien (ied:iclitnisses 
 und inauuelndci- An-tren^unjj .|es Willcns abli-itet, sondern er.--t durch Verniittluuc 
 drr Affi i-tt- (cf. (luliraiier, I.eihui/' Dcut-clie Scliriftcii ls;;s, II p. :(L".). I.eilmi/ 
 hat hie,- <.ff-nl.:ir die UrdcMitun-.' der Assooiatidii richti^er crkannt als in unsercm 
 'apitel der spiiter ireM-hriclirneu X.I-'. Wenn er der Assiieiation oft affocterregciulc 
 \\ i''knn^ r /usclii'i-ilii , >o i-t tiekannt, wie -ehr nlle unsere zusainincnjre.sct/tcn Gefiilile, 
 we|r||i. j;i ,'i't- an eine Vorstclluii^sj.'ruiidlai.'e yi-lniudeu ,-ind. und deniyeniiiss auch die 
 Affectc, we'che an- jeneii iii'rvorL'elnMi, von der A^Miciation : lili;iny;eii, liejspii-ls- 
 '.veise weuu ii'c-end ein (ibject odei- eine lie-t iiiuiite Sil i;ai ion in - an aml'.'rf! ( Hjjecto 
 
 n^eii wirken dann 
 ine der liiiufj;;--tei]
 
 23 
 
 Auch die neuere Psychologie fiihrt ja derartige Erscheinungen 
 auf die Mitwirkung von Associationsvorgangen zuriick, aber 
 das ist ein wesentlicher Unterschied, dass sie derartige Vorgange 
 nicht auf Vorstellungsverbindungen zuriickfiihrt, die von den 
 im normalen Zustand beobachtbaren qualitativ verschieden 
 waxen, sondern auf ein quantitatives Ueberwiegen von Ver- 
 bindungen oder Hervortreten gewisser unter diesen, die als 
 solche im gewohnlicken Bewusstseinsleben nicht nur eine 
 Rolle spielen, sondern als Grundlage und notwendige Vor- 
 bedinguiig nicht nur aller hoheren Functionen in genere, 
 sondern auch der ein/elnen Ausilbung dieser Functionen be- 
 trachtet werden mlissen. Wenn wir uns fragen, wodurcli im 
 letzten Grande diese Wertunterschatzung der Association be- 
 dingt sei, so diirfte sie vielleicht, wie bereits angedeatet in 
 
 T'rsaclien falsclier TIrteile, indom der Willc die durcli Association gebotenen Vor- 
 stellungen zu IJrteilen vereinigt, olme auf den logischen Wert derselbcn besonderes 
 Gewicht zu logon. Je nacli dem Grade der Willensenergie, welche die Vorstellungs- 
 inassen beherrscht, folgt der Mensch momentancn Einfiillcn, Stimmungcn, glaubt 
 \vas er wiinscht und hofft und was ilim Autoritaten oder die Sitte mit dem Stempel 
 (lei' Glaubwilrdigkeit eingeimpft haben, dalier dann oft die unvertraglichsten 
 Ansichten in getrennten Associationssystemeii nebeneinander wolmen, oder beiniiht 
 cr sicli seinen Vorstellungsinhalt nacli vernunftigen Normen zu sichten und 
 sotivcrain zu beherrschen (cf. Liebmann a. a. O. p. 4(17). Leibniz hat aber bier 
 erkannt, dass ein falscbes Urteil nicht direct mit einer Association gegeben ist, 
 welches vielmchr erst durch die Willensthiitigkeit des Subjects aus den durcli 
 diese gebotenen Vorstellungen gebildet wird. Wie Affecte aus Associationen 
 entstehen (cf. Wuudt, Phys. Psych. 4. Aufl. I 577 II 501 ft'; Xiehen, Leitfaden d. phys. 
 Psych. 3. Aufl. p. 132 ff; Lipps, Grundthatsacben des Seelenlebens p. Gl) hat Leibniz nicht 
 iiiiliei 1 ausgefiihrt. Indes koinmt seine Erkliirung der Stimmung, die cr iiKiuietiule 
 nennt, ausdem durch einen primaren Eindruck veranlassten concours de petites per- 
 ceptions (cf. Opp. p. 225 a, 248, Striimpell a. a. O.I p. 50) unserer Erklarung dieses Pha- 
 noinens durch Irradiation der Gefiihlstone associativ gebobener Vorstellungen, die oft 
 ganz dunkelbewusst seinkonnen, auf den herrschenden Vorstellungsinhalt sehr nalie. 
 Eine Landschaft versetzt uns z.B. in verschiedene Stimmungen, je nacli den dunkelnEr- 
 innerungen die durch den Anblick in uns associiert werden. Den Begriff ,, petite per- 
 ception".verwendet namlicb Leibniz, je nacli Bedurfnis, um die vorbewussten Elemente 
 einer einfachen Empfindung, die psychophysiscben Dispositionen (petite perception 
 et trace) der Wahrnehmungen, ferner das Erinnerungsbild als actuell im Bewusstsein 
 vorhandenes, soweit es nicht in klarem, begrifflicbem Zusammenhang mit anderen 
 ( reflexion, apperception) stebt, zu bezeichnen, wie z. B. die Erinnerungsbilder 
 der Tiere auch petites perceptions, (deren Vernachlassigung seitens der Cartesianer 
 Leibniz ja als den Ilauptgrtind bezeichnet, weshalb dicselben den Tieren das 
 Seelenleben absprachen) heissen konnen im Sinnc weniger klarer, der Reflexion 
 und des logischen Zusainmenbangs entbelirender Vorstellungen (cf. Kircliner a. a. 
 O. p. 7S, Lcroy, die philos. Probl. im Briefw. z\v. Leibniz und Clarke l!i:!, p. 27). 
 Loilmiz machte namentlich auch auf die Krscheimmg aufmerksam, dass das cinem 
 Kindruck durch Association mitgeteilte Gefiihl sehr lebhai't sein kann, ohne dass 
 die associierten Vorstellungen klar im Bewusstsein sind, wenn er sagt ,,L's 
 pensees confuses sonvent se font sentir clairement" Opp. p. 257b. Wie die 
 Stimmungen und Strebungen, so leitet Leibniz auch die Gewohnheiten aus der 
 Association von ,,petites perceptions" durcli einen anssern Eindruck ah. Er 
 meint, es wiirde gar nicht zu Gewohnheiten koinmen, wenn dieser Associations- 
 vorgang nicht vorausginge. Dadurch, dass er sich tifters wiedt-rholt, entsteht 
 erst die Sicherheit gewolinheitsmiissiger Reaction (cf. Opp. p. 225 a).
 
 24 
 
 deni vorzugsweise erkenntnistheoretischen Interesse zu auchen 
 soin, wolches bei Locke und Leibniz so sehr im Vordergrunde 
 stand. So erklart sicli hier die Gegeniiberstellung von natiir- 
 lichen und nicht naturlichen Verbindungen der Vorstellungen 1 ) 
 die psychologisch so wenig gelten kann, dass eher eine um- 
 gekehrte Anwendungsweise dieser termini, welche freilich so 
 ungliicklich wie moglich sind, stattzufinden hiitte. 
 
 Wir finden jedoch in dieser Oegeniiberstellung ein Problem 
 angedeutet, welches zu den schwierigsten dor Psychologic iiberhaupt 
 gehort und welches in seiner ganzen Bedeutung erst heute ein 
 Gegenstand ernster Untersuchung geworden ist, das Verhaltnis 
 der Associationen zu den hoheren intellectuellen Processen. 
 Him sei unser orstos Capitol im Hinblick auf Leibniz gowidmet. 
 
 ') Malebranclic stollt bercits den richtifjon Gogensatz von nnwillktirliclien 
 und \villkiirliclicn Vorstellungsverbindungen auf. Ks lieisst II :t Cap. 1, sul> IV: 
 ,Mais lors(pie rimagination domino sur ITuno, (juo !cs traces se forment par la 
 disposition du cerveau et par 1'action des objcts ot des esprits sans attendre les 
 ordrt-s do la .,volont6", il est visible, |^ c'est line tres mauvaise qualite et line 
 
 espf-cc do foliei' -- Wcnn or natiirlicl 
 sclieidet, so bezeichnet or als natiirliol 
 fest, fast reflexartijr, geworden sind u 
 sonderem Werte sind, als unnatiirliclic 
 wechselnden Assoc'iationon (cf. 112 ('a 
 Malebranclie auf der naturlichen, pliysib 
 
 und unnaturliche Verbindungen unter- 
 e solehe Associationen, welche besonders 
 d im Kampf inns Dasoin von ganz be- 
 bor die fortwiihrend nach don Umstanden 
 
 :i, sub II). Aber boido boruhen nacb 
 lien liaison der Spnren.
 
 I. 
 Association und Deiiken l>ei Leibniz, 
 
 Als dasjenige Hauptmerkmal, welches die logischen Yer- 
 biiidungen der Yorstellungen, die wir im eigentfichen Sinne 
 Deuken nennen, fiir unser Bewusstsein von den Verbindungen 
 trennt, die im gewohnlichen Sinne zufallig in ims entstehen, 
 kann man wohl dasjenige der Notwendigkeit und subjectiven 
 Giiltigkeit betrachten. 1 ) Die Verbindung zweier Yorstellungen 
 in einem Denkact, z. B. ,,der Baum ist grim", ist eine begriindete, 
 d. h. wenn die erste ausgesprochen wird, ist die zweite mit- 
 gesetzt aus Griinden, welche innerhalb des Subjects selbst liegen, 
 natiirlich solange das Urteil vom TJrteilenden nicht suspendiert 
 wird. Wenn wir nun aber psychologisch den materiellen 
 Thatbestand eines derartigen Urteils, welches fiir alle iiberhaupt 
 muglichen hier als typisch betrachtet werden mag, naher unter- 
 suchen, so finden wir, dass derselbe nicht anders in unser 
 Bewusstsein gekoramen ist als die disparateste Yorstellungs- 
 verbindung eines pathologisch afficierten Bewusstseins, namlich 
 (lurch Association. Die Yorstellung eines griinen Baums, welche 
 dem Urteil ,,der Baum ist grim" zu Grunde liegt, ist zusammen- 
 gesetzt aus zahlreichen Partialvorstellungen, welche miteinander 
 in associative!' Yerkniipfung mittels Gleichzeitigkeit steheu, 2 ) 
 z. B. Farbe, Form des Baums, die Wortvorstellung Baum, die 
 optische Yorstellung des Schriftbilds, welche in Gesamtheit 
 die Erinnerungsvorstellung eines Baums constituieren, wobei 
 dieselbe durch assimilierende Wechselwirkung mit neuen 
 Sinneswahrnehmungen ahnlicher Objecte bez. ahnlichen Er- 
 in nerungsbildern ihre individuelle Bestimmtheit verliert, sodass 
 
 ') Die Alliremeingiiltigkeit im Sinne der Bestimmtheit fiir alle Urteilende 
 kommt den Bestandteilen eines Urteils vom psychologisclien Standpunkt aus also nicht 
 zu, wenigstens sofern man von der sprachlichcn Mitteilung absieht (cf . Wundt Logik 
 2. Auflg. I p. 98). Erst das wissenschaftlichc Denken erhebt im eigentlichen Sinne 
 Anspruch auf objective Allgemeingultigkeit seiner Erzeugnisse. Obwohl allerdings 
 jedes Denken zuglcich Erkennen ist, so miissen wir doch letztere Seite der Wissen- 
 sehaft der Logik, die aber dtirchaus auf der Psyohologie fussen muss, iiberlassen. 
 
 2 ) cf. Ziehen a. a. O. p. 120. ff.
 
 26 
 
 die Erinnerungsvorstellung den Wert einer Allgemeinvorstellung, 1 ) 
 wenn man diesen Ausdruck nach der von Berkeley herruhrenden 
 Beseitiguug der qualitiitslosen Allgemeinvorstellung ans der 
 Psychologie fiir die bier in Betracbt komraenden Erscheinungen 
 noch gebrauchen darf, gewinnt. Wir liaben somit ein auf rein 
 associative!! Wege entstamlenes Ae|uivalent, oder besser erne 
 Vorstnfe des logischen Begriffs -ew.mnen. Die associative 
 Grundlage des genannten Trteils ergiebt sich sonach unschwer 
 von selbst. Man kann dieselbe auffassen als xwei miteinander 
 verbnndene Erkennungsassodationen. 2 ) Das concrete Einxel- 
 object eines Baums associiert erstens die Erinnerungsvorstellung 
 Banm. xweitens die Krinnerun&voretellung griin, woraus die 
 Sprache das mehnjliedrige Urteil bildet: ,,l)ieser Banm ist grim:' 
 Ks ist zweifellos ein Verdienst der Associationspsychologie, 8 ) 
 auf die associative Grundlage jeder logischen Yorsteliungs- 
 vrrbindung hingewiesen xu haben, wenngleich freilich der 
 formale Unterschied 4 ) and die Form ist in diesen Dingen 
 "erade das Wiclititrste - associative]' und logischer Verbindungen 
 nicht iirnnriert werden darf. A her ancb von den Psychologen, 
 welche diesen Unterschied scharf accentuieren, wird die geradezu 
 
 ') Allgeinoinvorstellungen als constante Objecte iebt es allerdings ebenso- 
 weni" als constante ein/elne Vorstellungen ; nur die fragmentarische, fortwiihrend 
 .lurch Assimilation bereits Henecke betonte dies Ccsctz der Anzieliung des 
 r.leiehartiyen sich verandernde concrete Erinnerungsvorstellung bat psycbo- 
 lo^ische Existenz, wie sie /.. 1'.. bvi den so^eiiaunien assouiativcn Erkennungs- 
 acten wirksam wird. Insofern z. 1!. die Wahrnehmung eines bestimmten Haumes 
 eine jr r()S se An/abl von Vorstellungselomenten repn.duciert, welche sehr vielen 
 verscbiedenen ebemals percipierten .'iiu-elnen Vorstellungen von Baumeu ange- 
 horten, kr.nnte di.-se Summe sehr wolil Allgemeinvorstellung eines Haumes ge- 
 ,nnnt werden, ohne <las man sich der Erdiehtung psychologischer Chimiiren 
 Bohuldi.' n.acht. cf. Kiilpe, Ornndriss d. 1'sychol. 1803, }>. -'10. Xiehen a. a. O. p. 
 111). Ik-nno Erdmann. I.o^ik I, 181)2 einscbliigigen Orts, der die Wichtigkeit dieser 
 pyrhi-ch,.M I'ro.-esse jedocb, ebenso wie Xielien, iiberschat/t, wenn or ans ihnen 
 direct den 1,'Kischeu H.^riff <;ewinneii will. Xebenbei bemerkt findet sich die 
 Herkeloys.-he Kritik der M ualitiitslosen Allgemeinvorstellung schon bei Leibni/. mil 
 durselben F.M-mplifk-atiun (cf. X. K. IV 1^, sub fine). 
 
 , S-, Xiehen a. a. O. p. HiS. cf. aucb \Vundt, I'hys. I'syeh. II p- 44(1, 45G. 
 , I,, D.-utschland war es namentlich die Ilerbartsche Scliulo, die eine 
 puvrhoh.Kisehe l:elr,,rhtuu- des D,. likens anliahnte, indcin sie die illhaltlichen I'.e- 
 iielinnfr..|i desselben auf (liejenigon /.uruckfiihrt-, welch.- b.-n-its in der Association 
 ^i.jr, !,." <nd wenn(,'leich fr.-ilich daraus, da.-s die Vorstelluncen nur .,<lein eignen 
 / ihrer tjualitaten fol^en" (Volkmaim), niemals /.weckvolle Vorstolluni.-sv.-r- 
 h'indiiug s,,n, I. -rii -lier s.,<;enannte M.-nflucht resultiereu diirfte. I'ober die 
 H.-rbartsch- Xiiff.-issunj; des Denkens cf. Volkinann. l.ehrl,. d. I'sych,.!. 2. Aufl- 
 II ,, *.M ff. S,,w,, hi die>e .leutsche als die en^li.ch,- As^ociationspsycholotrie hat 
 diei. -n ,.,! l-'actor.-n, die das D-nken erst /u einem soldieu ma.-hen, nicht paycho- 
 |,. e isi-l,"|,r.M-i' ! .i.Tt 1 obw,.hl -ie als Krkl-irniiKsboyriffe duel, sebliessli.-h herai^e- 
 
 , ,-f. .[,.,11, I.-hrb. d. INychul. X M ff. Wundi, I'hys. I'sych. II, 477; 
 M. i. Ts. p. '' \ : I.j:ik I, ].. l:'. ff. 2. Auflg; Sy-tein, p II.
 
 97 
 i 
 
 constituierende 1 ) Rolle der Associationen bei den Denkprocessen 
 besonders horvorgehoben. Allerdings 1st die Verbindung der 
 Vorstellungen im Urteil dadurch charakterisiert, dass unter 
 vieleu sich darbietenden Praedicaten eines Subjects gerade das 
 jeweilig passende ausgewahlt and mit ilnn in logische Beziehung 
 gebracht \vird, abor wir brauchen es nicht aus dem Chaos 
 unserer Vorstellungen herauszusuchen, yielmehr werden uns 
 die Vorstellungen, die \vir logisch verkniipfen, sozusagen durch 
 Association in die Hande gespielt.-) Association ist die Vor- 
 bedingung jeder concreten Denkverbindung, nicht bios der von 
 Locke 8 ) und Leibniz angeftihrten Vorurteile and sonstigen 
 singularen Erscheinungen. Wie man auch immer diese That- 
 sache beurteilen mag, es bestelit hier eine ahnliche Ueber- 
 einstimmung zwischen Causalitat und Zweck, 4 ) wie beispielsweise 
 in den zugleich causal und teleologisch ablaufenden Processen 
 oines lebendigen Organismus. Eine Wahrnehmung, eine Vor- 
 stellung ruft eine andere Vorstellung hervor, ihr Eintreten ist 
 Ursache des Eintretens der zweiten, eine Gefiihlserregung, ein 
 Verlangen bestimmt die Aufmerksamkeit und giebt dem Vor- 
 stellungsverlauf eine andere Wendung. Aber derselbe Vor- 
 stellimgsverlauf ist zugleich teleologisch bestimmt, dieAssociations- 
 t'ornien fiihren zu einem Erfolg, der in der Richtung des 
 "Willens liegt, und werden auch die Teile eines Gedankens 
 erst vom Denkendeu in Beziehung gesetzt, das Material von 
 Reproductionen, mit Hiilfe (lessen Avir Gedanken bilden, liefert 
 die Association. Nicht allein Formen der sogenannten innern 
 Association, die auf Grund der logischen Beziehungen von 
 Grunfl und Folge, Ursache und Wirkung, Zweck und Mittel 
 u. s. w. erst entstehen und die docli schliesslich auf Contiguitat 
 zu reducieren sein diirften, 5 ) auch die rein zufalligen Associationen 
 
 ] ) ,,rJer Wille allein ist nicht imstando, eine none Vorstellung zn erwecken 
 und auszubilden, ohno sicb auf den Zusammenliang der mit ihr vorwandten Gebilde 
 x.u stiitzen. Die eigentliche Schopfung ist das \Vcrk der Association, welche aus 
 jeder gegebenen Vorstellung neue Vorstellungsreihen erzeugt und in ihrer eignen 
 Thiitigkeit ihre Xahrung findet." (Staude, D. Begriff d. Appereept. i. d. n. Psych., 
 Philos. Stud. I, p. 210.) 
 
 nen Vor- 
 
 3 ) Hot't'tling, (Gescii. d. n. Philos. I p. ;)5S ', 
 
 9) beinerkt nicht mit Unrecht, 
 
 Ermnerung, als dem willkiirlichen Besinnen, welches nach ilnn nur der Menscli 
 veriiiag, (.Jeltung l>esitzen (cf. Siebeck I a p. 79). Und was ist das Denkon anders 
 als I'esinnen'' 
 
 ') cf. Paulsen, Kinleitg. i. d. I'hilos. 4. Aufi. Uli, I 
 ") cf. \Vahle a. a. (_). p. 4'22 sub fine. 
 
 ). -J25
 
 28 
 
 auf Grund gemeinsamer Merkmale, die bei psychischen Storungen 
 oft Vorstellungen sinnlos aneinanderketten oder auf Grund 
 iiusserer Coexistenz und Succession sind von primarer logischer 
 Bedeutung. Wundt 1 ) hat auf die vorbereitende und unter- 
 stutzende Rolle der Associationen und ihre Beteiligung an 
 den Deukprocessen eingehend hingewiesen. Die Association 
 der coexistierenden Teile einer Vorstellung ist wichtiges Hiilfs- 
 raittel der die Begriffe vertretenden Erinnerungsvorstellungen 
 und Grundlage namentlich der beschreibenden Urteile, aus 
 der Association nach Aelinliclikeit entwickeln sich Beziehungen 
 der Uebereinstimmuug und des Unterschieds, der Coordination, 
 der Ueber- und Unterordnung, ebenso klar ist die Beteiligung 
 der Association urspriinglich simultaner und successiver Vor- 
 stellungen fur logische Verbindungen nach Grund und Folge, 
 Causal- und Zweckbeziehung. Bekannt ist auch die Riick- 
 verwandlung logischer Verbindungen in mechanische Asso- 
 ciationen, namentlich durch das Eingreifen der AVortassociationen 
 und die Bedeutung, welchc die Mechanisierung der intellectuellen 
 Processe fur den Fortschritt unseres Denkens gewinnt. 
 
 Was diirfte das schliessliche Resultat dieser und ahnlicher 
 Betrachtungen sein ? Dass auch abgesehen von den Associationen, 
 denen der logische Charakter durch ihre Abstammung von 
 intellectuellen Processen anhaftet, alle Beziehungen, die 'unser 
 Denken bei Vergleichung der Erfahrungsinhalte inhaltlich 
 entdecken kann, doch schliesslich. was diesen Inhalt betrifft, 
 zuriickfiihrbar sind auf Verbindungen, wie sie uns zufiillig 
 entgegengebracht werden (lurch die auf unser Bewusstsein ein- 
 wirkenden Objecte. ..Das Denken entdeckt nur, es erfindet 
 nicht:'-) Denn da alles Urteilen nur em Urteilen iiber Vor- 
 stellungen, nicht iiber die Diuge selbst, die uns ja nur als 
 Vorstellungen gegeben sind, ist, so sind dem Urteilen xunachst 
 auch koine anderen Beziehungen gegeben als diejenigon, nach 
 welchen sich die Vorstellungen von selbst verbinden."-) d. h. 
 die Bedingungen der Association. Vom psychologischen Ge- 
 sichtspunkt aus konnen die Denkverbindungen nur als eine 
 hohere Entwicklungstufe der associative!! Vorstellungsverbindimg 
 nicht als eine j)sycliische Elementarf unction des (Jeistes, wie 
 wohl von manclien Philosophen (cf. Harms a. a. (). p. 1_>SH) 
 noch angenommen wird, aufgefasst werden, indein erstere sich 
 dadurch von letzteren unterscheiden. dass die Auswahl unter 
 mehreren mogliclien Associationen durch eine grossere Anzahl 
 von Factoivn bestimint ist. als bei den gewohnlich so gcnannten 
 Associationen, in gloichcr causaler Bestinimtheit.') Auch bei 
 
 ') cf. Wun.lt, Phys. Psych. II ]>. 4. r .ii ff, 47!). M. u. Ts. :!!).-> ff. Ji.,11 VIII 
 4C. X lit;. t;7. ti3. 
 
 -) .I...11 X .17. 
 
 -) rf. H<"iff.lint; ;i. a. < ). p. 21!' 
 
 ) of. Wun.lt, L., K ik I, j.. no. Phys. Psyrh. II, 47!) f. Staude a. a. (). ji. 202.
 
 29 
 
 letzteren findet ja eine Auswahl statt, in dem Sinne, dass auf 
 eine Vorstellung a, auf welche nach den bekannten Associations- 
 gesetzen b, c, d, e . . . folgen konnten, gerade z. B. b folgt, 
 imd doch nehmen wir den Eintritt von b als eindeutig bestimmt 
 an durch die Natur des Eindrucks a und die momentanen 
 Bedingungen der Constellation des Bewusstseins. Der einen 
 realen Associationsvorgang bestimmenden Momente sind ver- 
 haltnismassig \venige, sodass wir nachtraglich moist, keineswegs 
 imraer, constatieren konnen, wie er zustande gekomraen ist. 
 Bei den Denkverbindungen leitet uns ein bewusster Zweck, 
 indem unsere Willensthiitigkeit subjective Yerbindungen in 
 objectiv logische urazusetzen strebt. Dabei ist es wesentlich 
 auch eine negative Bedingung, welche diese Umsetzung raoglich 
 macht, die Fernhaltung aller von einer bestimmten objectivierton 
 Reproduction abschweifenden weiteren Reproductionen. J ) Die 
 Willensthatigkeit oder die ,,active Apperception" schwebt dabei 
 aber nicht iiber den Vorstellungen wie eine hohere Macht, 
 etwa nach Art angeborener Denkformen, eines w r ahlenden Yer- 
 standesvermogens u. dgl., sondern die Denkprocesse sind ,,Yer- 
 anderungen im Bewusstsein, die wir nicht auf vereinzelte 
 Yorstellungsverbindungen, sondern auf die vereinigte Total- 
 wirkimg aller in uns vorhandenen Dispositionen, also in letzter 
 Instanz auf die gesamte zuriickliegende Bewusstseinsentwicklung 
 zuruckfiihren. Insofern war das Resultat dieser Gesamt- 
 entwicklung unser Ich nennen, betrachten wir daher dieses; 
 Ich als die Ursache aller intellectuellen Yorgange:' 2 ) 
 
 Wir glaubten, diese allgeraeinere Betrachtung voraus- 
 schicken zu miissen, um uns eine feste Grundlage flir alle 
 weiteren Erorterungen zu schaffen. -- In der Gegeniiberstellung 
 von natiirlichen A'orstellungsverbindungen und Associationen 
 documentiert sich, wie nun leicht ersichtlich, deutlich, wie weit 
 entfernt Locke nicht nur von der Associationspsychologie. 
 
 ') Dieser bereits von Herbart betonte Gesichtspunkt Ist neuerding;s nament 
 lich von Lipps besonders stark hervorgehoben (a. a. O. p. 410 ff.) worden. cf. auch 
 Ziehen, p. 170. Wundt, Plij's. Psych. II, p. 480 f. 
 
 -) Wundt, M. u. Ts. p. 338. Denselben Gedanken driickt Lipps, der sich 
 cng an die Associationspsycliologen anschliesat, mit den Worten aus : ,,dass jede 
 Vorstellun^sthatigkeit durch das Ganze bedingt" und in jeder ,,das Ganze wirk- 
 sam" zu denken sei (a. a. O. p. 156), im Gegensatz zu der die Vorstellungen zu 
 selbstiindigen \Vesen machenden Herbartschen Associationspsychologie. Auch die 
 englischen Associationspsychologen sehen sich immer wieder veranlasst, dieses 
 einende Princip, wie es Hoffding nennt, in ihre Betraclitungen mehr oder weniger 
 klar bewusst einzufiihren. Ueberliaupt verlieren unter dieseni Gesichtspunkt der 
 Betraclitung die Gegensiitze der Associations- und Spontaneitiitspsychologie ihre 
 tiefere Bedeutung (cf. Iloffding, Ps. in Uinrissen p. (jl). Beide sind darin einig, 
 dass das seelische Gescliehen in causaler Bestimmtlieit verliiuft und dass wissen- 
 schaftliche Erklarung und causale Erkliirung einsund dasselbebedeuten. Ausdriickc 
 wie Wille, spontane Thiitigkeit u. dgl. haben immcr nur illative und practische, 
 niemals absolute Bedeutung. (cf. Lipps a. a. O. p. 700, Iloffding p. 217).
 
 30 
 
 sondorn solbst von dem orst von Humo klaror orfassten Ge- 
 dankon oiner empirischen, <1. h. liier natiirlich nicht nur 
 doseriptiven. sondern gcnetiseh erklarenden Psychologie nooh 
 ontfernt war. ohwohl or praotisch empirisehe Psychologie triob. 
 Dieso lot/terc konnt ebon principiell koine anderen Vorstellungs- 
 \crhindungon als soloho. dio durch dio psychophysischo 
 Woehselwirkung des Monschen uud dor Aussonwelt, also durch 
 Naturproooss, 1 ) ontstohon, und so trot'fond sio auch durch dio 
 Unterscheidung der associative!! und apperceptiven Verbindungen 
 don (Jegonsatx konnxoiclmot. dor xwisehon heiden als einer 
 niodoron und hoheron Kntwicklungsstufe dos psychischen Lebens 
 l)ostoht. so ist sic sich dooh lo\vusst. dass init dem Donken 
 koine viillifr none Function in die Welt ointrat, sondern dass 
 wir cs nur init einem (iradunterschied, 2 ) keinem Wesen>- 
 untcrschied /u thun habon. Fiir Locke und Leibnix sind die 
 Oenkverbinduiiiren. deren psycholofrische Krklaninf; gorado xu 
 don schwiprijrsten Prol)lomen ^ohiirt. hier ohne weiteres 
 natiirlich und koinor woiteren psychologischen Erkliirung be- 
 diirftiir. Die Associationen hingegen \verden nur sowoit in 
 Hoohnuiiir jrexo^en. als sio Anlass \verden kt'ninen xu voin 
 lopschen Standj)iinkt aus vonverflichen Voi-st<-lltings- odor 
 (Jefiihlsverbindungen. Dieser Bep'iff dor Association ist domnach 
 insofern viol xu enii'. als eino Krkonntnis dor iranx allgemeinen 
 Hodeutunu' derselbon fohlt. androrscits xu \\rit. insofern or 
 sich nicht nur auf dio blosse Hoproduction iioschrankt. sondorn 
 auch dio in don Vorurteilon xuni Ausdruck kommende Thatig- 
 koit dos Subjects init umfasst. Im allii'omeinen kann man 
 sagon. dass liior Association \\oiter nichts bedeutet als die 
 Thatsacho dor Tifteren Verbindung von Bewusstsoinsinhaltcn, 
 \volcho aber psychologiscli sehr \orschiedon xu bourteilon sein 
 kann. Kr>t Hume hat dem Hogriff ..Association" dio priignante 
 BodiMitung vorliohon, dio \\ir jotxt mit diosem \Vortc voi'bindon. 
 Dor Associationsbegi'iff ist boi Looko oigontlich woniger 
 p>ycho|n^i-chor Krkla'rungsbogriff als oin roinor Classenbegriff, 
 wio or donn auoli hoi Krortorung doclhon mohr in di(^ Breite 
 Fiir mis ist diosor iiltosto Iiogriff dor 
 n intorossant. als Association und Urtoil 
 ind. androrsoits abor das Donkon an die 
 nicht psychologisch angogliodort ist. oin 
 piitoroii Associationspsychologon imch viol 
 >cha'rt<T in r\ ortriti. <Jo\visso dor \ on L>okr 
 an-j fidirti'ii That-acln-n. /. B. dio Idontif'iciorung 
 S(-in und l\"i|M-r. dii- BfiirtoiluiiLr dor Dingc 
 
 udor \on (Mnom gewissC'ii Partoistandpunkt
 
 31 
 
 aus haben, direct wenigstens, mit clem psychologischen Begriff 
 der Association nichts zu than. Die Associationen sind hier 
 noch nicht von den Vorurteilen, bei denen allerdings die 
 Abhangigkeit aller Urteilsthatigkeit von einer sinnlichen Grund- 
 lage am deutlichsten hervortreten mag, noch nicht geschieden. 
 Aber weder sind alle im Lockeschen Sinne unnatiirlichen Yor- 
 stellungsverbindungen Associationen noch alle in seinem Sinne 
 nattirlichen auf der Thatigkeit des Denkens beruhende. Leibniz 
 wollte, wie wir oben sahen, Association und falsclies Urteil nicht 
 direct identificieren. Hiitte er den Gedanken, den er an der oben 
 citierten Stelle ganz obenhin ausspricht, naher ausgefuhrt, so 
 ware er vielleicht zu richtigeren Anschauungen iiber diesen 
 wichtigen Begriff gelangt. - 
 
 Obwohl sich Leibniz in seinen Beispielen eng an den 
 Lockeschen Associationsbegriff anschliesst, geht er nun aber 
 doch iiber ihn hinaus, indem er die nicht natiirlichen Yor- 
 stellungsverbindungen als einen Specialfall einer allgemeineren 
 psychischen Erscheinung auffasst. ,,'Pour mieux entendre'', sagt 
 er, ,,la source de la liaison non-naturelle des Idees, il faut 
 considerer ce que j'ai remarquo deja ci-dessus (chap. XT, XI) 
 en parlant du raisonnement des betes, quo I'liomme aussi Men que 
 la bete est sujet a joindre par sa memoiro et par son imagination, 1 ) 
 
 ') Der Begriff der imagination hat bei Leibniz keino cmpiriseh cindeutige 
 Bestimmtheit, wie etwa nnser Begriff der Phantasiethatigkeit (ef. liieriibcr Dessoir, 
 Gesch d. n. Ps. seit Leibniz, p. 5.) Die Bewusstseinsthatigkeit, die weder Verstandes- 
 thiitigkeit, noch sinnliche Wahrnehmung ist, bezeichnete die Vermogenspsychologie 
 in Anlehmmg an das aristotelisclie Schema mit Imagination (cf. Opp. ed. G. VI, 
 p. 501). Der Unterschied der passiven Associationsprocesse und der planmilssig 
 verkniipfenden Phantasiethatigkeit nebst dem sinnlich gebundenen Denkcn kommt 
 dabei nicht zur Geltung, besser sclion in Wolffs Unterscheidung der imaginatio 
 und facultas fingendi (cf. Psychol. emp. g 92, 141). Wenn diescr imagination bei 
 Leibniz (Opp. p. 23(5 b) das Vermogen der klaren Vergegenwiirtigung und ver- 
 gleichenden Unterscheidung der Vorstellungen ztigesclirieben wird, so kann dieses 
 Vermogen den Tieren weder nach unseren Begriffen, noch auch den Anschauungen 
 Leibnizens selbst, der andernorts (Opp. p. 336 b) der empirischen Erkenntnis das 
 Wahrnelimen von Uebereinstimmungen und Unterschieden, allerdings nur, sofern 
 es unter der Herrschaft wissenschaftlicher Methodik stcht, abspricht, zukommen. 
 Denn gerade diese Function ist es ,ja, welche Leibniz an anderer Stelle, freilich 
 ohne es zu wissen, als die unsichtbare Sache bozeichnet (cf. Opp. p. 29(5 b), welche 
 den Tieren noch zum Sprechen fehlt. Ganz ausdriicklich spricht aber Leibniz den 
 Tieren das Vermogen, ihren Bewusstseinsinhalt zu gliedern, Opp. p. 251 b ab (cf. 
 hierzu Wundt, Phys. Psych. II, p. 61S). Obwohl Leibniz an der oben im Text, 
 citierten Stelle augenscheinlich von den Associationsphanomenen redet, so hatten 
 sich fiir ihn doch die passiven von den activen Vorstellungsverbindungen, wio 
 wir weiterhin sehen werden, noch nicht so strong gesondert, wie fiir unsere 
 moderne Auffassungsweise, einfach deshalb, weil damals die Probleme, welche 
 die Thatsachen stellen, noch nicht in dem Masse gekliirt waren wie houte. I.ieb- 
 inann (a. a. O. unter ,,Menschen- und Tierverstand" \i. 504) begeht dahcr einen 
 Anachronismus, wenn er diesen scharf ausgepriigten Gegensatz zwischcn Association 
 und Denken, soweit er identiscli ist mit demjenigen zwisclien Tier und Mensoh, 
 eine Gleichung, die er allerdings ablehnt, bereits Leibniz vindiciert, der weit mehr 
 durch erkenntnistheoretische Motive zur Aufstellung jenos (Segensatzes bewogen 
 wurde als durch rein psychologische.
 
 32 
 
 ce <|ifil a remarqno joint flans sos perceptions ot ses 
 experiences. C'ost on quoi consiste tout le raisonnement 
 des betes, s'il est perm is do 1'appelor ainsi. ot souvent celui 
 des hoinmes, on taut (|u'ils sont emj)iri(|iics ot no so gouvernent 
 ijiio pas los sons' ot los exemples, sans examiner, si la memo 
 raison a onooro lieu. Kt comme souvont los raisons nous sont 
 inconnues, i! faut avoir egard au.\ oxomplos a inosure qu'ils 
 sont frrijiions; car alors I'attente on la reminiscence d'une 
 autro perception. i|iii y cst ordinairement lire, ost raisonnahle: 
 surtout <|iiand il s'agit do so procautionner. Mais commo la 
 vehemence d'uno impression tivs forte fait souvent autant 
 d'offot tout d'un coup, (jue la frequence ot la repetition do 
 plusieurs impressions modiocres on auroit pu fairo a la longue, 
 il arrive quo cotto vehemence grave dans la phantasie uno 
 imago aussi profonde ot aussi vivo <|iie la longue experience 
 auroit pu le fairo. Do la viont qifune impression fortuite 
 mais violento joint dans notre momoire doux Idoes, qni doja 
 y etoiont ensemble et nous donne lo memo penchant do los 
 lior ot do los attendre I'line ensuite do 1'autre. (jiie si un long 
 usag( on avuit vrrifir la connexion; ainsi lo mome effot de 
 1'association s'y trouve, quoi(|iio la mrmo raison n'v soit pas. 
 L'autui-itr. la continue font aussi lo momo offot quo ['experience 
 't la raison. ot il n'est j)as aiso do so deiivrer do cos pcnchans. 
 Mais il no seroit pas fort difficile do so garde r d'en otre trompo 
 dans sos jugomons, si los hommes s'attachoiont assox serieusemont 
 a la recherche de la verite, on procrdoiont avoc methode. 
 lors(|u'ils rocunnuissent (jii'il lour ost important tie la trouver" 
 Loibnix fiihrt also Lockes associations nonnaturelles auf oin 
 allgrmoinos (Josotx associative! 1 Vorkniipfung xuriick, das etwa 
 dom entspricht, welches wir lieute Association dureh Contiguitat 
 nonncn. Wir werden uns sj)iiter mit dor Fi'ago YA\ boschaftigen 
 lialx-n. inwiowoit bereits bei Loibnix die bekannten Assooiations- 
 gfsorxo ausgobildet sind. hior intorossiert uns nur die Tliatsacho, 
 dass Lcilmix die Assooiationcn xu andors gearteten Vorstellungs- 
 vt-rbindungon in *'in klarfros Vcrhiiltnis xu bringen gesucht hat. 
 das ganx cntsjtricht dfn Verhiiltnissen, in denon nacli ihm die 
 Monadon a!s voj-schif-dcno Kntwicklungsstufen einer psychischen 
 r'ontinuitat xu cinjindo- stohon. Ks sind dorcn Ix-kanntlich 
 'Irt-i.'i A is orste Stufc sind xu betrachten die scldafenden 
 Monad*'!!, dci-on I'orccptioncn nooh siimtlioh unljowusst sind. 
 
 die M..nailcn. die don anorganischon Kiij-poi 1 
 "'id 'I'-ii dcr IM'lanxc oonstituicren. Wesontlich ontwickelteres 
 
 ii tritt uns in dor Tierseelenmonade entgegon. 
 
 charakrrisicil ist. dass die auf dicsor Stufe 
 ^t L r fWMrdf iicn. apporcipiorten 2 ) \'orstellungon einen 
 
 ) cf. M.iii:nlMl,,^ip, lYinciju-s ftc. Striimpfll, a. ;i . O. I j>. is ff. 
 
 > Da .lor I!>riff lcr Ajiju-reoiition bei Lt-ibni/ hier nur insofern in Hetraclit
 
 33 
 
 JSTachhall in cler Seelo zuriicklassen, welcher das Inkrafttreten 
 der Association ermoglicht, welche er indes trotz ihrer Aehnlich- 
 keit mit Schlussfolgerungen mit Recht von diesen getrennt 
 
 konimcn kann, als or zum Associationsbegriff in irgend welchen Beziehungen 
 stelit, so sei liier fur das Weitere auf den bereits citierten Aufsatz von Staude 
 verwiesen. Nur soviel muss bier bemerkt werden, dass dieser Begriff bei ihm ein 
 iiusserst schwankender ist, da er bewusste Zustiinde mit der Reflexion fiber solcbe 
 in der augcnscheinliehsten AVeise verwechselt, daher denn z. B. aus keiner einzigcn 
 Stclle klar hervorgebt, ob Leibniz den Tieren Bewusstsein zugeschrieben hat, 
 vielmchr aus manehen Stellen (Monadol. 14, Principes d. 1. n. etc. 4, Opp. ed. G. VII p. 464, 
 Opp. p. 431 a) das Gegenteil gefolgert werden miisste, da Leibniz behauptet, dass 
 die Cartesianer nur deshalb den Tieren die Seele abgesprochen batten, da sic 
 zwischen ,, perception" und ,, conscience" oder ,, apperception" niclit unterschieden 
 batten. Nirgends ist deutlicher wie bier, wie wenig diese Begriffe direct empirisch 
 interpretierbar sind. Man muss bedenken, dass Leibnizens Begriff der Apperception 
 durchaus bedingt ist durch seinen Begriff der Perception als einer representation 
 d'une multitude, d. h. schliesslich der ganzen Welt, dans 1'unite, womit im Gegen- 
 satz zu Lockes Pcrceptionsbegriff empirisch iiberhaupt welter nichts bezeichnet 
 ist als der rein negative Begriff des Unbewussten, wie z. B. unter andcrem 
 aus der Annahme von perceptions nach dem Tode hervorgeht, wiihrend positiv 
 der Ausdruck representer oder exprimer niclit auf die subjective Thatigkeit des 
 Wahrnehmens eines gegebenen Iiihalts, was der Monadenbegriff ausschliesst, 
 sondern auf den objectiven Zustand der Existenz der uiiendlichen ilannigfaltigkeit 
 in der absoluten Einheit, der freilich niclits weniger als empirisch ist, Bezug hat, 
 cine Auffassungsweise, die Kuno Fischer (a. a. O. p. 435) in den Worten veran- 
 schaulicht, dass die Monaden nicht Dative, sondern Accusative ihrer vorstellenden 
 Kraft seien. Verbindet man hiermit die iibliche Definition der ,,apperception" als 
 ,, conscience", so t'olgt, dass der Gegeiisatz von perception und apperception identisch 
 sein muss mit dem von Unbewusst und Bewusst iiberhaupt, eine Auffassung, die 
 Lipps vertritt gemass seiner Ablehnung des Begriffs des Bewusstseinsgrades, 
 wahrend nach der von Wundt vertretenen Anschauung sowohl Perception als 
 Apperception bewusst sind. Sonach ware, wenn man das wesentlicbste Motiv der 
 Aufstellung dieses Gegensatzes bei Leibniz hervorbebt, apperception Bewusstheit 
 iiberhaupt (conscience), und diese wiirde beginnen, sobald die perception mit 
 ,,attentio" und ,,memoria" (cf. Opp. p. 197 a, 251 a, 233 a, 236 a), wo ausdriicklich die 
 apperception von Aufmerksamkeit und Gedachtnis abhiingig gemacht wird, ver- 
 bunden ist (cf. Stri'unpell, a. a. O. I. p. 51 und Dessoir p. 4). Wird jedoch auf die 
 mit der vorigen stets verbundene weitere Definition der apperception als ,,connais- 
 sance reflexive d'un etat interieur", der also bereits dem conscience angehoren 
 muss, das Hauptgewicht gelegt, wozu wir allerdings insofern berechtigt sind, als 
 diese weitere Auffassungsweise des Apperceptionsbegriffs fiir die Psychologic weit 
 folgenreicher war, als die erste im Gegensat/e zu den von uns abgelelmten unbe- 
 wusstcii Vortellungen gebildete, so konnte die Apperception nur den ,,Esprits' 
 zukommen (cf. Princ. d. 1. n. etc. 4) und die Tiere witrden trotz ihrer ,,perccptio 
 cum attentione et memoria coniuncta" des conscience entbehren, wie Leibniz denn 
 auch an einer Stelle (Opp. p. 431 a) den Bewusstseinszustand des Tiers mit dem 
 eines bewusstlosen Atoms vergleicbt. Leibniz Apperceptionsbegriff bleibt eben 
 in sicli widerspruchsvoll, insofern er cinmal als Bewusstsein iiberhaupt, das andere 
 ?vlal als potenziertes Bewusstsein auftritt. Dementsprechend kann , , petite perception" 
 auch fiir das niedere Bewusstsein der Tiere (=,, sentiment") stelien, wenn apper- 
 ception = ,,reflexion", welche nur der dritten Stufo angehiirt, ist. Der schwankende 
 Begriff der Apperception spiegelt sich also aueh in dem dor ,, perception" und 
 ,, petite perception" wieder. Es liisst sich in dieser Be/ielning zwisclien der 
 Definition des Apperceptionsbegriffs in den X. E. und der Monadologie und den 
 Principes in. E, gar kein so wesentlicher Fortschritt, den Staude annimmt, ent- 
 decken. Wenigstens kann man schwerlich eine Stelle ausfindig machen, aus der 
 klarhervorginge, dass bereits Leibniz cine Gliederung des centripetalenVorstellungs-
 
 34 
 
 wissen will. Leibniz war hier auf richtigerem 1 ) Wege als die 
 nach ihm folgende Tierpsychologie, als deren rnodorner Begriinder 
 er in gewissem Sinne angesehen werden kann,-) welche sich in vage 
 Speculationen 3 ) veiior iiber die Frage, ob die Tiere Vrrstand 
 besit/en oder nicht. Das Princip, dass alle scheinbaren Schluss- 
 folgerungen der Tiere in moglichst ausgedehnter Weise auf 
 
 verlattfs in Perception und Apperception anbahne, wiihrond vielmehr der Bogriff 
 apperception (,, conscience") entweder im Gegensatz zum ganzlich Unbewussten 
 odor (reflexion") zu der logischon Reflexion entbehrenden, aber hewussten Vor- 
 giingen, wie wir sie z. B. bei den Tieren finden, tritt. Wonn man freilich den 
 trotz Leibniz' Stetigkeitsprineip doch eigentlieh erst modernen, allerdings vielfaoh 
 angcfoehtenen Begriff des Bewusstseinsgrades heranbringt, kann man leicht zu 
 dieser Atiffassungsweiso konnnon. Indes sind die Bewusstseinsgrade, inogen sie 
 nun ein eigentlicher Erklarungsbegriff odor, was wohl richtiger erscheint, ein 
 Hiilfsbegriff fiir die ansohauliche Beschrcibung der Eigenart der psychischen Er- 
 lebnisse soin, doch noch verschieden von Leibniz' Vorstellungsgraden, die leicht 
 zu den Speculationen eines construction Idealismus fiihron, wiihrend Bewusstes 
 und Unbewusstes durcli cine fiir die Empirie nie iiberschreitbare, scharfe Grenzc 
 getrennt sind, welche durch kein Stetigkeitsprineip aufgehoben werden kann. 
 Denn da dor Begriff ,,Bewusstsein" eines psychischen Inhalts fiir die empirisoho 
 Psychologic nur ein anderer Ausdruck ist fiir don Begriff des Daseins desselbcn, 
 (cf. Wundt, Phys. Psych. II p. 255, Ziehen a. a. O. p. 3 ff), so kann der Begriff 
 des Grades nur auf die inoglicherweiso als I'rthatsachen hinzunehmenden Arten 
 der psychischen Inhalte, dazusein, sicli beziehen, wain-end der rein formale Begriff 
 des Daseins nur das contradictorische Gegenteil des Nichtseitis noben sich hat und 
 cine gradweise Bestimmung naturgemiiss ausschliesst. Die Aufrechterhaltiing 
 dieses von Descartes proclamierten Gegensatzes muss im Interesse jedcr empirischen 
 Psychologic liegen. Fiir Leibniz war die scheinbare reborwindung desselben 
 nur dadurch moglich, dass er das zu Erkliirende wonigstens dem Xainen nach vor- 
 aussetzto (cf. Ferri a a. O. p. 28(i). Zusammenfassend k.'mnte man bei Leibniz 
 gemass der doppelten Anwendung dos Apperceptionsbegriffs und entsprcchend 
 der Stufenfolge der Monaden zwei Reilien aufstellen: 
 
 I. 
 
 Tier: 
 Sentiment, 
 
 perceptio c. attentione 
 
 et momoria coniuncta, 
 
 potifo perception. 
 
 perception confuse. 
 
 Monado: 
 Porcoption, 
 
 Simjile perception, 
 
 representation, 
 petite perception. 
 
 II. 
 
 Sentiment, 
 etc. 
 
 M e n s c h : 
 
 Apperception, 
 
 Reflexion, 
 
 Apperception, 
 
 conscience, 
 
 connnissance 
 par causes. 
 
 Perception, 
 etc. 
 
 petite perception, 
 
 conscience, 
 
 j connaissance par la soule 
 momoiro. 
 
 ') v. Kirchmami urteilt falscli, wonn or don Loibni/sehen Verglelch dor 
 assnoialivoii Vorstellungsverbindung mit dem Denken unpassond findot. Dagogon 
 bildon dio rof|oxi.,nsmassigi- Tiorpsyehologio, welche dio Associalionon dor Tiere 
 stots MI loiHscho Rofloxionen iimseizte und dio Assoeiationspsychologie oinon 
 pr'ohondi'ii IJ-uoi-. Wonn v. Kirchniann weiterhin bohauplot, dass Leibniz hior 
 ganz 'iiipiri-rh crkliiro ohno Kiicksicht auf seine metajihysiselirMi Annahmon, so ist 
 <l:is allordings rii-l,tig. cf. KH-iiiterunt' !'l K m Loibni/.' klojnoron Schriften. 
 
 '-') cf. Dossnir a. a. ( ). p. :il)2. 
 
 ') cf. Devoir, p. 1KC l!ia. Volkmann I, p. U3 ff.
 
 85 
 
 associative Verkniipfung, d. h. blosse Wiedererneuerung der 
 Vorstellungen, nicht logische Ueberlegung, zuriickzufuhren 
 seien, 1 ) ist eigentlich erst in der neusten Zeit, welche sich 
 bemiiht moglichst vorurteilslos zu beobachten, als allgemeine 
 Richtschnur der Tierpsychologie zur Anerkennimg gelangt. 
 Was Leibniz aus dem Associationsprincip noch nicht erklarte, 
 waren allein die Instincte. Ueberall, wo Leibniz von den 
 Instincten spricht, 2 ) ist er geneigt, in ihnen einen Beweis fiir 
 seine Theorie angeborener Inhalte zu erblicken, oder er betrachtet 
 sie wenigstens als ein unerklarbares Phanomen, das freilich 
 schwer von den Gewohnheiten zn trennen, aber doch von 
 ihnen verschieden sei. Die Instincte der Tiere galten ihm als 
 Triebe, die ein fiirsorgender Gott fertig in sie eingepflanzt, 
 obwohl es ihm eigentlich nicht so feme lag, auch sie aus 
 Gediichtnisassociation zu erklaren, denn es heisst opp. p. 579 b: 
 ,,Les homines sont quehjuefois dans un ctat qui les approche 
 des betes, et ou ils agissent presque par le seul instinct et 
 par les seules impressions des experiences sensuelles". Aber 
 da ihm der genetische Standpunkt der Betrachtung psychischer 
 Erscheinungen noch fehlte, stand er den in der That wunder- 
 baren Erscheinungen der tierischen und menschlichen Instincte 
 gerade so ratios gegeniiber wie diejenigen, welche noch heute 
 diesen Standpunkt verschmahen. Erst unser Jahrhundert hat 
 in diese dunkeln Erscheinungen einiges Licht gebracht, indem 
 man die Instincte auffassen lernte als Triebhandlungen, die 
 durch Sinneswahrnehmungen und Associationen ausgelost werden. 
 Allerdings hatte bereits Erasmus Darwin, ein Anhanger der 
 Associationspsychologie, :: ) eine psychologische Erklarung des 
 Instincts auf Grundlage der Association versucht. Zur 
 vollen Durchfiihrung gelangte incles der Gedanke erst (lurch 
 die Descendenztheorie Charles Darwins, welche die Instincte 
 als ,,Entwicklungserzeugnisse urspriinglich einfacher Triebe" 
 auffassen lehrte, ,,die sich im Laufe zahlloser Generationen 
 durch allmiihlig hinzutretende, sicli befestigende individuelle 
 Gewohnheiten immer mohr differenziert liaben. 4 ) Der Instinct 
 als soldier ist nicht angeboren, sondern erst allmiihlig ont- 
 wickeltc sich derselbe zu einer angeborcnen Anlago mittols 
 der psychophysischen Vorgiinge der Uebung. Natiirlich bleibt 
 bei dieser Entwicklung der einfache Trieb als Grundelement 
 der so entstehenden Summation bestehen, das nicht weiter aus 
 Anpassung und Vererbung erklarbar ist und insofern behiolte 
 Leibniz allerdings Recht. hides ist die Decomposition des 
 
 ') cf. Opp. p. l!)f>b, 321 b, :i54 a, 2:H7b, 3!>3b, 464 b, 707a, 71.') b ; Opp. ccl. 
 G. ITI 123, VI, 4itO, VII, 4(54, 472, 5(i). 
 
 '-') cf. Opp. p. 214 b, 21(Ja, 217 b, 218 a, 219 a, 222 a, 334 a, G20a ; Guhraucr II p. 38. 
 
 ') cf. Forri p. 62 f., 348 ff. 
 
 ') cf. Wundt, Gi'imclriss p. 329.
 
 36 
 
 Instincts anerkanntermassen oin grosser wissenschaftlichej 
 Fortschritt, welcho in ihror Anwcndnng auf die complicierten 
 sittliehen Triebe der Mcnschheit. die Erscheinungen dor 
 menschliehen Ausdrucksbewogungon, sowie das damit in 
 Zusammenhang stehendo Problem der Entstehung dor Sprarhc 
 viele ncuc (iesichtspunkte eroffneto. Die empirische Psychologic 
 and die Descendenxtheorie gingon bier Hand in Hand, urn xu 
 wissenschaftlich begriindeten Ansicbten iiber die Entwicklung 
 der compliciertesten Ersclieinungen xu gelangen. Kerri bebt 
 init Reeht bervor, dass die Associationspsycbologie hierdurch 
 erst den Commentar xu dein (irundsatx geliefert bat, den 
 Loihnix /war aufstellte, aber bei dein djimaligon Stande der 
 psychologisclion Wissenschaft nicbt xur vollen Durchftihrung 
 bringen konnte. Er bemerkt a. a. (). p. 277: Jsous ne croyons 
 pas nous oloigner de la veritr, en aft'irmant qu'ils (sc. ies 
 associationistes) out ajoute un brillant commentaire a cette 
 celobre pensoe de Leibnitx: quo Ies betes passentd'une imagination 
 a une autre par la liaison qu'eilos y ont senti autrefois . . . 
 Kt en (jiiantitr d'occasions Ies cnfants, de mrme que Ies ant es 
 lunnmes, n'ont point d'autre jrocednre dans leurs passages do 
 ponsro a ponsro. (Xouveaux essais. II. cliaj). \\). Cos passages 
 et cos liaisons quo Leil>nitx appelle ailleurs Ies consecutions de 
 la im-moire, sont bien Ies associations et los rapports de 
 difference et do ressomblanec, de succession et do coexistance 
 etudies par Ies psychologies anglais etc". - Wir haben bier 
 eincn nenen Beweis t'lir don psychologiscben Scbarfblick 
 Leibnixens. der iiberall die Wabrbeit abnte, aber gcrade seine 
 frucbtbringendsten (Jedanken keiner weiteren Ausfiihrimg und 
 Klai-ung wiirdigte. 
 
 llierhor diirften wobl aucb gewisse seiner (redankcn iiber 
 den iTspnmg der Spracbe xu recbnen sein, fiir deren psycbo- 
 logischo Betrachtungsweise die doutscbe und englisobe Auf- 
 klaningspbildstipbie Itokanntlicb bahnbrechend wirkte. Bereits 
 Leibnix (cf. Opp. p. -MHi) sucbte nacb einom AVege, die A r er- 
 bindung der Vorstelhing mit dom Spracblaute psychologisch 
 erkliirlicb maclien. anstatt sich mit der scbolastischen Auf- 
 fassnnL r sw(-ise dor Spracbe. wolcho nnr l(giscbo Verbindungen 
 vim Inhaiten kanntc und dcnigemiiss. da oine directe logische 
 Vcrl)iiidunir von Wort und Vorstelhing ausgeschlosscn war. 
 dio Spracbt- xu oinom willkiirlichon. aller Krkliirnng s|)ottenden 
 Artffacte machtc. xu hogniigon. Lt'ihuix crkonnt an. dass oine 
 nec<"vsiti''0 nat'irollc. untor wdcbom Ausdruck sicb l>oi ihm die 
 innorc In^iscbc Notwcndigkoit vcrliirgt. a!l-rdings nicht xwiscben 
 Wort und Vorstcllunir stattfinde. alter or will dieso N't-i'liindung 
 xuriickL'of'iibrt \visson einorseits aut ..raisons natun-llcs, oil lo 
 haxard a (|iicli|iio jiarf. androrsoits aut ,.raison> morales, oil 
 il v outre du choiv. Die Wirksamkoit der ersteren hexeichnot
 
 37 
 
 Leibniz als die urspriinglichere und er findet sie in den so- 
 genannten onomatopoetischen Wortbildungen bethatigt. Die 
 willkiirliche sprachbildende Thiitigkeit ist erst secundiirer Natur 
 und kommt namentlich dann zur Geltung, wenn die Absicht 
 des Mitteilens vorliegt. Erst diese bedingt nach Leibniz 
 eigentlicli die Entstehung derSprache im Sinne eines allgemeinen 
 Verstandigungsmittels (,,je crois qu'en effet sans le desir do 
 nous faire entendre nous aurions jamais forme de langage" 
 Opp. p. 297 a). In genialer Yoraussicht hat hier Leibniz mit 
 der Unterscheidung jener beiden oben genannten Factoren der 
 Anscliauungsweise vorgearbeitet, welche die Anfiinge der 
 Sprachbildung der willkiirlichen Thatigkeit des Menschen ent- 
 zogen sein lasst und der Wirksamkeit der Association iiber- 
 mittelt. 1 ) Genau wie die Geberde toils als affectartige, teils 
 als nachahmende Bewegung als unwillkurliche Reaction auf 
 cine bestimmte Vorstellung erfolgt und wie sich dann eine 
 feste Association zwischen Yorstellungen und Ausdrucks- 
 bewegungen bildet, welche eine Verwendung der Geberde als 
 Ausdrucksmittel der Yorstellungen im Yerkehr ermoglicht, 
 genau in derselben Weise bildet sich die urspriingliche Association 
 von Vorstellung, Sprachlaut und Bewegungsempfindung der 
 Sprachorgane (il y a quelque chose de naturel dans Torigine 
 des mots, qui remarque un rapport entre les choses et les sons 
 et mouvements des organes de la voix sagt bereits Leibniz 
 Opp. p. 301 a). Diese Association ist aber nur dann moglich, 
 wenn, wie Leibniz erkannt hat, eine urspriingliche Yerwand- 
 scliaft zwischen Klanggeberde und A r orstellung besteht. So 
 entstehen directs Onomatopoesien wie die AYorte coaxare, 
 rauschen, rennen, radere, riihren, Riss, ferner indirecte wie 
 laben, lieben, lind, lenis, lentus u. dgl. Was diese von Leibniz 
 angefiihrten Beispiele anbetrifft, so wird natiirlich niemand be- 
 haupten wollen, dass Worte wie z. B. laben, leben nodi un- 
 mittelbar dieser Beziehung des Sprachlauts zur Vorstellung, 
 wobei ganz unrnittelbare, im Gefiihl begrtindete Analogien der 
 Enipfindung, 2 ) die schwer definierbar sind und an die Leibniz 
 mit den oben citierten Worten ,,ou le hazard a (|uelque part 1 ' 
 wolil gedacht hat, eine Rolle spielen, ihren Ursprung ver- 
 dankten, ebenso wie auch gewisse directo Onomatopoesien 
 nicht urpriinglich, sondern Producte spiiterer \villkiirlicher 
 dichterischer Yergieichung sein diirften. Leibniz will mit diesen 
 I^eispielen nur einen tyj)ischen Vorgang illustrioren. Die 
 weitere Entwicklung der Sprache lasst, wie er selbst betont, 
 deren urspriingliche Entstehungsbedingungen kaum melir er- 
 kennen ( . . . outre que par plusieurs accidens et changemens 
 
 ') cf. Wundt, Phys. Psych. II, 450 ff, 010 ff. Jodl, a. a. O. X, l~;io. 
 Hoffding p. 194. 
 
 -') Ucber diesen Begriff im allgoinoineii cf. Wundt, Pliys. Psych. I, ;")78 f.
 
 38 
 
 la plupart des mots sont extromement alteres et 61oignes de 
 leur pronouciation et do leur signification originate Opp. p. 801 a). 
 Was \vir (lurch diose kurze Erorterung hier darthun wollten, 
 ist die Thatsache, class Leibnix bereits mit richtigem Blicke 
 die beiden Stadien des Sprachbildungsprocesses, 1 ) das Stadium 
 der unwillkiirlichen Ausdrucksbewegungen, welches die Herr- 
 sehaft der Association bexeichnet. mid jones Stadium, in welchem 
 die Sprache unter der Herrschaft des Willens steht, riehtig 
 erkannt hat. Hatte Leibnix eine Alinung davon gehabt, dass 
 die Sprache nur eine spccifische, hochentwickelto Form in- 
 stinctiver Ausdrucksbewegungen, (lurch \velcho wiederum der 
 Uehergang zu der Sprache analogen Erscheimmgen in der Tier- 
 welt vermittelt wird, deren Bewusstseinsthatigkeit er bereits 
 auf Association reducierte, darstellt, so wiirde er vielleicht 
 erkannt haben, dass dieser Vorgang. dem er in Bexug auf den 
 Menschon einen relativ geringen Wert beimisst, wcnn er auch, 
 \vie wir sogleich sehen werden, extensiv seine Bedeutung 
 ahnte, einxig und allein es ist, welcher uns liber die dunkle 
 Periode des Hervorwachsens hoherer intellectueller Leistungen 
 aus iliren ticrischen Daseinsformen einige Aufklarung ver- 
 scliaffen kann, dass er eins jener ,,moyens naturels u ist ,,d'elever 
 une ame sensitive an degiv dVtme raisonnal)le". \\elche Leibnix 
 Opp. p. 5-271) postuliert. So sehen wir das Bi!d, welches uns 
 die moderne Psychologic fiber diese Verhiiltnisse entworfen 
 hat, nur in dunklen (.Jrundxiigen angedeutet, der Associations- 
 begriff wird hierbei xwar thatsachlich verwertet, aber bei 
 Leibnix batten sich die mannigfachen Anwendungsweisen. die 
 er von demselben macht, noch nicht xu einem klaren empirischen 
 Princip consolidiert. Wer nach einem solchen bei Leibnix 
 suchen wollto, der ginge freilich mit falschen Voraussetxungen 
 an ([as Stadium Leibnixscher Psychologie. Die \v<?rtvollen 
 Eleiwnte derselben liegen ebon nicht so xu Tagc, dass sie 
 olmc wcitei-es in die Augen sprangen, sondern sie sind dunkel 
 in sciiK-n metaphysischen Speculationen enthalten. Tnser 
 l)i-nk-r gleii-lit auch insofern als seine Anschauungeii dunkel 
 sind. wi-i! >io xu sehr mit andern verkniipft sind, ganx seiner 
 Monade, deren Perceptionen ja auch deswegen verworren ge- 
 nannt v.-i-rilen. \\eil sic in xu enger Verkmipfung mit einander 
 stchcn. nicht nur insofei-n seine Philosoj)hie universell ist, in 
 w'lcii"in Siniif Kirclmcr (a. a. ( ). p. 1) diesc-n niclit unpassenden 
 Vergieieh anwendet. Die Tendenx Kirchners, die Bodeutung 
 der I/'ibnixschen Psychologic auch fiir unsere Zeit hervor- 
 ''-ulieben. ist ohnc Xweit'd anerkennenswert, wcnn wir auch 
 I'iciit u'laiiiicn, dass ihm dies in boondcrs hohem .Masse <re- 
 Uingen sei, Demi nichts ist loichter al> die Leiloiixsclie
 
 39 
 
 Psychologie durch triviale Bemerkungen in Misscredit zu 
 bringen, wenn man sich nur an dessen nach unseren Begriffen 
 selbstredend unhaltbare inethaphysische Speculationen halt. 
 In dies(3r Beziehung kann der methodologische Grundsatz, den 
 wir zu Eingang unserer Abhandlung betonen zu miissen glaubten, 
 niclit genug beobachtet werden. - 
 
 Die extensive Bedeutung der Associationen im Yorstellungs- 
 wechsel des menschlichen Bewusstseins 1 ) hat Leibniz zur vollen 
 Geniige gewiirdigt. Er sagt geradezu, dass auch die Menschen, 
 vorzugsweise auch die Kinder, zu drei Vierteln ihrer Handlungen 
 durcli blosse Association bestimmt vviirden. In der That ge- 
 schehen sehr viele unserer Handlungen, nicht sowohl diejenigen, 
 welche vermoge des Princips der Yererbung ein integrierender 
 Bestandteil unseres psychophysischen Organismus geworden 
 sind,-) wie z. B. die Ausdrucksbewegungen, als auch solche, 
 welche wir, urspriinglich willklirlich, 3 ) sehr oft vorzunehmen 
 pflegen, instinctartig, indem sich constante Associationen 
 zwischen Sinneseindriicken und Bewegungen, welche uns ja auch 
 nur als Yorstellungengegeben sind, bilden(sog.ideomotorischer Act), 
 ganz in derselben Weise wie Associationen zwischen Yor- 
 stelhmgen, wobei iibrigens selten ein gew r isser motorischer 
 Schlusseffect fehlt. 4 ) ,,Wenn alles inenschliche Thun in die 
 zvvei grossen Gebiete des willkiirlichen und des instinctiven 
 geteilt \verden soil, so ist nicht zu bezweifeln, dass t'tir die 
 grosse Mehrzahl der Menschen der Hauptgrund gerade derjenigen 
 Handlungen, die das allgemeine Kriterium der Gattung homo 
 ausmachen. nicht Ueberlegung und freier Wille, sondorn die 
 instinctive Xachahmung dessen ist, was andere thun: 1 ("VYundt, 
 Menschen- und Tierseele- p. 4;>2). - Was vom Thun gilt, 
 gilt auch von der Yorstellungsthatigkeit. Durch die zusammen- 
 gesetzte Natur unserer Erfahrungen, sowie dadurch, dass sich 
 
 ') cf. '/.. B. Stern, die Analogie im volkstiimlichen Denken. Berlin 1893. 
 -) cf. Wundt, M. u. Ts. p. 419. 
 
 :; ) Leibniz selbst fiihrt Opp. ed. G. Ill H74 em derartiges Beispiel an, welches 
 wir lieute noch ofters (cf. Wundt, M. u. Ts. p. 433 f.) zur Illustration clieser Vor- 
 uiinge verwerten, nitmlich das inechanisch gewordene Klavierspiel. Wenn Leibniz 
 die Erkliirung hinzufiigt, dass der Mechanismus nicht teleologisch functionieren 
 konnte, wenn die mechanische Function nicht gewissermassen als cine erstarrte 
 Willenshandlung zu betrachten sei, so spricht er damit ein Princip aus, welches 
 wir bei Erkliirung der iiusserst complieierten Instincthandlungen gewisser Tiere, 
 sowii: der Zweckmassigkeit der Organismen den bereits von Darwin geltend ge- 
 machten einpirischen Erklarungsprincipien als weiteres empirisches I'rincip hin- 
 zugefiigt haben (cf. Wundt, Phys. I'sj-c^h. II, p. i;4i!). Xatiirlich aber denkcn wir 
 label niclit noch an gottliche Praestabilierung des Mechanismus, sondern fussen 
 i ur auf der ompirisch beobacliteten Thatsache des Uebergangs vonWillkiirhandlungen 
 n Triebe oder Associationen und dieser in Rel'lexe olinc ])sychischen Parallel- 
 organg, wobei dann die urspriinglich psychische Leistung in eine Bereicherung 
 les physischen Organismus ubergegungen ist. Das Verhiiltnis der Willkiir- /u 
 len Hei'lexbewegiingen bildetc iiainentlich seit Hartley einen (.legenstand der Be- 
 ruchtung seitcns der Associationspsychologen (cf. Ferri (). 50). 
 ') c-f. Ziehen a. a. O> p. 20; Wundt, System, p. 581.
 
 40 
 
 die niimlichen Vorgango in der namlichen oder wenig ge- 
 anderten Reihenfolge wiederholen, entstehen in unserem Be- 
 wusstsein eine grosse Anxahl fester Vorstellungsgruppen oder 
 Fusionen, 1 ) deren Elemente sich gegenseitig ins Bewusstsein 
 xu xiehen vormdgen. Hierauf beruhen viele gewohnheitsmassigen 
 Erwartungen, welche nanientlich in der Vorstellungsthatigkeit 
 <les naiven oder ungebildeten Mensehen in holiem tirade vor- 
 lierrselien, bei ganx jungen Kindern die einxige Bewusstseins- 
 thatigkeit iiberhaupt bilden. Dieso rein psychologische Griuul- 
 lage aller erkennenden Tliiitigkeit, die Sigwart,-) wohl nicht ganx 
 riclitig, als ein ,,psychologisches Xaturgesetx der Generalisation' 1 
 bexeiclmet, ist bekanntlich spater von Hume xum Gegenstand 
 eingehender Untersuchungen gemaeht, ja xum allgemeinen und 
 ausschliesslichen Gesetx alles Erkennens erhoben worden. 
 Eigenschaften, welche \vir mehrmals mit einer weiteren Eigenschaft 
 verkniipft bemerkt haben, verbinden sich fiir unsere Ein- 
 bildungskraft so, dass. wenn wir jene vorstellen. diese dadurch 
 assoeiiert wird; Vorgange, welehe wir wiederholt aufeinander 
 fttlgen sahen, begriinden in derselben AVeise eiue Association 
 und \\\r erwarten, wenn dor erste eintritt notwendig den 
 xweiten. Aber wiihrend Hume allein der hiiufigen Wiederholung 
 die Wirkung beilegte, feste Associationen xu begriinden, fiihrt 
 Leibnix den richtigen Gedanken aus, dass bereits ein Fall, 
 wenn er nur einen starken, wir kdnnen hinxufiigen stark 
 gefiihlsbetonten Eindruck gemacht hat. in Bexug auf die Be- 
 griindung einer Association ganx denselben Effect hat als 
 oftere Wiederholung mittelmassiger Eindriicke. Leibnix spricht 
 damit jenes Gesetx der Alternation von Haufigkeit und Stiirke. 
 welches auch sonst in der J'sychulogie eine Holle spielt. aus. 
 Die Hauern, welche die Erscheinung eines Kometen und des 
 Getreidemisswachses nur ein einxiges Mai miteinander verbunden 
 wahrgenommen haben, erwarten das xweite Mai bei Wieder- 
 eintritr dieser Himmelserscheinung das niimliche. :: ) Ein Tier, 
 das ein einxiges Mai von einer Person Uebles erfahren hat. 
 hegt oft dauernde Antijiathie geiren dieselbe. Wenn Leibnix 
 allerdings an der oben citierten Stelle sagt: l)e la vient <|u'une 
 impression fortuitc mais violente joint dans no f re momoire 
 deux Idi'-es ,.<|iii dt'-ja y '-tuient enseml)!e". so mischt er meta- 
 j)hysische Ansichten ein. Wenn ir^end ein lebhafter Eindruck 
 (irund einer spiiteren Association wird, so \\an-n natiirlich die 
 assuciierten Vorsteilungen nicht Itereits vr jenem lebhaften 
 Eindruck - - denn anders lassen sich die Leibnixschen Worte 
 nicht auffassen - - irgendwie xiisammen. Nach Leibnix sind 
 aber die beiden Vorsteilungen bereits von Ewigkeit her als 
 
 : ) cf. .T...I1 ;i. a. 0. VIII, IT, ff. 
 
 -) of. Sigwarl, Lo^ik II, 114 ff, _'. Aufl. 
 
 ) IHeses Hoispiel lit-i Wahlc a. a. o. [>. 407.
 
 41 
 
 verbundene perceptions confuses zu betrachten. Denn wenn 
 es Opp. p. 223 a heisst ,,je vous declare par avance, Monsieur, 
 que lorsque vous direz, que les Idees nous viennent de 1'une 
 ou 1'autre de ces causes, je 1'entends de leur perception actuelle, 
 car je crois avoir montre, ([ii'elles sont en nous avant (|ii'on 
 s'en appercoit", so gilt dies natiirlich nicht nur von einer 
 einzelnen Wahrnehmung, welche ja ohnehin immer zusammen- 
 gesetzt zu denken ist, 1 ) sondern auch von eineni aus mehreren 
 gleichzeitigen Wahrnehmungen (perceptions sinmltanees-) be- 
 stehenden kleineren oder grosseren Complex. Derselbe wird 
 aber erst (lurch die aussere Wahrnehmung, bei Leibniz freilich 
 intolge der praestabilierten Harmonie, bewusst. Von hier ab 
 erklart dann Leibniz ganz empirisch. Jener metaphysische 
 Yorbau ist fur diese empirische Erklarung ganz und gar iiber- 
 t'liissig, denn thatsachlich beginnt auch fiir Leibniz die Existenz 
 und Wirkungsweise eines psychischen Inhalts auf spatere 
 Inhalte vermittelst Association mit der Bewusstwerdung desselben 
 durch die Eimvirkung ausserer Objecte. Denn erst diese 
 ,,grave dans la phantasie une image (Complex) et nous donne 
 le raeme penchant des les (sc. die Yorstellungen als Teile des 
 Complexes) lier et de les attendre 1'une ensuite de 1'autre" 
 Leibniz fiihrt selbst einige Beispiele solcher gewohnheits- 
 massigen Erwartungen an. Das am haufigsten in semen 
 Schriften wiederkehrende ist dasjenige des Hundes, dem der 
 Anblick des Stockes oder die Ausubung einer Handlungsweise, 
 derentwegen er ehemals bestraft vvurde, die Schmerzempfindung 
 mit dem Unlustgefuhl reproduciert, ebenso wie dem Kinde, 
 dessen erste Erziehung allein auf der Wirksamkeit derartiger 
 Associationen beruhen kann. Ferner bildet sich beim dressierten 
 Hunde eine feste Association zwischen dem Commando-wort, 
 dem auszufiihrenden Kunststiick und dem als Lockmittel und 
 Belohnung dienenden Frasse (cf. Comm. do an. brut. XIV : 
 Opp. p. 465). Weitere dort sowie anderwarts angefiihrte Bei- 
 spiele, die den Menschen betreffen, sind allerdings etwas 
 anders zu beurteilen. 
 
 Soweit \vir Leibnizens Anwendungen des Associations- 
 begriffs bisher verfolgten, sahen wir, dass er das Princip in 
 einer Ausdehnung anvvendet, welche unsei'en Anscliauungen 
 wenigstens einigermassen nahe komnil. AVir kommen nun 
 etwas ausfiihrlicher auf den Punkt zu sprechen, den wir im 
 Verlauf unserer Erorterung Itereits mehrfach zu beriihren 
 Gelegenheit batten, namlich die mangelhafte psychologische 
 Abgrenzurig der Association von Vorstellungsverbindungen 
 
 ] ) cf. Opp. p. 4:-J9 a : ,,NumiiK|ii:iin vcrsatur Porcoptio circa obiectum, in nuo 
 non sit aliqua varietas, sen multitudo." 
 
 '-') cf. Opp. cd. G. VI p. G2H: ,,11 y a de perceptions successives, niais il y a 
 aussi de simultanees."
 
 42 
 
 hoherer Ordnung. - So selbstverstandlich es 1st, dass das 
 passive Aufnehmen dor Eindriicke und die obenso passive 
 Association von den xwoekvollen Verkniipfungen des Denkens 
 und dom iiberlegten Handoln vorschioden ist und so richtig 
 der Sat/ ist. dass auch dor Monsoh xur Aufstellung noch so 
 besehriinkter Gesetze und ricgeln nur auf (irund der Association 
 gelangen konnte, so unrichtig diirfte es sein, wenn Leibniz 
 dioso primitive Induction olme weiteres init dor Association 
 identifioiort. 1 ) Vom loisrlien Standpunkt aus hat os guten 
 Sinn xu sagrn. dass dor naive und ungebildete MensclT und 
 die Kinder in ihror intellectuellen Thatigkeit ganz wesentlieh 
 durch Association bestimmt \\erden. voni psychologischen 
 Standpunkt aus. wenn os sich darum handelt Mensch und 
 Tier durch psychologische Kriterien xu trennen, miisson wir 
 hinzufiigen ..in ihron Urteilon", darum kann die Sigwartsche 
 Bezeichnung dor Associationsgesetze als psvchologisclie Natur- 
 gesot/e dor (ionoralisation wohl tier Logiker gelten lassen, der 
 Psycholog nur cum grano salis. t'nd Leibniz beabsichtigt 
 doeh augenscheinlich, psychologische Kriterien bohufs Unter- 
 scheidung von Mensch und Tier ausfindig xu machon ! Wenn 
 sich dcr Mensch durch Erfahrungen und Beispiele leiton liisst, 
 mag or noch so oft gotiiuscht wordon. so hat er doch bereits 
 Siitxo allgemeineren Inhalts gebildet. \volcho boi Wiedorkohr 
 eines Eindrucks xum Motiv oinos hostimmton Erwartungs- 
 urteils, welches nur untor gewissen Bedingungen ricbtig 
 ist. und welches, entgegen dor roi'i associative!! Erwartung, 
 in dor Anerkennung einer subjectivon Vorbinduiiir als oiner 
 xugloich object! ven innerhalb dor Welt der Objecte bostoht. 
 \Viihrend fiir das Tier die AVioderkohr der namliohon Succession 
 a und 1) nur die Wirkung hat. dass bei einem spateron Ein- 
 tntt von a verniiige dor psychophysischen Uebung die Sicherheit, 
 nut dcr b auftritt. vormohrt wird. wird dieselbe, vielleicht noch 
 so ephemere Succession fiir den primitiven Menscben die 
 I rsaclio dor Bildung oinor Abhangigkeitsbeziehung: b ist vun 
 a ahliiingig, wdcho beim Wied erauftreten von a ein Erwartungs- 
 \.-ranlasst. Sobald dor Summationsproccss dor Be- 
 wusstsoinsorscheinungen die Stiirko orroicht hat. wolcho. wie 
 \\ undt sich ausdriickt, ein /usannnonfassen der vorausgegangenen 
 .rlobmsse in cine rosultierondo (Jcsamtkraft ermogliciit, wird 
 - Bewiisstseinsleben der Ilen-schaft der kurxlebigen Association, 
 welcho nur cinx.'lnes init cinzelncm jiassiv verbindet, ontxogen 
 'iii'l_ die xuriickliogenden Erfalirungen worden niuunobr, und 
 himii Ix-stcht die Solbstthiitigkeit des Subjects, als bleib'ender 
 Massstab dor Vorgleichung an alle nouen Wahrnohmuniren 
 Dies ist obon die Ursache, weshalb alloin dor
 
 43 
 
 Mensch, auch der blosse Empiriker im Leibnizschen Wort- 
 verstande, im eigentlichen Sinne Erfahrungen macht and eine 
 Geschichte hat, wahrend, wie Leibniz richtig bemerkt, die 
 Hirsche and Hasen der Gegenwart nicht schlauer sind als die 
 der Vergangenheit. Durum ist es aber psychologisch durchaus 
 unrichtig, wenn Leibnix behauptet, dass sich die Tie re nach 
 Beispielen richten, weil diese Fahigkeit bereits Induction vor- 
 aussetxen wiirde, welche, indem neue Inductionen die bisher 
 gewonnenen Resultate toils beschranken, teils berichtigen, teils 
 01 -\veitern, oben daxu fiibren miisste, dass die Tiere der Jetztzeit 
 nicht nur schlauer als die vor vielen Jahren lebenden wiiren, 
 sondern class sie selbst in absehbarer Zeit dahin gelangten, 
 alle die Errungenschaften, die der Mensch seiner hoheren Be- 
 wusstseinsentwicklung verdankt, ebenfalls xu erlangen. Leibnix 
 hat das Associationsprinxip ganx richtig xur Erklarung der 
 tierischen Bewusstseinserscheinungen fiir ausreichend gehalten, 
 aber xur vollstandigen, psychologischen Richtigstellung seiner 
 Ansicht miissen wir hinxufiigen, dass durch Association nicht 
 nur kerne noch so beschrankte Regel, sondern nicht einmal 
 eine einfache Vergleichung entsteht. Wir nehmen an, dass 
 der Frosch, wenn er den Storch allmtihlig fiirchten lernt und 
 beim Herannahen desselben untertaucht, nicht durch Vergleich 
 eines gesehenen Storches init friiheren gesehenen den ersteren 
 unter den Begriff Storch subsumiert und x\veitens xwischen 
 der Wahrnehmimg des Storchs und den Vorstellungen der 
 Gefahr usw. ein Yerhaltnis der Abhaugigkeit statuieit. sondern 
 dass die Wahrnehmung des von feme auftauchenden Storches 
 sich rein mechanisch associiert mit gewissen Vorstellungen 
 der Storung, x. B. des bewegten Wassers u. dgl., und dass 
 auch noch so haufige Wiederholung \veiter nichts bewirkt als 
 die Vervollkommnung dieser psychophysischen Reaction. Diese 
 andert sich naturlich mit den Umstanden und dein Alter der 
 Tiere, sodass man in gewissem Sinne von einer individuellen 
 Lebenserfahrung derselben reden kann, aber doch nur in 
 einem bildiichen Sinne. Die Handlungen des Tiers sind durch 
 seine individuelle Lebenserfahrung in ganx anderem Sinne 
 bestimmt als die des Menschen. Bei ersterein ert'olgt eine 
 xweckmiissige Reaction auf einen aussei'on Eindruck automatisch 
 infolge veranderter Associationsbedingungen, die Xatur selbst 
 denkt gewissermassen fiir das Tier, beim Menschen werden 
 die individuellen Leben serf ahrun gen xu ^lotiven iiberlegter 
 Wahlhandlungen und begriindeter Ervvartimgsurteile. Z\var 
 besteht auch bei ihin die individuelle Lebenserfahrung materiell 
 in dem \veitverxweigten System der Associationen, aber im 
 vollwichtigen Sinne reden wir erst dann von einem orfahrenen 
 Manne, wenn der durch Association gebotene Stoff Inhalt ver- 
 niinftiger Urteile wird. Xur wenn dor rnterschied von Asso-
 
 44 
 
 elation und Urteil ! ) in Betracht gexogen wird, gewinnt der Be- 
 griff ,,Erfahrung" in seiner Anwendung auf Tier und Menscli 
 einen psychologiscli eindeutigen Sinn und dieser I'nterschied 
 allein kann die Antwort auf die Frage geben, die Leibnix 
 Aristoteles gegeniiber aufwirft: Illud (|tio(|iie in Aristotele 
 desidero. (jiiod non explicat, cur animalibus, quae meinoriam 
 habent, non etiani aequiratur experientia, i|iiam hominibus supra 
 animalia tribuit (opp. ed. O. VII p. 472). Trotx der individuellen 
 Lebenserfahrung der Tiere verbinden sich bei ihnen immer 
 nur einxelne Erinnerungsbilder. Leibnix ahnt x\var den richtigon 
 Sachverhalt, wenn er die tieriscbe Yerbindungsart der Vor- 
 stdlimgen auf Verknupfung von Phantasiebildern beschriinkt 
 \\ -issen will und sie als eine begriffslose (Opp. p. 237) bexoichnet. 
 aberer verwechselt in seiner, weiteren Erorterungen die Allgemein- 
 heit niit der Allgemeingiiltigkeit, welch' letxtere allerdings den 
 inductivon Wahrheiten nicht vollstandig in dem Sinne ztikonimt, 
 wie den matheniatischen, wahrend die Allgemeinheit, wie 
 Leibnix nachtraglich selbst anerkennt, auch bei der Induction 
 vorhanden 1st. Jener oben beschriebene associative Reactions- 
 vurgang der Tiere findet natiirlich auch beim Menschen, iin 
 ersten Lebensalter ausschliesslich, statt und die Umdeutung 
 dieser rein mechanischen Associationen in Urteile, die Liebmann 2 ) 
 bier vornimmt, ist durch nichts gerechtfertigt, vielmelir in 
 hochstem Grade unwahrscheinlich. Auch beim alteren Menschen 
 ist der Vorgang vielfacli derselben Art. Das bereit.s altere 
 Kind sieht einen Apfel, damit vorbindet sich sofort durcli 
 Association die Gesclimacksvorstellung desselben und die Be- 
 wegungsvorstellung des Ergreifeiis, welche niotorisch wirkt, 
 sodass das Object ergriffen wird, ohne dass Urteil und Wille, 
 welclie das Krgreifen des 01>jects vielleicht sogar verhindert 
 liaben wiirdon. an der Handlung beteiligt sind, welche vielmelir 
 nur Endeffect eincs lilossen Reprod action svorgaiigs rein passivci' 
 Natur is!. Von diesein Vorgang ist aber psychologiscli xu 
 tivniK-ii ilic primitive Induction, durch welche sich der Menscii 
 b-i seineni Handeln und rrteilen mittels Kegoln und Beispielen 
 Icitrn liisst. Wcnn dor Mensch eine Succession bemerkt hat. 
 s " bat el- den Trieb cine Hegel aufxustellen und auf (.frunii 
 derselben den Kintritt einer Erscheinung xu erwarten. aUo 
 sic untcr die KVgel xu subsumieren. So sind unsere alltii^liclicn 
 Antici|)ationen der Ereignisse nicht rein associativ hervorgenifcn. 
 -ond'-rn sie erfol^-n auf (Jrund dor Annahme der Bedingtheil 
 finer \ Mivtclluni: durch eine andere, die freilich falsch sein 
 kann. \Venn der Bauer bei Krscheinung eines xweiten Konieten 
 wie.l,'f an Misswach> denkt. oder inn ein Beisjticl Leibnixens 
 ;.ii gfl.rauchcn. wenn man erwartet. dass die Nacht auf den 
 
 ) .'f. .l<i,|| a . a. X. 
 ) l.iol,!naiui a. ;i. ()., untor ...Mun-elieii und TiL-rvi-rstand."
 
 45 
 
 Tag folgt, so geschieht dies nicht bios auf Grund der Association, 
 somlern woil beide Erscheinungen durch oin Abhangigkeitsurteil 
 /u einander in Beziehung gebracht werden. Gerado dieso 
 letztere Art dor Verkniipfung der Bewusstseinsinhalte ist es 
 ja. die auch Hume /war als thatsachlich bestehend anerkennen 
 nuisste, 1 ) aber im Widerspruch mit seinem rein associations- 
 psychologischen System. Leibniz, obvvolil Humes Skepticismus 
 vollstandig entgegengesetzt, vertallt docli hier in denselben 
 psychologischen Fehler wie dieser, worm er die primitive In- 
 duction, die als solche durchaus gleicbartig ist der Induction 
 als logischer Methode, welche zu immer allgemeineren, die 
 Krscheinungen nach Grand und Folge verkniipfenden Natur- 
 gesotzen, der sogenannten ,,connaissance demonstrative", fiihrt, 
 auf gleiche Stufe stellt mit der tierischen Verkniipfungsart dor 
 Bewusstseinsinhalte, der Association. Psychologisch ist die 
 Substitution eines einzelnen Falls unter einer Reihe ahnlicher 
 Fiille durchweg analog und dieselbe Function wie die causalo 
 Ableitung einer concreten Naturerscheinung aus oinem Xatur- 
 gesetz universellen Charakters, namlich eine vergleichende und 
 beziehende Thiitigkeit, die, mit der Analyse des Wahrnehmungs- 
 inhalts beginnend, aufsteigt zu dem grossartigen Gedanken 
 einer allumfassenden Weltlogik. Leibniz i d e n ti f ici e rt 
 den psychologische n G e g e n s a t z von A s s o c i a t i o n 
 und b e z i e h e n d e r T b a t i g k e i t m i t s e i n e m e r k e n n t n i s- 
 t b e o r e t i s c h e n , psychologisch g e g e n s t a n d s 1 o s e n 
 der e m p i r i s c h e n u n d a p r i o r i s c h e n E r k e n n t n i s. So 
 werden am Schluss der Commentatio de anima brutorum streng 
 (toto coelo diversae!) geschieden die ,,consecutiones empiricae", 
 welcbe Menscben wie Tieren gemeinsam seien und die ,,con- 
 secutiones rationales'", welcbe, allein dem Menscben angehorend, 
 zur wabren Kenntnis der Ursacben fiibrten, wabrend die In- 
 duction niemals zu notwendigen Siit/^en gelange. Zwar sind 
 die Wabrbeiten, welcbe der Menscb in diesem Sinne a priori 
 |)er rationes (connaissance par causes) bildet, nicbt in dem Sinno 
 notwendig (cf. Opp. p. 39.'] b), in welcbem Leibniz dieses Wort 
 von den notwendigen Wabrbeiten xc.r ;!-<)/ 1'^ 1 gebraucbt, d. i. 
 namlich denjenigen, welcbe, ohne dass sie auf den zufalligen 
 Inhalt der Anscbauung angewendet wiirden, nur durcb den 
 Sat^ dej- Identitat und des Widerspruchs ei'kannt werden, 
 wiibi-end z. B. die astronomischen, geograpbiscben, physikalischen 
 Wahrheiten, da sie einen anschaulichen, relativ /utalligen In- 
 halt enthalten, nicht in diesem Sinne sti'eng notwendig sind 
 (cf. Opp. p. 379; Opp. ed. G. \'I, p. r>0'J): vielmebr will Leibniz 
 bier nur den Satz des (rrundes angewendet wissen, welcber 
 die gegebenen empiriscben Thatsachen zureicluMid verkniipft. 
 So entstelien aus den tbatsachlicbeu Wabrbeiten, welcbe dio 
 
 ') cf. \nm. li, Scitc "J; Koni^, in den Philos. Studien I p. 27.S.
 
 46 
 
 Sinne und die Induction liefern, durch Anwendiing des 
 apriorischen Causal princips die relativ notwendigen der em- 
 pirischcn \Vissenschaften, welche ihrerseits zu absolut not- 
 wendigen wiirden, wenn \vir idle Zusamraenhange sub specie 
 aotornitatis iiberschauten. 1 ) Fiir Gott verschwindet der Unter- 
 sehied der Wahrheiten untereinander ebenso wie der Unterschied 
 der commensurablen und incommensurable!! Grossen nur fiir 
 den endliehen Verstand Geltung besitxe (cf. 0|)p. p. 83 b). 
 Dor Sat/ des Grundes wiirde dann in dem der Identitat und 
 des Widersprtichs aufgehen, indeni \vir jedes Glied nicht nur 
 als (Jlied eines causalen, sondern auch eines teleologisehen Zu- 
 sammenhangs, wolchen sich Leibniz durch sein Stetigkeitsprinzip 
 als einen xcitlosen inathematischen Process veranschaulichte, 
 
 ') Sehaarschmidt bemerkt in. E. niit Roolit (Anin. 51! /.. rcbersetzg. d. N. E), 
 daps die I'merscheidung der zufiilligen odcr thatsachliehen von den notwendigen 
 Wahrheiten, die iti dor Form der ,,physischen" im Gegensatz zur ,,logisehen" 
 Notwondigkoit auch in der Lehrc von der besten Welt, der Willensfreiheit, der 
 Wundertheorie cine froilieh mehr practise!) als wissensehaftlicli bedeutsame Rollc 
 spielt, bei Leibniz koineswegs un/weidetitig bestimmt ist. Dieser selbst hat es ja 
 auch an Vormittlungsversuchen (cf. Opp. p. 379) niclit fehlen lassen, wiihrcnd 
 andornorta (Monadol.) nur die notwendigen und thatsachlichen Wahrheiten einander 
 gegenuberfrestellt wcrden. In Wirklichkeit wcrden die Repriffe ,,thatsachl!ch" 
 und ,,not\vendi<r" in einem enjioren und weiteren Sinne ^ebraucht, indem die 
 ,,tliatsiichlichen" Wahrheiten sowohl die Wahrheiten der Sinne und der Induction, 
 welolie l>ei I.eilini/ nur ,,He<>baclitiiiig der Sinne" ist (cf. Opp. p. 195 a niit :(!tG b), 
 als auch die relativ notwendigen Wahrheiten, die durch Anwcndung des apriorischcn 
 Causalpriucips gewonncn wenlen, bezeidmen, wiihrend andrerseits die ,,not- 
 wendiuen" Wahrheiten sowohl die notwendigen Wahrheiten %(f.T i-j-0/ijl' als aucli 
 jene relativ notwendigen umfassen. Man sieht, wie die Regriffe liier ineinander 
 iibergreifen. Wir glauben durch die Auseinanderhaltung von drei Stufen den 
 I.eilini/schen Intentionen am ehesten gerecht geworden zu sein. Er wollte bereits die 
 Thatsaclieii der Wahrnohinung im weitesten Sinne, d. h. das Sensationscontinuum 
 und die Assoeiationen der donkenden Rearbeitung derselben gegeniiberstellen (cf. 
 Do inodci distiiiLjiKMid; phaenomena reaiia ab imaginariis <>pp. p. 44liff ; ,,Et la liason 
 des pliennmeiies, qui garantit les verites de fait, a 1'egard des choses sensibles 
 l:i>rs de nous, se verifio par le moyen des vorites de raison." Opp. p. H44). Da 
 er aber clie inductive Verallgenieinerung als rein sinnlichen Vorgang auffasste, 
 liat er dieselbo noch jener desamtheit der Vorbedingungen des Denkens in- 
 corp-iriert und konnte so zu der Annahmc golangen, dass schon die Sinne ,,that- 
 ^iifhliclie" o!er ..besondere" Wahrlioiten von einer gewissen Allgemeinheit lieferten, 
 wiihrend die alisnlnte Allgemeinheit und damit die wirkliche Allgemeingultigkeit 
 :i\\^ apri"iris"hon rrincipien stamme. Xach unserer Anscliauung hingegen tliut 
 die rnvo!lst:iiidij_'keit des Inhalts der induotiv gowonnenen Wahrheiten der All- 
 (.'omeingultigkeit keineii Eintrag, weil let/tere atif der psycholofjisch bedingten 
 I'nrin des Denki us beruht (cf. Wundf, System p. lD:i ff, Sigwart; Logik II. 427 u. <'i), 
 und in- iffi-n die I'"(irm stets den Inhalt umfasst, der joweilij: err<>icht.-' Sland der 
 \vi.->r.|]>i-h::f!liclicii Erkcnntnir- fiir jedeu Denkondon bindend ist, bis weitere 
 deiiki-iidi l'.<-arli"itnn^ Modif'cationon notig macht Fiir unsere Unterscheidwng 
 v<i n dri-i Stufi'n der Krkcmitnis be/. Wahrheiten, die allenthalbeu gefordert wird, 
 >ej ni'r HIM'!, hiiiuewie-cii aiif dif \Vnrte Opp. p. :tTS b : ,,.I'ai deja remarijiie qiie 
 l;i \i'rite de. r-|in>e^ >. 1 1 - i 1 , 1, - se ju-tifie par leur liaison, <|iii depend <les verites 
 in; ' I!, ctn.-ll. -, f..nd'e~ .-n ,, raison" (wnmit die relativ notwendigen Wahrheiten 
 d'T 'mpiri-i-li'-n Wi-si-n-'-hafteu t'enifint sind) et des ,,nliservatif>ns'' coilstantes 
 s-usibh- memes, lo,-> m.-ine <|iie les raisous ne paroissent pas" 
 Hi.- \Vahrhejii-ii der I udiftion, ronseciitiones empiricae, auch bei Tieren).
 
 47 
 
 erkennen. 1 ) Jener Satz des Grundes tritt aber bei Leibniz 
 nicht als Resultat der psychologischen Elementart'unctionen des 
 Denkens auf,-) vielmehr gehb'rt er, ebenso wie der Satz der 
 Identita't und des Widerspruchs, zu den apriorischen Bestand- 
 teilen der Erkenntnis, welche unmittelbar gegeben sind. 3 ) 
 Eine psychologische Motivierung dieser Principien, welche zum 
 Verstandnis des Verha'ltnisses von Association und Induction 
 unorla'sslich ist, felilt jedoch. Die Annahme, dass das Causal- 
 princip in abstracto angeboren sei, macht nicht im geringsten 
 erkiarlich, warum es im concreten Falle vom primitiven Menschen, 
 der von demselben als abstractem Princip gar nichts woiss, 
 angewandt wird. Darum erkannte eben auch Leibniz nicht das 
 Wesen der Induction, welche, weit entfernt bios dazu zu dienen, 
 die a priori gewonnenen Schlussfolgerungen zu bestatigen und 
 xu illustrieren, vielmehr, da sic selbst bereits logischer Natur 
 ist, ganz selbstandig die empirischen Verallgeraeinerungen, 
 die Ausnahmen zulassen konnen, in ausnahmslos giiltigo 
 Causalgesetze iiberfuhrt. Das ist freilich ein miihsaraerer Weg 
 zu notwendigen Wahrheiten zu gelangen, als derjenige, den der 
 alte Rationalismus ertraumte, aber der einzig mogliche. Leibniz 
 lost die logischen Nornien von der Erfahrung los. Alle Er- 
 kenntnis, sowohl die rein apriorische, als die empirische ini 
 engeren Sinno, beruht nacli ilnn auf apriorischen Principien, 
 die vor aller Anschauung gegeben sind, init. deren methodischer 
 Handhabung die consecutiones rationales und dainitdie specifisch 
 menschliche Bewusstseinstliiitigkeit erst beginnen soil. Xeben 
 dieser apriorischen Erkenntnisform aus jenon beiden grossen 
 Principien der Identita't und des Widerspruchs und des Satzes 
 vom Grande, den voritos primitives do raison, zu wolchen 
 noch einige vrrites primitives de fait kommen, welche beide 
 zusammen mit den v (''rites derivatives die demonstrative Er- 
 kenntnis constituieren (cf. Opp. P- 212b, 338 s([(|.), steht nun 
 die rein empirische Erkenntnis im weitcren Sinne, die In- 
 duction, da. welche rein aus den Sinnen stammt und ohne 
 jedes Yernunftprincip vor sich geht, 1 ) die consecutiones em- 
 pijicae. Avelche uns mit den Tieren gemein sind, wobei Leibniz 
 die associative Reproduction eines Erinnerungsbilds gleich-
 
 48 
 
 hedoutond 1st mit ..Induction". 1 ) Leibnix vcrsuchte zwar die 
 (Jogensatxe des Kationalismus and Kmpirismus zu iibeibriicken, 
 alter thafsiiclilicli hat or doch seinen /week nicht erreicht, 
 \vcil er dii 1 Denkgesotxe. inclusive des empirisch verwandten 
 Sat/os vom (irundo. dor Anschauung von aussen aufgelegt sein 
 lio^s. anstatt diesolben auf ihre allgeraeinste psychologische 
 Hodintrunij; drr vergleichenden und bexiehenden Thatigkoir. 
 \\elehe sich unter deni Kinfluss der Aussenwelt entwickelte, 
 /it rediicieron. Wir sehen bei Leibnix die (irenxe xwischen 
 Association und Denken ganx bedoutend nach oben verschoben, 
 \vcil das Denken erst niit dem demon strati ven Krkenntnis bc- 
 ginnt. \vahroml das vnrwissenschaftlicho Denken und die Natur- 
 louik iles niethodisch uniresc-hulten Denkers gar nicht. beriick- 
 siclitii:! \\erden. sondern niit den consecutiones empiricae der 
 Tiere auf einer Stuie stehen. Der Naturmonsch liatte indes, 
 inn da> obi-n p-nannte Heisjtiel Leil)nixens wieder ?A\ gebranchen, 
 lanre vor der \vissenseliattliclien Begriindung der Astronomic 1 
 au> der xt-itlichen Succession von Tag und Xacht ein Ab- 
 hangiirkeitsverhalinis gefolgert und dafiir auch allerhand barocke 
 m v thologi sch e Krklarungen. die doch auch Causalerklarungen 
 M'in wollen. fisonnt'ii. Leiltnix giebt x\\ar xu (Opp. p. 214 15). 
 das> die lo-i-ischen Axiome aits Naturinstinct angewendet 
 ut-rdi-n. aber nur in ..\er\vorrener" Weise (cf. ^pp. {). ^^Hb, 
 \i. .'!!!> b; Mais c< i s impressions aussi servent plutot a donner 
 tics ..instincts" et a fonder des ..observations d'exp6rience" 
 'I" a t'oiirnir de la matii'-re a la ..raison". si ce n'est en tant 
 in ello smit accompagnees de perceptions distinctes etc). Ja 
 ohwohl > p. :!!t:>b heisst: Les homines niemes n'agissent }>as 
 autrt'inenr (sc. als die von einer Vorstellung xur andern (lurch 
 Association fortschreitenden Tiere) dans les cas, ou ils sont 
 enipiriijites x'uicment. Mais ils s'clevent au dessus des betes, 
 ( 'ii tant oit'ils voicnt les liaisons des vcrites: les liaisons, dis-je, 
 ijiti constituent i-ncon- elles-memes des verites necessaires et 
 uni\erselles ,.('es liaisons sont menie necessaires, (juand elles 
 ''' ]'rodui>fiit i|ii'uni' opinion, lorsqu' apivs une exacte recherche 
 ' ;l pn'-valcncc <! la probabilite, aurant <|ifon pent juger. pent 
 . de >orte (ju'il y a demonstration alors, non 
 
 -' inn- d.-r, da-- I.i-il.ni/ -i.-h naeli cincr andon-n Qiiollo der Allpe- 
 
 '*.;! iim-ah, w.ilirond Iliinit- auf dii-M-lln- iiborhanpt Vor/icht loistetc. 
 
 . r.'lil.-r h.-idt-r i-t diTs.-ll.i-. nur wunlon h(>ilo Donk(>r .lurch 
 
 /nr }::_< -liiiiiL' 'Ic-M-Ili.-n vcranlasst, Hume durch vorwio^.'iid 
 
 r da- |.>v.-hi.l..^isclH- Fa.-tnni dor Association xinn Er- 
 
 '. I.'-iluii/ diir.-h inchr frkcnntnistlioorotisclic, insoforn cr die 
 
 :: i-t, waliri- Erkcnntni- /u li.-f.Tii, auf jenos psycho- 
 
 I'-lnii'kt.-. Ma- isl nntiirlirh in der J-'igonart heidor Denkcr 
 
 iii.hr I'-y -l,.,!,,^, |.-il,iii/ in. -In- spcculativcr Erkonntnis- 
 
 1)1.- -i- 'ik.-f. 
 
 ..!' '"II -4-. -inii.il, d.-s ln'-tcs in- s.mt |..n.l. o i|ii'.-n inductions." Onno 
 \on I., il.ni/ niit d.-r I'rin/.So|,lii... v. llaiin. ISTH, Hand III, p. 288.
 
 49 
 
 pas de la verite de la chose, mais du parti quo la prudence 
 veut qiTon premie" hat Leibniz in seinen spiiteren Schriften, 
 wie der commentatio do anima brutorum, seine Identification 
 von Association and Induction nicht aufgegeben. Am Schluss 
 der soeben citierten Stelle giebt or eigentlich zu, dass begriindete 
 Vorstellungsverbindungen auch dann obwalten. \\enn sich der 
 Monsch nur empirisch verhalt. Aber freilich spricht Leibniz 
 auch hier nicht voni ,,Bewusstseiir' innerer logischer Not- 
 wendigkeit, dem sogenannten psychologischen Grund einer 
 logischen Vorstellungsverbindung, sondern von dem objectiven 
 logischen Grund einer Wahrheit, welcher deren Allgemein- 
 irultigkeit bedingt, wie denn auch seine Definition des Urteiis 
 als wahrscheinliche Ansicht oder Erkenntnis der IJrsache eine 
 erkenntnistheoretische, keine psychologische ist, Aber nicht 
 darin besteht der psychologische Unterschied dei 1 denkenden 
 Vorstellungsverbindung von der Vorstellungsassociation dor 
 Tiere, dass der objective Lnhalt der ersteren aus wissenschaftlichon 
 Griinden fiir alle Denkende zwingende Kraft besitze, sondern 
 darin, dass das Subject das Bewusstsein eines Grundes hat, 
 weshalb es gerade bestimmte Vorstellungen in einem Urteil 
 verkniipft. Dieses Bewusstsein ist aber ohne weiteres mit 
 jedern Urteil gegeben, insofern dieses eben weiter nichts ist 
 als eine Vorstellungsverbindung aus Zweckmotiven. So ent- 
 steht das Gefiihl der logischen Xotwendigkeit zunachst als ein 
 psychologisches Rosultat der Activitat des vergleichenden und 
 beziehenden Bewusstseins, 1 ) welches wiederum ein psychologisches 
 Katsel sein wiirdo, wenn nicht die Anerkemuing von Gleichheits-, 
 Unterschieds- und Abhangigkeitsbeziehungen in dor Beschaffen- 
 heit der objectiven Realitat, die sich in don Associationon 
 widerspiegelt, wurzelte.-) Die fonnalen Denkgesetze sind dahor 
 zugleich Erfahrungsgesetze und die Resultate des Donkons ge- 
 winnen in dem Masse objective Giiltigkeit, als dio elementaren 
 Functionen doi' Beziehung und A'ergleichung fortwahrend auf 
 die Anschauungen angewandt werden. Auf dieseni AVoge 
 wird der Grund eines Urteiis, der zunachst ein subjective! 1 , 
 psychologischer ist, zu einem objectiven, d. h. fiir alle Denkende. 
 welche ja alle deuselben Denkgesetzon unterworfen sind, giiltigen. 
 Psychologisch muss aber letzterer aussor Betracht bleiben, da 
 dio Psychologie, wio bereits zu Eingang betont, os nui 1 mit 
 dem Denken als psychologischer Function, nicht soweit os zu- 
 gleich ein Erkennen ist, zu thun hat. Alle Erkenntnis, aucli 
 die Wahrnelnnungserkenntnis, ist jedoch ein Niederschlag der 
 Donkthatigkeit. Die Sinne liefern uns in don Wahrnohmungen 
 und Associationen nur den Stoff, niemals bereits ,,thatsachliche 
 AVahi'heiten" und Siitze solbst von praesumptorischer Allgemein- 
 
 ') cf. Jodl a. a. (). X, 83. 
 
 -) cf. Wundt, Phys. Psych. II, p. 479. Hf.ffding, p. 21!).
 
 50 
 
 licit, withrend umgekohrt jedes Trtoil Allgemcinheit onthalt, da 
 seine Bostandteile nieinals Einzelvorstellungen, sondorn Bogriffe 
 odor connotative Yorstellungon darstellen. Ferri, dor den sehr 
 iiTetiihrenden alten (Jegensatx von seusibler und intolligibior 
 Krkonntnis init dein niodcrnon (iogonsatx von Association und 
 Donkcn identificiorcn \vill 1 ) hogeht sonaoh omen Fohler, wenn 
 er sich hiortiir auf Leibniz heruft. \voil dieser jonen liogonsatz 
 koiueswegs in strong psycliologischem Sinno aufgefasst hat. Sein 
 Bogrit't' ..raisoir ist nicht das subjective Bow usstsoin logischer 
 intramentaler Notwendigkeit. \\olcho allein als psychologisches 
 Cliarakti-i-isticuin dcs Donkcns hcti-achtct word en kann, sondern 
 dor Hoalboirritt' dor rrsacho in fiituickoltstor (Jestalt, welcher 
 ulmo psyclmlu^isc'ho Dcdiuuion hlciltt. Diosor Irrtuin verleitet 
 donn aucli Forri. ulnvuhl or soinr Cregeniiberstellung joner 
 boidon Krkonntnisarten I'ioJitiu dnrch dio Ausdriicke, ,,sonti- 
 inont dos i-a|ip>rts". d. h. Wahrnehniung doi 1 associativen, auto- 
 inatiscli vnr sioh p'hondon Vorstollungsverbindung, wie or sie, 
 Lcilmix. folirond. l>oi Tioron und Kindorn - letxteres freilich 
 oin sohr unlx'stininitor Ho^ritt' statuiort und ,,iu^ement", 
 
 d. h. vor-rloioliomk- und boxioliondo Operationen boi Activitiit 
 dos Subjects illustriort. donnnch do- so dofinierten sensiblen 
 Krkeuntnis die Hi!diin:Lr onipii'isclioi- (losotxo /uspricht, welche 
 oist durcli dif intelligible xu Causalgosetzen oi'hoben wiirden, 
 a!> "I) die IJildiini: eines empirischen (iosotxos. in dein docli die 
 Reduction aut cin ( 'ausalgesetx wonigstens implicite als Postulat 
 enthaltcn i>t.-'i olmo jono syntbt-tiscbon und analvtischen 
 Functionon nii'iirlicb wiii-o und die Krbobuntr desselben xu eineni 
 < 'ausalgssctx durob cine iranx andoro Function geschiihe und 
 uicbt violinelii- \\citei- niohts bedoutoto als die Einreihung eines 
 Zusaininenhangs in einon gros>ereii Complex von Zusaninien- 
 bantreu. hides i<r koine A^ooiation imstande. die Erkenntnis 
 eine> regeliniissiiren Xusaninienliangs, \\eloho Saclie der Induction 
 i>t. xu liet'cin. wie andreiseits kein ("rtoil. aiioh nicht das oin- 
 fae|i>te un.'l e|einentar>ie. Ilild mil Hild vorkniipft, wie dio 
 A^-^oiati'in. soiiilorn Ilild mil <iedanke. Kinxelnes mit Allge- 
 ineinem. I*a- trilt vom wisscnschaftlich begriindeten Ui'teilo. 
 
 . .icucr prkonntnistlicoretische f'n'.M-n- 
 -at/ liat 'l:i- j>~yi-lnpli'::i>i-hf I'r.'l.liMii di.-r vi-riliuikclt :il. ;iuf^eUHirl. I>a.s Korris 
 I'.i-xri'i i!i-r A~-'M-i.it iu ii-il\vi-i>i' f<-lil"rh:if; i-t, iidii auHi diiraus lu'rvur, (lass or 
 tan/ alltr-'iiii-iii \.'ii i-iin-r ,,as-iiciaii(in par iliftY-ri'iii'c" rcilct, wclclic in it. der 
 :iri-l..t -li-i-h.-n r,,|]!rastas-..c'ialio!i, u.-l.-lic .ii- lliat-achli.-h lictraclitt-t nicht falscli 
 i-t, U<-ini--v :- id'-nti-'-h -fin kann. hi'iin Coiui^^t und I'titcrsi'liiod sind schr 
 w,.-..i,t!ii'h v.ni .-inand.T v.T-rhi.'dcii. I-'i'rri liai dici- ,,a<-nriatiuii jpar difft'-rcncc" 
 vcn di-n I-'iiLM'iiid- rn iil)'Tiiiiiiini'-n, "lni> -[<], \K-\\\I-~I /u wiTdcn, dass dieso nur 
 vi >!i i in- r ,-I.II-IM n n-dt'ii ki-iirili-n, wi-i! -ii- das 1-lrkrnnen von T'eb'-vin- 
 -liiiiinuiiL' und I'liit-i'-i'lii'-dcn dnri'lian- auf A -~"cial inn rciliif-icron wollten, was 
 l'i rri an llain -"L'ar -.'lad. -It hatii-. Wit- <lcr 1'nli'ix'ldi'd als snlrlicr associierenrt 
 \Mik'-ii -'ill, j.-t ah. r u an/ tin lit-nk iiar <.l"'il a. a. ( >. X, Tin. 
 I if. Si^wart, I.i.^'ik II, Mil.
 
 51 
 
 wie vom Vorurteile, ebenso auch vom einfachsten, oberflachlichen 
 Erwartungsurteil, das eine vorschnelle Verallgemeinerung ent- 
 halt, aber durch weitere Erfahrung rectificiert wird. Leibniz 
 hat, wie Locke die Vorurteile von ihrer associative!! Grundlage, 
 so die Erwartungsurteile von den gewohnheitsmassigen Kr- 
 wartungen durch Association nicht geschiedun, weil ihm das 
 psychologische Wesen des Denkens noch nicht geniigend bekaunt 
 war. So besteht zwischen den rein empirischen Gesetzen und 
 Regeln, wie sie der praktische Denker sich bildet, beispielsweise 
 der Bauer, oder der praktische Rechner, 1 ) den Leibniz anfiihrt 
 und den umfassenden Causalgesetzen beziehentlich inatheinatischen 
 Theoremen nur ein Unterschied des Grades, nicht der Art der 
 Erkenntnis, geschweige derm das hier in psychologischem Sinne 
 von ,,consecudones toto coelo diversae" die Rode sein konnte. 
 Derm, es sei nochmals betont, wahrend die Association die 
 Yorstellungen nnr auf Grund der Eigenschaften, die ihnen an- 
 haften, verbindet, ohne dass das Subject dabei willkiirlich 
 handelt, werden diese Eigenschaften auch fur den rohsten 
 Empiriker der Aulass zur Bildung von Begriffen und Gesetzen, 
 mogen dieselben auch noch so wenig umfassend sein. Das 
 wissenschaftliche Yerfahren wendet dieselben Fahigkeiten der 
 Yergleichung und Beziehung nur methodisch an, indem es all- 
 mahlig die zufalligen Verhaltnisse von den constanten sondert, 
 um so zunachst zu empirischen Gesetzen zu gelangen, und uni 
 diese dann wieder a us imrner allgemeineren Gesetzen abzuleiten. 
 Selbst beim einzelnen Wahrnehmungsact werden die synthetischen 
 und analytischen Functionen des liochst entwickelten Bewusst- 
 seins wirksam, was Ferri freilicli nicht verhindert hat, von 
 Wahrnehmungserkenntnis auch bei den Tieren zu reden, denen 
 er, sofern er aucii bei den Associationen synthetische Einheit 
 der Wahrnehmung postuliert, jene synthetischen Functionen, 
 die er ihnen vorher abgesprochen, wieder zuspricht, weshalb er 
 dann, um den Gegensatz der beiden Erkenntnisarten doch auf- 
 recht zu erhalten, dazu gelangt,-) ahnlich wie Locke, das Wesen 
 der tierischen Yorstellungsthatigkeit im Fehlen des Abstractions- 
 und Generalisationsvermogens zu erblicken, als ob die grijssere 
 oder geringere Allgeraeinheit der Resultate jener Functionen 
 jeneri Unterschied dann iiberliaupt noch gestattete. Kiclitii, r ist, 
 dass Abstraction und Generalisation den Tieren fehlen, weil sie 
 untahig sind zur Bildung connotativer Vorstellungen. Der 
 Grund hierfiir liegt aber defer. Kr beruht auf der inanpel- 
 haften Thadgkeit der \villkiirlichen Aufmerksamkeit, welche os 
 nicht einmal zur klaren Auffassung des einzelnen Yorstellungs- 
 bildes kommen liisst. Darum fehlt eben das. was wir synthetische 
 Einheit der Wahrnehmung nonnen. Wahrend das Tier, obwohl 
 
 ') cf. Schluss der Cominentatio d. an. brutor. 
 '-') cf. Ferri a. a. O. p. 270.
 
 52 
 
 dicsolho Aussenwelt auf dasselbc einwirkt und dioselhen Asso- 
 ciationcn veranlasst, nionials dazu gelangt den dadurch gebotenen 
 Bewusstseinsinbalt xu analysieren und die Teilo durcli Syntbeso 
 xu verbinden. besitxt der Menscb von vornherein diese Tliatig- 
 keit. die rrsaclie alles Forschens, das Kesultat einer entwickelteren 
 psychophysischon Organisation. Leibnix ist bier eben nocb 
 in dein ganz allgemeinen, erst durcb die Psychologic 1 ) und die 
 Kntwickhingsgeschichte beseitigten Irrtuin befangen, in dem aucb 
 Kant noeb befangen war. als er Verstand und Sinnlicbkeit als 
 die beiden Erkenntnis<|uellen und deraentsprechend Form und 
 Stoff als die beiden Factoren des entstehenden Products ein- 
 ander gegeniiberstellte. olme niilier xu bestimmen, was diese 
 Worte psychologisch denn eigentlicb bedeuten, und wenn er, 
 anstatt die Functionen des Yerstandes auf die einfachen Tha'tig- 
 keiten der Bexiehung und Vergleicbung als psychophysisches 
 Enhvicklungsproduct xuriickxufiihren. cine Menge Specialgesetze 
 desselben als aprioriscb angeboren-) sein Hess, die wir auf den 
 xwar von aussen gegebenen, aber ungeordneten Eriabrungs- 
 inlialt anwenden. wobei er dann freilich init der Casuistik 
 sehr ins (jed range kani. Erst die moderne Psychologie bat 
 durcb Analyse der Begriffe. init denen Kant operierte, das 
 "NVertvolle der Kantschen Erkenntnistheorie fruchtbar gemacbt, 
 indein sie dei'en e.xtreinen Subjectivismus auf das xuliissige 
 Mass bescbrankte. Audi I^eibnix sab keine andere Moglichkeit, 
 als den rrsjji'ung des Denkens duroli die subjectivistiscbe 
 Annabine eines Angeborenseins der fertigen Begriffe und Er- 
 kenntnisaxiome xu erklaren, nur dass er aucb den Stotf des 
 Denkens. die gesamte Sinnlicbkeit, in die Selbstentwicklung 
 der .Monade verleu'te. Und obwobl er (liesell)e psychulogisch 
 als eine niedere Entwicklungsstnfe des Denkens auffasste. so 
 bleibt es aber niebtsdestoweniger Tbatsache. dass aucb er. wie 
 alli-i' Apriorisnius. :: } das Denken von dej- Aus>enwelt und Sinn- 
 liclikfit lovlTistc und isolierte, wenn er die Inductionen xu einer 
 ..es))i''C'(- de cntistMMitioiis. ijiii imite le raisonnenient" degradiert 
 und rnit der Asxiciation xusamnienwirft. wiihrend die eigent- 
 liebe Erkenntnis dann psyeliologiscb sn/usapMi in der Luft 
 sebwebr. Dt'i 1 seln- riditin'c Ausspi'ucb. da>> ilie Assooiationen, 
 die sieh unter Einwirkung dt-r Aufiiwt'lt iin ti i riscben Be- 
 \\'us>t>eiu Itildt'ii. ilt-n verstandesmiissigen Verkiiiipfungen einer 
 entwiekelten Iiite.lli^'iix so iibd'aiis iilun-ln. fiibiic Leibnix nocb 
 nicht xu dem ( icdaiiki'ii. dass die Verbindungen, die unser 
 Denken xwi<eben den Bewusstseinsinluilten hci-stellt. nur durcb 
 
 l I'l'lnT ilic l'~yc|i<iloj.'ic :il- I-'uii-huiifnt I|IT Krljcnnt ni-t ln'oric cf. ,1odl a. 
 :i. O. \\, \*. H.'ifHJnjr, n. :i. <>. cin-clil. drt.-. 
 
 -( ,,I>ns A)iri"fi tici Kant ini^t n<ir-li >tark ilon Cliaraktcr nincr nngehorenen 
 <;fist<-.lMT.c-li:iffMili'it" Kulpc, Crclriss. d. 1'lillns. p. :u. cf. audi Siywart II, 
 
 |p. -"-', r.-tvrwr._--II'-i!i/' 1111 |p. 1-'., S. Anflr. 
 
 ) {. ilarni^ a. a. < >. \> '2~* f.
 
 53 
 
 Analyse der Beziehungen, die uns die bereits geordnete Aussen- 
 welt als ihrem Reflex liefert, zu stande koramen and dass der 
 Mensch die Fiihigkeit des Denkens nur seiner entwickelteren 
 psychophysischen Organisation verdankt, vielmehr gilt ilnn das 
 Denken als das Urbild aller psycliischen Thatigkeit, (lessen 
 Uebereinstimmung mit der Aussenwelt bei der Unmoglichkeit 
 aller Wechselwirkung nur die praestabilierte Harmonic aller 
 Monaden erkliiren kann. Leibniz tritt /war der norainalistischen 
 Tenden/ Lockes entgegen mit dem Satze: Nous pouvons done 
 dire que tout ce que nous distinguons on comparaisons avec 
 verite, la nature le distingue ou le fait convenir aussi (cf. Opp. 
 p. 313 b), aber diese Aussenwelt kann ja nach Leibniz das 
 Denken nicbt hervorbringen, sondern Gott hat diesen Paralle- 
 lismus von Denken und Sein bergestellt (cf. Opp ed. G. YII, 
 p. 203 sqq). Locke hat erkannt, dass die Erkenntnisaxiome 
 nur die logische Formel einer psycliischen Tliiitigkeit, zu der 
 die Wahrnehmungen auffordern, darstellen, wenn er sagt, dass 
 das Kind viel eher erkennt, dass die Ruthe nicht der Zucker 
 sei, als das zugehorige logische Axiom. Der Associations- 
 mechanismus sorgt zur Geniige clafur, dass beim Zeigen der 
 Ruthe nicht die Vorstellung des Zuckers mit dem entsprechenden 
 Gefiihlston auftritt. Tritt dann spiiter zu der, wenn man so 
 sagen darf, associativen Yergleichung die active vergleichende 
 Thatigkeit hinzu, so ist auch der Sat/ der Identitat und des 
 Widerspruchs da, den die Logik nur zu formulieren braucht. 
 Die Yerhiiltnisse sind aber, wie oben ausgefiihrt, bereits in den 
 Associationen und der AVelt der Objecte gegeben. Leibniz 
 verwandelt diese ,,histoire de nos docouvertes, qui est differente 
 en difforens homines" in seine Fiction der Jiaison et 1'ordre 
 naturel des verites, qui est toujours le mcme'' (cf. Opp. p. 3(52 b). 
 In einer AYelt, in der die Leibnizsche .,metaphysisclie Erdichtung" 
 moglich wiire, dass sich namlich der Zucker auf nnmerkliche 
 Weise in cine Kuthe verwandle, wie Wasser in Wein, wiire 
 wo hi schuerlich das Denken iiberliaupt entstanden. und ange- 
 borene Denkgesetze wa'ren dann auch nur eine Illusion, aber 
 die schlimmste von alien Illusionen; denn wenn die logischen 
 Normen nicht aus der Erfahrung stammen, so wiire sell)st ihre 
 durch gottliche Praestabilierung vermittelte Congruenz mit der- 
 selben ftir uns wertlos. Leibniz hat mit seiner Basierung der 
 Philosophie auf den Gottesbegriff der orsteren nicht die Dienste 
 geleistet, die er ohnehin hiitte leisten konnen. Durch diese 
 seine schwache Seite wurde er Yater der Philosophie ad maiorem 
 dei gloriam, der speculativen Theologio, durch seine tieferen 
 Gedanken der Yater der deutschen Aufklarung und Vorlaufer 
 der Kantischen Philosophie, die Leibnizens dogmatische Ge- 
 bundenheit abstreifte. Sofern bei Kant das apriori noch den 
 Charakter einer angeborenen Geistesbeschaffenheit triigt, nithert
 
 54 
 
 er sicli Leibniz. Aber Kant lehnte es ausdriicklich ab, 1 ) zu 
 erforschen, ,,\vio Erf ah rung entsteht; u die Psychologie leistete 
 spiiter diese Aufgahe, sie kniipfte das Denken an seine Natur- 
 grundlage, die Associationen, an, und die entwicklungsgeschicht- 
 liche Psychologie machte jene Lockesche histoire de nos 
 decouvertes vollends xur Thatsache. Leibniz inusste trotz aller 
 Analogien infolge seiner metaphysischen Grundanschauungen 
 dieser Tendenz feme stehen. Einzelne Analogien, mogen die- 
 selben noch so zahlreich sein. geniigen keineswegs, Leibniz 
 zuin vollstiindigen Einpiriker zu stempeln; die innere Grund- 
 tendenz seiner Philosophic ist nocli durchaus rationalistisch 
 und ontologisch und daher ist aucli sein Gegensatz zu Locke, 
 mag er auch niclit so schroff zu Tage treten, tief in den Grund- 
 anschauungen beider Denker begrundet. Um nur eine jener 
 empirischen Analogien herauszugreifen, so hat bei Leibniz das 
 Stetigkeiteprincip keineswegs die Venvertung gef unden, welche 
 es in der modernen entwicklungsgeschichtlichen Psychologie 
 gefunden hat. Obwohl er bestiindig die Aehnlichkeit des mensch- 
 lichen und tierischen Seelenlebens eifrig gegen cartesianisclie 
 Ansichten verteidigt, hat er doch nie den Gedanken Darwins, 
 dessen Principien die Psychologie aus ihrer Beschranktheit auf 
 das Individuum heraussetzten und ihr eine viel weitere Perspective 
 eroffneten,-) gehabt. das erstere aus deni letzteren hervorgehen 
 zu lassen, obwohl dieser Gedanke seinen Anscliauungen, in 
 gewissem Sinne, relativ nahe lag und thatsachlich auch in ge- 
 wissen Widerspriichen seiner biologischen Ansichten und Specu- 
 lati'>nen iil)er Cnsterblichkeit 8 ) zu Tage tritt. Indes sind seine 
 Anschauungen iiber diesen Punkt wesentlich durch seine reli- 
 giosen Ansichten bedingt, indem er sich den Uebergang voni 
 psychisehfii Lel>en des Tiers zu dem des Menschen im Wider- 
 sjtrui-h mit seiner hochstens den Deismus 4 ) zulassenden Meta- 
 physik nui- durch einen nachtraglichen Eingriff Gottes, eine 
 Art umleiu-nder Schtipfung.-" 1 ) vnrstellen kanu. ganz analog der 
 aristotelischen Auffassungsweise, die dem rofv cine iihnliche 
 scjKU'iirc Stollung anweisst, welche Harms. 1 '') der den bei Aristoteles 
 nun eimnal nicht wegzuleugnenden "\Viderspruch zwischen Inima- 
 nenz und Transcendeuz. der iibrigens auch bei Leibniz vorhanden 
 ist. 7 ) unberiicksichtigt liisst, wohl kaum in iiberzeugender Weise 
 
 ! ) Cf. I'rnl, S i-1 ;i. 
 
 .-f. Wuii.lt, I'hy-.. I'syrh I |>. VII. M. ii. Ts. )>. tin. Mit Uerlit crkcnncn 
 Mi'ifM'mt (:i .1. O. |>. HI.'I) iiini I-'crri (p. 2'J4 u. i'i.) lic /wcifdlne ycniale, wenn 
 :ni< h vji-lli-ir-lit in ilcr An>fiiliriin^ r :infi-clitl);irc Cuiiocjitinn Sjicnoers an, die 
 |)>yc!ii-<'iif Kviilutjiin :ui <lio jihy-ix-ln- /u kcttcii. 
 
 ) .-f. (],,,. ,,. 5'JTn. 
 
 'I cf. K. ri-.-licr, (Jc-di. .1. n. I'liilos. II, \>. :<!:,. Zdlor. (Icsrliiclitc der 
 
 (i-iiir.i-)i-n rhii<,-..|.iii.- p. r.<or. 
 ) cf. (pp. p. :,-2i i.. 
 
 ) Harinri a. a. O. p. 171. 
 ") ff. K. Fischf-r II, p. C0iff.
 
 beseitigt hat. Leibniz aussert allerdings den Gedanken, dass 
 moglicherweise doch ein Naturprocess diesen Uebergang bewerk- 
 stelligen konnte, was er sich aber -- so konnte ein Philosoph 
 damals sagen - - schwer denken konne. Allenlings hat sein 
 Princip der Stetigkeit der Entwicklungsstufen dor Monaden. 
 seine Parallelisierung der Stut'en des Yorstellens niit den Stufen 
 des Willens, seine Auffassungsweise von Sinnliclikcit und Yerstand 
 als Klarheitstufen eines und desselben A T orstcliens u. s. w. eine 
 gewisse Aelmlichkeit niit Ansichten der neueren Psycliologie 
 betreffs Entwicklung der hoheren psycliiscli(>n Funetionen aus 
 den niederen und wir haben oben zur (.j entire auf derartige 
 Beziehungen hingewiesen -- aber wenn Kirchner, 1 ) der iibrigens 
 das Verhaltnis von Association und Denken bei Leibniz gar 
 nicht beriihrt, derartige Analogien in Leibniz auf psychologischen 
 Gebiet geradezn einen Vorganger Dai'wins erblioken lassen, 
 und wenn Volkraann 2 ) in der GegQnubersteilung des klaren 
 und dunkeln ,,Erkennens u die Wahrung des rein psychologischeii 
 Standpunkts riihmt, so iniissen wir, grade was das Verhiiitnis 
 der Association zu den intellectuelJen Processen betriffr. diese 
 Behauptungen doch wohl als wenig aufkliirend abldinen. 
 Strumpell giebt a. a. 0. eine sehr klare Darstellung des Sach- 
 verhalts in Bezug auf das Yerhaltnis von Association und 
 Denken bei Leibniz, ohne auf eine Kritik dessellten, die er. 
 da er nur eine Darstellung der ,,Grundgedanken u der Leibnizschen 
 Philosophie geben will, auch nicht beabsichtigt, na'her eiuzu- 
 gehen. Bei Ferri finden wir eine solclie Kritik, aber er so- 
 wohl, wie Liebmann,-"') der gieichfalls zu diesem Punkt bei 
 Leibniz eine bestimmte Stellung einninimt. beriicksichtigen viel 
 zn wenig die erkenntnistheoretischen Motive, die in Leibuizens 
 Gegeniiberstellung von Association und Denken obwalten und 
 welche es zu einer einwandfreien ps} r chologischen Fixierung 
 jenes Yerhaltnisses nicht konmien liessen. Leibniz \vollte durc-li- 
 aus, trotz seines Stetigkeitsprincips, deni M(Mischen ein ganz 
 specifisches Vermogen, die sogenannte Vernunft, \indicieren, 
 welche bei ihm aber jiicht eine lebendige psychische Function 
 formaler Xatur, sondern eine Sunime fei'tiger Inhalte, d(M - an- 
 geborenen Wahrheiten, repriisentiert. Beide heben aber niit 
 Recht liervor, dass Leibniz es war, der auf diese Weise einen 
 der vielen wertvollen (iedanken des Aristoteles erneuei'te. in- 
 dem er die Association zuni Characteristicuni der tierisclien 
 Bewusstseinsthatigkeit erhob. Abei 1 wenugleich wir aiKM'kenuen 
 mussten, dass die (irundziige moderner genetisi-.lier I'syoholugie 
 bei Leibniz angedeutet sind, so ist er docb audrei'seits noch 
 sehr im logischen Intellectualismus befaugeii und der Srhritt 
 
 ') a. a. O. p. VII u. o. 
 
 -) Volkmann a. a. O. II p. 225 i'f. Ainu. 
 
 3 ) cf. Liebmann a. a. O. p. 504.
 
 56 
 
 xu oilier \\irklieh empirischen. entwicklungsgeschichtlichen Be- 
 trachtimesweise ininior noeh ein x.ieinlich weiter. - 
 
 Soweit dor (iegeiisatx von Association und Denken inner- 
 halh der von Loihnix aiiirenomnionen psychisclien Entwicklungs- 
 stuten xnin Ausdruck kommt. konnon wir unsoro Betrachtungen 
 in aller Kiirx.e dahin ziisanimcnfassen, dass Leibniz 
 
 li die associati\e Yorstelhmgsvorbindung als das Wesen 
 des tierischen Seolonlohons ausmachond richtig orkannt liat, 
 da-- or alter 
 
 L'l -oliald or aut die Hollo xu sprechon kommt. die diese 
 Kr.-ehoinung im monschliehon Seolenlohen spielt, unter dem 
 Kintluss erkenntnistheoretischer Motive die hisher richtig 
 charakterisiorto Association niclit von dem aus Induction ge- 
 wonnenen 1'ifeile trennt. in iihnlichor Woise wie Hume, wie 
 donn iiherhaupt diese Vorwecb<lung J M ,|,. r (Jeschichte der 
 Psychologic cine Itodeiitonde K'olle gespielt hat und \vohl teil- 
 
 wei.-c noeh ,-pielt. 
 
 Ms tritt nun alter jenor 'iegensatx hoi Loihnix aucli in 
 Hexuir auf den thatsachiiehon Vdrstollungsverlauf eines niensch- 
 lichen lndi\ iduiims aut. froilich in oiner von der vorigen 
 xiemlich abweii-henden (iestalt. da Loilmix, urn die Einwiirfe 
 -finer <M-gnor ge^on seine I'sychologjo ahxuwehren. sich mog- 
 lich-t den ompirischen That-achen anscliloss. olme besonderes 
 (iewicht daraut xu legen, oh die vorgotragenon Verteidigungs- 
 griinde mit andorn hoi andorer (Jolegenheit vorgotragenen. oder 
 auch mit seincm System, x. l>. der Stutent'olge der Monaden, 
 g'-naii iihoroinstinimten. Loihnix hoabsichtigte ja nicht im ent- 
 t'f rntf-ten ein gf-chlo--enc- System der P-vchologie aufxustellen, 
 \ifhnohr fielcn -cine psychologisclien Anschauungen in Vor- 
 t.-l-inii; -eiiji-r motapliysischon Speculation geuissermasson a!s 
 < if dankf !!-|i. : ine ah. Diose /usammenliaiiglosigkeit seiner psycho- 
 n An-cliaiiungon ltedini:t os, dass die Leihnixschen 
 henerkianingon, dii- wir hfiite unter den Associations- 
 snhsiuiiieren wiinlfii. xiemlich isoliert nobon oinander 
 o er-cheinl dor (iegtMisatx \on Association und Denken 
 enntnistlieorotischen (iostalt, die 
 abi r auch in einer vorzugsweise 
 da-.- Leihnix hierboi einen 
 Anwondung gehraclit hatto. 
 - di" associative N'orstol I ungs- 
 ni keinem Selbstthiitigkeits- 
 iihei Leihnix dieses Merkmal der 
 rehalten hat. Trotxdem wai liir Leihnix 
 'a--i\ital fin llaiiptchai'akteristicum der Association, ob- 
 i ilas-e|he in -finon Kri'irterungen iiher die consecutions 
 |c- peiveptioi--. .jnj inuteni |e rai-on lie inent. ni rgends horvorheht.
 
 57 
 
 eben weil er hier mehr Erkenntnistheoretiker ist als Psycholog. 
 Aber an anderer Stelle, 1 ) wo vom Verhiiltnis des tierischen 
 zum menschlichen Seelenleben die Rede ist, ist Leibniz mit 
 Locke darin einverstanden, dass die Passivitiit oder fehlende 
 Spontaneitiit der ..action", welche das AA r esen des Denkens aus- 
 macht. den Tieren wesentlich ist. Darum werden wir nicht 
 ohne Berechtigung annehmen konnen, dass die Identificierung 
 des Gegensatzes von Association und Denken mit dem der 
 unwillkiirlichen passiven und willkiirlichen oder spontanen Vor- 
 stellungsverbindung bereits im Leibnizschen Sinne ist, obwohl 
 dieses psychologisch einzig und allein richtige Verhiiltnis von 
 ilim wenig betont wurde und mit dem oben besprochenen er- 
 kenntnistheoretischen Gegensatz nicht in directer Verbindung 
 steht. Dazu kommt noch, dass Leibniz in lieschreibung der 
 passiven Seite des menschlichen Seelenlebens sich Erklarungen 
 bedient, welche den empirischen Associationsphanomen ent- 
 uommen zu sein scheinen. obwohl er sich hierbei nicht des 
 Ausdrucks ..association", den er iiberhaupt nur im engsten An- 
 schluss an Locke gebraucht und der iiberhaupt erst nach Hume 
 mehr in Aufnahme kam, bedient. Leibniz unterscheidet be- 
 kanntlich die passive und active Seite des menschlichen Seelen- 
 lebens als ,,pensoes involontaires" und ,,pensees volontaires,"-) 
 und er wurde namentlich (lurch die Einwiirfe des Paters Lami 
 veranlasst, sich iiber diesen Gegensatz naher auszusprechen, 
 doch spielt er auch in anderen Schriften Leibnizens eine Rolle, 
 welche dessen ongen Anschluss an die Empirie beweisst. Die 
 pensees involontaires. fiir die Leibniz zwei Entstehungs- 
 griinde :! ) annimmt, niimlich erstens die Einwirkung der ausseren 
 Objecte auf die Sinnesorgane, also die sinnlichen Wahrnehmungen, 
 zweitens die Associationen, die (lurch einen Sinneseindruck 
 veranlasst werden, indem die von friiheren Perceptionen zuriick- 
 gebliebenen Dispositionen unter dem Einfluss neuer Eindriicke 
 wieder actuell werden (cf. ('pp. p. 'Jo;') a), gehen nach wirkenden 
 Ursachen vor sich. 1 ) wiihrend dieOrdnung der pensees volontaires 
 nach Zweckursachen :> ) vor sich geht. Sehen wir davun ah, dass 
 die Gegenuberstellung von Zweckursachen und wirkendon Ur- 
 sachen, sofern damit ein realer ITnterschied bezeichnet werden 
 soil, keine wissenscliat'tliche Existenzberechtigung hat, so ist 
 klar, dass Leibniz unter den pensees involontaires alle die 
 psychischen Processe verstandon hat, die ohne Mitwirkung des 
 
 ') cf. Opp. p. 2Mu, ii511>; Staude a. a. o. p. It!). 
 
 -) cf. Opp. p. 4:>,S1>. Op]), cd. G. IV [). r.7!UT. I)ics<-r n 
 Gegensatz entspricht yanz der Zwoitoilunt; der disoiii'sns uientalis 
 cogitationuin irreyularis" und ,,re^nlata" l>ci Ilolibes (cf. l-'crri 
 
 ') cf. Opp. p. 2")P, a. 
 
 4 ) cf. Opp. i>. 4.VJa. Opp. <:d. G. IV p. .58:;. 
 
 ') ,,1,'ordre dcs percej)tioiis volontaires, (|iii cst cclni dcs cause: 
 est conforme a la nature de la volontu". Opp, ed. G. IV p. jfSO.
 
 58 
 
 wollenden Subjects zustandekommen, also die Wahrnehmungen 
 
 and Associationen, oder wie Jodl sich ausdruckt, alle primiiren 
 and secundaren Bewusstseinsphanomene. Zu den pensees 
 involontaires gehoren z. B. eino Schmerzempfindung, ferner 
 die in hohem Masse von der blossen Association belierrschten 
 Vorstellungsverbindungen eines Betrunkenen oder Wahnsinnigen, 
 dieTraumassociationen, die Associationen, die sich auch ttnWachen 
 geltend inachen bei mogliehst passiver Aufmerksarakeit (cf. St. 
 Anni.2 S. 57 ). Ueber das Vorhaltnis der pensees involontaires zu den 
 volontaires spricht sich Leibniz besonders klar an der oben 
 citierten Stelle in den N. E. aus. Ks heisst dort: ,,11 nous 
 vient des pensees involontaires en partie de deliors par les 
 objets <|iii frappent nos sens et en partie an dedans a cause 
 des impressions (souvent insensibles), (|iii restent des perceptions 
 pree6dentes, qui continuent leur action et qui se melent avec 
 ce qui vient de nouveau. Nous sommes passifs a cet egard, 
 et memo quand on veille, des images (sous lesquelles je com- 
 prens non seulement les representations des figures, mais encore 
 celles des sons et d'autres qualites sensibles) nos viennent 
 comme dans les songes. sans etre appelees. La langue Allemande 
 les nomine fliegende Gedanken, comme qui diroit des pensees 
 volantes, qui ne sont pas en notre pouvoir, et ou il y a quelquo 
 
 fois bien des absurditos 1 ) C'est comme dans une laterne 
 
 magique Mais notre esprit, s'appercevant de quelqu' 
 
 image, qui lui revient, pent dire: halte-la, et 1'arreter pour 
 ainsi dire. De plus 1'esprit enti'e, comme bon lui semble, dans 
 certaines progressions des pensees, qui le menent a d'autres. 
 Mais cela s'entend, (jiiand les impressions internes ou externes 
 ne prevalent point. II est vrai, qu'en cela les homines different 
 fort, taut suivant leur temperament, ijiii suivant 1'exercice, qu'ils 
 out fait do leur empire, de sorte (jue Tun pent surmonter des 
 impressions, oil 1'autre se laisse alleiv 1 
 
 Leilniix hat liier die thatsachlichen Vorgange in unserem 
 Bewusstseinsleben bereits richtig erkannt. Es ist niclit unser 
 Willf. der ini eigentlichen Sinne Vorstellungen erxeugt und 
 hervorruft so betont Leibniz auch an anderer Stelle 2 ) 
 
 soiidern die Vorstellungen bilden und reproducieren sich nach 
 den ihnen selbst innewohnenden Eigenschaften und (Jesetzen, 
 und die Seele ist jedesmal dann thiitig. \venn sie von der Ge- 
 samtheit ihrer inneren und ausseren Ursachen determiniert 
 winlM Leibniz vergleidu die Seele auch mit einem geistigen 
 
 : ) I.i'ilini/ vcrwt-iiijot dicsc F.rscheinun^en sinyuliirer Art nntiirlicli nur 
 zur Hxi/m|ilifir:iti<in. l)as~ !-. sich urn ull^cniciii^iiltig-o Erschfinuiiffcn liandelt, hi-- 
 wi-ist <l-r f'il.,',-11.1.- \V..rtl:uit. 
 
 ') (f ( 'l'l' I 1 - 'illli; ,,n'us n<' fonnnns pas nns iili'os i>aree'jiie nous le 
 voiiluns, cllc^ -. f'irin'iit . nous, imn pas en cnnsei|Uunco de notre volonte, inais 
 suivant notn- natun.- i't cclk- des uljoscs". O[>p. p. G19bC20a). 
 
 s ) cf. Ojip. p. Gil u.
 
 59 
 
 Automaton, und obwohl er diesen Vergleich gebraucht urn die 
 Gesetzmassigkeit des Seelenlebens durch eine gottliche Vorher- 
 bildung zu illustrieren 1 ) und obwohl er die Begriffe impression, 
 petite perception, trace nicht nur in dem empirisch allein ver- 
 wertbaren Sinne von ehemals bewussten Wahrnehmnngen und 
 davon herrtihrenden Dispositionen, sondern auch im Sinne eines 
 nie bewusst gewordenen und vielleicht niemals bewusst werdenden 
 angeborenen Inhalts, 2 ) womit er die Grenzen dor Empirie iiber- 
 schreitet, gebraucht, so konnen wir hier umso mehr den engen 
 Anschluss Leibnizens an die Empirie betonen, als es dieser ja 
 allein war, der Leibnizens psychologischen Anschauungen einen 
 ehrenvollen Platz in der Geschichte der empirischen Psychologie 
 erwarb. Der unwillkiirliche Vorstellungsverlauf wird also nach 
 Leibniz bestimmt einmal durch die sinnlichen Wahrnehmungen 
 und die von friiheren Wahrnehmungen zuriickgebliebenen 
 Spuren oder Erinnerungsbilder, welche, wie er sich ausdriickt, 
 mit den gegebenen sinnlichen Wahrnehmungen sich vermischen. 
 Was wird hier anders beschrieben als die durch Association 
 bestimmte Wechselwirkung der primiiren und secundiiren Be- 
 wusstseinsphanomene und dieser wieder untereinander? Leibniz 
 stellte sich, ganz analog unserer heutigen Anschauungsweise, 
 alle Reproductionsthatigkeit, ja wir konnen in gewissem Sinne 
 sagen, alle seelische Thatigkeit iiberhaupt, als abhangig von 
 zwei Factoren vor, erstens dem sinnlichen Bind ruck, welcher 
 richtunggebend wirkt, wobei, wie wir oben sahen, die Stiirke 
 desselben und die ehemalige Hiiufigkeit des Auftretens in Be- 
 tracht kommt, zweitens von der Beschaffenheit des aufnehmenden 
 Bewusstseins, d. h. fiir die Reproduction die bereitliegenden 
 Dispositionen. Der Leibnizsche Begriff der petites perceptions 
 entspricht in diesem Zusammenhange, wie bereits bemerkt, 
 unserem Begriff der psychophysischen Disposition oder des 
 Erinnerungsbildes. 3 ) Er paraphrasiert diesen Begriff auch (lurch 
 andere Ausdriicke wie impression, image, idees bz. perceptions 
 confuses, 4 ) pensees en genera I e entgegen den pensees notables 5 ), 
 phantomes, 5 ) alles Ausdriicke, um (lie Nachdauer actueller sinn- 
 licher Eindriicke zu bezeichnen. Fiir Leibniz musste aber das 
 latente und actuelle Psychische zusammenfliessen, weil er ja 
 jenes nicht eigentlioh als un bewusst, sondern als ein verringertes 
 Bewusstsein ansali, daher dann auch ein zwar actuelles, aber 
 
 ') Opp. i>. 620 a. 
 
 '') cf. Opp. p. 209 a; l">2b, wo nicht nur von traces de tout cequilui (der Substanz) 
 cst arrivC-, sondern auch de tout co nui lui arrivera die Rede ist, dalier Leibniz 
 auch ganz wortlich von eineni pressentiinent de nos pensees (p. liitih) redet. 
 
 :: ) Leibniz hat demnach durchausden Begriff der Association mid Reproduction 
 an seine petites perceptions angekniipft. 
 
 4 ) cf. Opp. p. 399 a sub fine. 
 
 >) cf. Opp. p. 226 b. 
 
 G ) cf. Opp. p. 208 a.
 
 60 
 
 im Yergleicb xum boebsten Bewusstseinsleben, dem reflectierenden 
 Denken. wenigcr klaros. wenigor tbatiges Bewusstsein aiu'b 
 ..verringortes Hew nsstsein" oiler petite perception beissen kann. 
 \Vie uben bomerkt. betraebtot Leibnix die dnrcb Association 
 verbtmdenen actnellen Vorstoll un^en als beroits vorbor in der 
 Seele verbnnden. \veil ja diosor ibre K\ olntion von Anfang an 
 vorgescbrieben ist. Die potitos perceptions, die xn ong mit- 
 einander verbimden sind. als dass sie von uns walirgenonimen 
 \verden konnton, stellen empiriscb ge\\ issermasson das eompli- 
 cierte Mascbennet/. aller nioglicbon Assoe.iationen dar, das bei 
 Leibnix der Seele von An fang an mitgogoben ist. Dnrcb einen 
 anssoren Kindruck wird nun oine dorartigo latente angeboreno 
 Yorstellnngsverbindnng xu einer actncllen Association, um sodann 
 wieder in das Stadium der Latonx /.nriickxukoliren. d. b. sie 
 l>e-tand erst als Verbindung von petites perceptions, dann als 
 actuelle Vorstellungsverbindung, dann wioderinn als Vorbindnng 
 von petites perceptions odor als psyebopb vise.be Disposition, welcbe 
 nun 'oei gooignetom associative)! Impnls odor ..occasion" wie es 
 Leibnix nennt \viedei' actuoll worden kann. Jones xweite 
 Stadium box.eiclihot sonacb (-in dnrcb den iinssorn Eindruck 
 bewirktes Auf'tandien einer bestimmten oinxolnen Verbindung 
 aus jenem angeborenon Associationssystem dor potitos perceptions, 
 wolelic ja die < iesamtboit allor spiiter actuell \\erdendenVor- 
 stolhmgon repriisentieren. Jenes or-te Stadium konnen wir fiir 
 die empiriscbe Krkliirnng unboriioksicbtigt lassen. sagt ja Loit)nix 
 solbst do< lUteren, dass wir trotx dos Angeborenseins aller 
 Inbalte die einmal angtMiommene Ansdrucksu oiso. vorm")ge 
 deren die Seele die Wabrnelimnngen von anssen omptangt, nicbt 
 /.n iindei'ii braucbton 1 ) nnd bodient or sicb docb selbst fort- 
 \\iihrend dieserAiisdrncksweise in seinen empiriscben Krklarungen 
 unter Hi'iseiteset/.ung de> Wnnders der Praestabilierung. i'nter 
 die-em < iosicbtspnnkt der Hetraolitnng -cbeint es nnxwoitol- 
 batt. da-- Leibnix iilierall. \vo er den conconi's de petites por- 
 c('pt!"ii- nnd os goseliicbt dies in sobr roicbom Masse - 
 
 al- Lrkliirnngsbogrifl vei-weitet, an die einpiri>dien Associations- 
 orscbeinnngen ^edacbt bat. \\enn aiicb der Hegritt' dor petitos 
 pr-i'ceptions wedej- ein rein ompirisobor i-t. nocb aiicb, wo or 
 empiii-cii ^ebraticbl \\ird. dies in empiri-eb oindentigom Sinno 
 ire-cliidir. Die As-ociation be^innt eben. sobald von einer 
 l'''rce[itin em Nacbliall. mi cert.-iin ecbo. xuriiokhleibt, d. b. 
 snbidd die I 'erceptioii. -ei es ancii in nocb so verriiiffortGni 
 Hewn-stsein-^rade. al-o al- petite peiception oder Disposition 
 
 wie cs bei den Tiel'i'll del' F;dl l.-t. Ill del' 
 
 Tnat I'l-diieii-rt Lejbnix die ( ie\v.,lndii'iteii. Aft'ecte nnd Trielie, 
 di" er im An-cbln-- an Lm-ke aiif die association d'ideos xnriiok- 
 flibrte. aii'ler\v;i|-t- an! seine petite- perception.-, die er als
 
 61 
 
 Ursache aller actions indeliberees 1 ) ansieht. Allos was nicht dem 
 Denken angehort 2 ) betrachtet er auf dieso Weise als Wechsel- 
 wirkung der Eindrucke mit von friiberen Emdriicken berriibr- 
 onden Dispositionen. Naraentlich die Gofiiblo und Stimmungen, 
 
 die mit der Association in selir engen Zusammenhang stoben, 
 sind es, die Leibniz aus jenem concours de petites perceptions, 
 deren jedo nacli Leibnix lust- oder imltistbetont ist M ), ableitet, 
 ferner mancbe triebartige Handlungen, wie wenn man sicb 
 x. B. am Ende einer Allee vorzugsweise auf die recbto Soite an- 
 statt auf die linke Seite wende. Leibnix fiibrt dies darauf xu- 
 riick, dass mit der durcb den sinnlicben Eindruck gegebenen 
 Situation gewisse organische Empfmdungen odor Bewegungs- 
 vorstellungen associiert sind, welcbe es bequemor erscheinen 
 lassen, grade diese Wen dung xu ergreifen. Car le parti, quo 
 nous prenons, vient de ces determinations insensibles, melees 
 des actions des objets et de 1'intorienr du corps, qui nous fait 
 trouver plus a notre aise dans Tune quo dans 1'autre maniere 
 de nous remuer -- Opp. p. 248b.) Die an diese Empfindungen 
 gebundenen Gefiible. die inclinations oder kleinen Strebungen, 
 sind es eigentlicb, die dabei ausscblaggebend wirken. Leibnix 
 sagt sebr ricbtig, dass jene Reactionen anfangs vielfach nur 
 unvollkommen xweckmassig erfolgen, indem er sie mit dem 
 gradlinigen Fall eines Steins vergleicht. ') Erst die Erfahrung 
 stiftet eine i'este Association xwiscben den einxeinen Elementen 
 der Willensbandlung. ,,I3ie Association von Gefiiblen und 
 Wollungen mit Vorstellungen \vird eins der \viclitigsten Hiilfs- 
 mittel der Bewiisstseinsentvvicklung. Darauf berubt die Moglich- 
 keit, durcb mannigfacb abgestufto und abgewogene Erinner- 
 ungen oder durcb Gedanken in seinem Handeln bestimmt xu 
 werden. >>:> ) Leibnix hebt diese Bedeutung der (iewobnbeit allent- 
 balben bervor. Wie er bemerkt batte, dass die Associationen 
 bei den Tieren eine iibnlicbe Wii'kung baben wie die V'eriuinft, 
 so bebt er aucb bervor. dass die Vernunft umgekebrt wieder 
 associationsartig \verden ki'mne, ja dass scbliesslicb das ver- 
 niinftige und moraliscbe Ifandeln ebenso leicbt und mecbaniscb 
 voi 1 sicb geben konno. als der (Jang des Trunkenbolds ins 
 
 or- 
 
 Wirtsbaus. (cf. Opp. p. 260a). Sind so die willkiii'licben \ 
 stellungsverbindungen und Willensbandlungen niei'baniscb 
 geworden, so tritt an ilire Stelle die Associiuion von ..images 
 faibles" oder selbst ,,pensees soui'des". d. b. Worten oder anderen 
 Yorstellungsxeicben. (i ) 
 
 ] ) cf. Opp. p. 225 a, 251 a. Striimpell a. a. O. 
 
 -') cf. Opp. p. :)!)!) 1). 
 
 ") of. Opp. p. 24(ib. 
 
 4 ) of. Opp. p. 25!ta. 
 
 ") of. Jodl a. a. O. VIII, S'J. 
 
 ' ; > cf. Opp. p. 25!) a.
 
 Insofern nun die Tbiitigkeit der Seele durch jene Factoren 
 dor impressions internes, wclche sich mit don impressions ex- 
 tornes vermisohen. bestimmt ist. sagt Leibnix, ist sie rein passiv. 
 (I. h. positiv ausgedriickt, nur die Association lierrscht. Leibnix 
 hatte aher auch, wio aus dem Vorstehenden ersichtlich geworden 
 sein \vird, den Factor boriicksichtigt, welchen \vir als die eigent- 
 licbe Ursacbe 1 ) dieser odor jener concreten Association anseben 
 und vermittels dessen dieselhe nicbt bloss als eine ausserliche 
 Reproduction disparater Vorstellungen. sondorn als eino Aeusser- 
 ungsweiso der Soele soll)st als einbeitlicber Totalitat erscbeint, 
 ebon die (Jet'iihlo. die ..inclinations" die Leibnix allerdings in 
 intellectualistiscber Weise nicbt scbart' von den Vorstellungen 
 trennt.-i Abor mit Kecbt bexeichnet or dieselben als die eigent- 
 licben ..causes internes" 15 ) des Vorstcllungsverlaufs. 
 
 Hatte sicb bereits liierin die Beteiligung des (ianxen an 
 jedem einxelnen \'erlauf psyohischer Erscheinungen kund- 
 gegehen. so tritt nun der \\iihlendo Wille auf der bochsten 
 Stufe der psycbiseben Entwicklung als Ursacbe des Vorstellungs- 
 verlaufs binxu. I'liser (Joist kann, so sagt Leibnix, 1 ) eins von 
 den durch Association dargebotenen Bildern festbalten und 
 naeh bostimmten Zwockmotiven neue damit verkniipfen, or ist 
 also der \\illkiirlicben Aufmerksamkeit fa' big, wUhrend die Auf- 
 merksamkeit des Tiers, (lessen perceptio ja aucb cum attentions 
 et memoria verl>unden ist. nur passiv (lurch einen hervor- 
 stechenden Kindruck eri'egt \vird. :> ) Tnd je intensive!' der 
 Wille sich i;cltend mac.ht. umso mehr \\ird der Vorstellungs- 
 verlaut dT 1'assivitat und dem mechaniscben Wirken der 
 Association (causes efficientes) entxogen und gescbiebt nacb 
 klaren /weckmotivcn (causes finales).' 1 ) Hier ist das eigentliche 
 
 ') rf. Staudc !. a. ( ). p. 'J01. 
 
 - So weiin I.eibni/ /. I!, die I. ust als Vorstelliinjz von Vollkoinmenheit bc- 
 iriichtet. I)ie>e hoheren Forinen der Cefiilile, \vie die io^'isehen, iisthetischen, 
 etliischen als die hoi listen Formen <ler Intellectuaigefithle, an die I.eibni/ liier 
 wolil vorm-hnibcli daehte, konnen nattirlieh nii'ht in ihrein \Ves-en auf eine rein 
 associative Yoi M'-ilun^s^nindla^c xuriick^efiihrt werden, wic Kircliner thiit, ob 
 ini Sinni- I,i'it,iii/i'n-. <\<'r seinein ei^nen, wind ni''lit ersichtlich. Leibnix hat in 
 die- em Xusannnenhriiif; die Associatinnsjresetzc der Coexisten/, Succession und 
 Aehnli'-likflt niiv'iid- eruiihnt, vielmehr handelt cs sich elien nicht inn (Jcfiilile 
 :iuf rein a-~o. iat iver < irmidlayc-, \\-\v der ,,Stinnnuny ", so\vie den sinniichen (lc- 
 fiildi-n, ue|.||e I.eilmi/ anch den 'I'ieren niclit absprach, sondern uin jene holieron 
 Ini'-llei-; naleefiilile, welche er niir dem Mensehen /nspricht. Kircliner sagt: 
 ,,A' luui'-li" Vor-ielhm^eii \ver>len leichter assimiliert als unalinliclie. Xur Auf- 
 findiin/ die.er Aehnlirlikeit at. IT eeb<">rt Trteil". I.(-t/terer Sat/ ist imridititf, 
 !'nii ,||.- A i-i.iiioii set/t ja ^ar kein I'rteil voraus. Kirchner hat liier I.eibni/ 
 nur i;. iniu'l;ickli<'lier \V. i~.. .lurcli moderiie jis.vcholo^ische. Hf-^riffc paraphrasiert 
 (rf. n. :.. (.. p. hi). 
 
 I rf Mpp. ,, ,;ii b. 
 
 M ef. ,,i,,.n s. :.s.
 
 63 
 
 Reich der Freiheit 1 ) (cf. Briefwechsel mit Pater Lami), die aber 
 auch bei Leibniz kein ursachloses Geschehen, sondern nur in 
 Freiheit vora Zwang eines triebartig wirkenden Motivs besteht. 2 ) 
 Er betont diese Bestimmtheit sowohl bei den ausseren, als bei 
 den inneren Willenshandlungen, dem Denken (cf. Opp. p. 253). 
 Wir finden auch hier, was das psychische Leben des Individu- 
 ums anlangt, den organischen Aufbau des Seelenlebens rait 
 sicherem Scharfblick in den Grundziigen angedeutet, den die 
 Einzelforschung der empirischen Psychologie auf eine sichere 
 Basis zu stellen bestrebt 1st, wahrend er bei Leibniz, dem die 
 empirische Methode in der Psychologie noch frerad war, getriibt 
 ist durch Inconsequenzen und Widerspruche, an denen meta- 
 physische und erkenntnistheoretische Speculation die Schuld 
 tragt. So erscheint der Gegensatz von pensces volontaires 
 und involontaires auch unter oinem Gesichspunkt, den man 
 einen religiosen nennen konnte, insofern die unverkennbare 
 Tendenz vorliegt, eine Art indeterministische Willensfreiheit 
 doch noch zuzulassen. Es soil namlich in Bezug auf die 
 pensees involontaires die Seele vom Korper, der sonach trotz 
 fehlender Wechselwirkung fiir alle unwillkiirlichen psychischen 
 Processe, die der Seele als solcher fast unwiirdig erscheinen, 
 verantwortlich gemacht wird, wahrend in Betreff der pensoes 
 volontaires es ,,Gott" beliebt habe, den Korper der Seele anzu- 
 passen. :! ) Beide Arten von Vorstelhmgsverbindungen sincl hier 
 also nicht in organischer Weise als notwendige Aeusserungen 
 eines einheitlichen psychischen Lebens verbunden, sondern sie 
 werden aus zwei verschiedenen Quellen abgeleitet, ganz in 
 cartesianischer Weise. Bei der praestabilierten Harmonie ist 
 es freilich uberhaupt vollig gleichgiiltig, ob man sagt, hier sei 
 die Seele dem Korper, dort der Korper der Seele angepasst. 
 Einen sachlichen Unterschied wiirde diese Ausdrucksweise 
 hochstens beim immerwahrenden Wunder des Occasionalismus 
 begriinden. Auch im Spinozismus 1 ) existiert eine ahnliche Kluft 
 zwischen den niederen Bewusstseinsphanomenen, die vom Korper 
 herriihren sollen und dem eigentlichen Denken oder den Ideen 
 ,,ex pura mente" Avie iiberhaupt in den rationalistischen Systemen. 
 im eigentlichen strengen Spinozismus wie im System der praesta- 
 bilierten Harmonie giebt es freilich weder willkiirlichen noch 
 unwillkiirliohen Vorstellungsverlauf. Nichtsdestoweniger sollto 
 man doch nicht, wie es z. B. von Harms, auch von v. Kirch- 
 mann geschieht, derartige Widerspruche bei jeder (Jelegenheit 
 dermassen urgieren, dass die wahre Bedeutung der Leibnizschen 
 Philosophic und Psychologie geradezu gleich Null erscheint. 
 
 1) cf. Qpp. cd G. IV p. 591f. 
 
 2 ) cf. Kirchner a. a. O. p. 82. 
 -) cf. Opp. p. 253 a. 
 
 *) cf. Harms p. 255 ff.
 
 AVer <li< i jrrosson philosophischen Systeme iiberhaupt nur nach 
 der inueron Consoquenx ihros Godankengangs misst, die ja 
 sehliesslidi doeh in koinem dersolbon vorhaiulen ist, dor be- 
 \veisst daniit nur. dass or sollst nodi iin Hanne oinor nieta- 
 physisehen Begriffsdichtung bofangen ist. denn sonst \vi\rdo or 
 das \YertvolIo allor joner Systonio oinxig uud alloin in den 
 Kleineuten orblicken. die dioso Uonkor dor donkondon Bo- 
 traehtuni: dor Thatsaohon vordankon un.l solbst aus don ima- 
 irinaron Speculatiouon dorselben wonigsten den Xutxon enipfangen, 
 /ii soheti. \velohe \Voiro oin sioh oinor Kraft allzubewusstes 
 Denkon in dor Behandhm^ dor I'l-nhleino, wolcho dio Thatsaclien 
 stdlon. ii'o^anircn i>t. Kuno Kiscihor 1 ) sa^t niit Hocht, dass 
 Loilmix allos aufkliiil. \vuvmi or iiberhaupt sprioht. nnd Morx 
 init iiN'ichoni Koohto: ..Ks jiioUr kaum irirond oin Problem 
 nouoron Donkons dcni Loilinix niolit nabo trat. und fiir dosson 
 Boliandlnii^' IT niolit bis /n oincMii irowisson (Jrado den Wop; 
 irouit'xMi hat" (a. a (). p. ls!>). 1'ntor dicsoin Gesiclitspunkt 
 dor Bctraohtun.u' ist Loibni/ons Psycholugie von dor fundamon- 
 talston liodciitunti'. Lcibnix hat bcroits alk- die Kaotoron ei'kannt, 
 die \\ir bi-i Krkliirunii' dor ps\ cliisi-lien Krscheinungen venverten. 
 Die causalo Dotorminierthoit allor jisychischon Pi'ocossc and 
 den gesetznuissigCMi Aufbau des Seolenlebens hat or niit der 
 Associationsj)syo.holt)gio jreniein. doron Vordionst darin bosteht, 
 dass sie diese Causalitiit ininiei- \\ieder nachdriicklicb betonto. 
 Dei 1 sohulastisehe Bei:ril[ ties \'ernir'i;-eiis \vurdo boroits von 
 ihm bekiiinpf't.-') /war ujtfi-iert aiich I.eihni/ noch niit all- 
 reinoinon Classen be^i'if fen, die ja niomals entbehrlich soin 
 \\ordon. \\-je (leda'clitnis, Aufmerksanikeit, Yernunft. innoror 
 Sinn und di:!.. aber Striimj)oll :1 ) be/eiohnot niit Kooht ..den 
 (iedankon del' inneren Kortbildung aus den dauorndon Keston 
 dos M.'h<>n Kntstandeneii" als eiiien niiiienten Kortschritt in 
 dei' psyohologisohon Aiift'assnn^suoise. Leibnj/ erkannto don 
 t'nrtwiihreniien \Vochsei der ps\ dii-elH'ii KrscliPinungen uud 
 suehte i-r riihnit sieli des niit vnllstem Bewusstsoin don 
 je\veili^ vorhandenon Bowusstsoinsinhalt als ein Produot dor 
 ;iiiss"i - en \Valirnebnnintr uud der vorhandenen Dispositionon 
 xu vi'i>tehon, ^anx iihnlieh UUX-ITT heutipMi Aiiffassiingsvveise, 
 \volehf in \\aliMielinimii: und Assooiation die (irundlago allor 
 Bewiisstsoinsthiiti^rkoii erblickt.M 
 
 Leihnix hatte ;ibei- aiioh jeiien cunstauten Kaot' >r :> ) oi'kannt. 
 
 ) cf. K. Kisclicr II, p. -J-Jff. 
 rf. Opp. p. W6n. 
 rf. Striimprll ;t. :i. < i. I, p ). 
 
 rf. WlHI'lt. rhilnr,. Stll.l. VII. p. ^'.1. 
 
 ) \'"ti \Vii liti<_'k-'it i-t hicr n:nncntlich :iurli ilic Li-ilmb^clii- I'nti'rsclKiidunfr 
 i.e.- ph y-i-cln-n <ii|cntit<'- pliy>i.|Uf, ri'cllc mh r rculfn Irlis von dcin \iLTSunlicln.'i] 
 (idi-ntitr- nioriil'-, p-r>onclli>. -(.niinnMit dii moi, conscioHiti'-). cf. Opp. p. 2'J4h, 280, 
 2hl. Nur '-f-i'Ti's uiinli- von ihni auf ilcii associativon Xusaiiimenhang flor Inhalte
 
 65 
 
 vermoge dessen alle psychischen'Erscheinungen Aeusserungen 
 oiner organisclien Einheit sind und dcr von der Associations- 
 psychologic langc vernachlassigt wurde. So \vurdc cs moglich, 
 dass dicselbc dem Donken oft ratios gegeniiberstand. Locke, 
 der Vorlaufer der Associationspsychologie, vortritt iin (iegen- 
 satze 7A\ Leibnix die Ansicht, dass das Uenken wegen seiner 
 Willkiir der Notwendigkeit cnt/ogon sei (La iK'-oessito a lieu 
 partoiit, oil la pensee n' a aucune part. Opp. p. 2:~>3b), \viihrend 
 Leibniz keinen AYiderspruch zwischeu dem volontaire und 
 necessaire findet. Selbst das Gedaclmis betrachtet Locke als 
 ein Yermogen der Seele die Yorstellungen wiederzuenvecken, 
 wahrend Leibnix vermoge seines Begrifi's der psychophysischeii 
 Disposition die Ursachc der Reproduction in einer sinnlichen 
 "Wahrnehnuing, einer ,, occasion 1 ' erblickt. ') Bei Locke ist diesolbe 
 uiir eine Gelegenheitsursache einer Willenshandlung der Seele, 
 Leibnix fasst cliesen Vorgang als einen rein passiven auf (cf. 
 Opp. p. 208 a, 209 b, 236 a). Audi das Denken ist durohaus 
 von den Associationen abhangig. Wir konnen keiiies\vegs xu 
 jeder beliebigen Zeit liber eine Vorstellung reflcctiereu, sondern 
 nur, wenn sie dtirch Association ins Bewusstsein gelioben 
 wird. Leibnix driickt diesen Gedanken auch teleologisch aus, 
 wenn er sagt ,,les sens sont nocessaires pour lui (sc. I'esprit) 
 donner de I'occasion et de Inattention pour cela et pour le porter 
 
 (,, continuation et liaison des perceptions") rechiciert. Dieses reale Ich iiudort. sich 
 mit dem Lebensalter, der Stumming, .fa iiberhaupt von Jlomont xu Jloinent mil 
 den Inhalten unseres Bewusstseins. Das reale Ich ist bckanntlich von don Asso- 
 ciationspsychologen soil Hume, welche die Seele als ein A p Tcgat von Vor- 
 stellungen betrachteten, allein in Redlining ge/ogeii worden. Daneben oxistiort 
 aber nocli, wie Leibniz riclitig bemerkt hat, das dnreh die apperceptions gebildete 
 formale Ich, dem Wundt durch seine Apperceptionsthoorie gerecht worden will, 
 und welches gowissermassen als ruhendor mathematischer Punkl iietrachtet 
 werden kann, durch welchen sich der Strom der Wahrnehmungen und Vorstellungen, 
 den man als Linie darstellcn kann, hindurchbewegt Abor freilich kann dieses 
 formale Teh nicht als einfache Substan/ von dem realen losgclost wordon. Kiir 
 Leibniz verbanden sich mit dieser Distinction der Saehe t'ernliegonde religiose 
 und methaphysisehe Speculationen. Ueber iliesen Untorschied im allgemeinen cf. 
 Wundt, I'hys. Psych. II, p. 302 ff., 4S9, 564. Kbbinghaus, Grd. d. Psych. 1SJI7, j '>, 
 Allen Vannerus, X. Kritik des Seelenbegriffs, Arch. f. syst. 1'iiilos. I 18!)(i, p. :iiil ff. 
 Ferri a. a. O. p. 28") ff. u. o. 
 
 ') Auch sonst betont Leibniz Locke gegeniiber die Passivitiit vieler Vor- 
 stellnngsverbindtingon. So wird Opi>. p. 2(i'J a dem Menschen empfohleii, seinon 
 Vorstellungsverlauf und seine Ilandlungen durch einen zielbowussten ^\'ill('ll xu 
 bohorrsehen, anstatt sich durch die Association xu oinom planlosen Abschweifen 
 verleiten zu lassen (s' attacher a un train de [lensees, dont la raison et uon le 
 hazard fasse la liaison). l-'ernei' betont l.eibni/, dass die Soolo nicht nur 
 bei Wahrnehmung der einfachen Ideen il(>r Sensation und Hol'loxion jiassiv sei, 
 sondern dass anch znsammengeset/te Vorstcllungon und Keihen soli-her durch 
 l>assive Association in uns ontstehen (. . . i-ombinaisons, i| |u> ' a nature n' a point 
 faits, so peuvent faire en nous coinme d' olles-nieiiies dans les smiges ot les 
 reveries par la senle memoire, sans <iue I'esprit y agisse plus <|ue dans les 
 Idees simples ()l>p. ]> -TO a) ; nebunbei b.-merkt hat Lribuix hier tb'ii Lockeschen 
 Begriff der modi mixti teihveise missverstanden. 
 
 5
 
 66 
 
 plutot aux unes <|u'aux atitrcs" (Opp. p. 209 h) und dass wir 
 obno die Sinne und die assoeiativ gehobenen Yorstellungen, - 
 donn joder noeb so abstracte (iedanke ist ja nach Leibnix an 
 sinnliche Vorstellungen, images, cboses odor traces sensibles 
 gehunden 1 ) nienials an die ewigen Wabrbeiten denken \viirden 
 (of. <>pp. p. LMOa: Opp. ed. (i. VI p. -191 ). Leibnix glanbte ja 
 nun freilieh, /ur inhaltlichen Begriindung der Erkenntnis ein 
 Angeborensein der Denkinlialte amiebmen y.\\ niiissen, aber 
 psychologisch ist das Denken als lebendige Function docb 
 an Wabrnehmung und Association gebundeu. .la. da der 
 Wahrnehmungsinhalt gleicbfalls angeboren sein soil, kann man 
 von dieser nietaphysiscben Annalnne in ^ewissem Siniie ganx 
 abstrahieren. Es giebt elien gar keine specifiscb von einander 
 veischiedenen psycbischen Inluilte bei Leibni/,.-) Die Ver- 
 liiiltnisse xwischen den einxelnen Kunctionen, und auf diese 
 kani es uns bier an, bleiben ini (ii'iindedie niiinlichen, ob man 
 nun den Yerlauf der psyobiscilien Erscheinungen als durcli 
 praestabilierte Harmonic oder WecbseKvirkung bedingt auffasst. 
 Sachlich komint erstore scbliesslicii doch auf Wechsehvirkung 8 ) 
 hinaus. Man kann die praestabilierte Harinonie geradexu als 
 cine religios verbliimte "\Vechsel\virkung bexeiclinen. Leibnix 
 deutete xum ersten Male den \Vfg an. \\ie das Denken. ohne 
 docb blosse Association xu sein, dennoch durchaus causal 
 detei'miniert sein kt'tnne. In dieser Hexielmng \\ies er auf den 
 Willen. welcber allein die Emancipation voin passiven Hin- 
 gegebensein an die Eindriicke. deni die Tiere unterworfen sind, 
 ennoglicht. bin und allgemeiner auf den jeweiligen Zustand der 
 Seele. welcber xu alien iiusseren Ursacben psychiscber Ereignisse 
 als constanter innerer Fa(;tor liinxukoinmt. Die neuere Psyclio- 
 logie dcfiniei't bekanntlich die^en con^tantcn Factor im An- 
 schlus< an Leibnix ganx allgemein als Wille oder Apperception. 
 der dabej entueder in der Form clos Triebes oder des wablenden 
 Willens aiifrritt. In letxterei' Hexiebung wies aber Leibnix 
 durcli >eine Analyse der iiusseren Willonsbandlung 4 ), die von 
 ibni ln-re!ts auf die inneren iibeitragen wunle. darauf bin, wie 
 die Hegnffe Aetivitiit. Spontaueitiit u. dgl. dorh nui' relative 
 >ein kt'.iinen. Sein Bea'riff der Sponlaneitiit ist bier lebrreicli. 
 L-ibtiix bi-tonr ausdriicklicb, da>s die Seele dann spontan tbiitig 
 \\enn >ie ibren (iesetxen gemiiss liandelt. also aucb bei ibren 
 
 ix sagt /.war. dieselben kitinen 
 la consideration du corps etnon 
 
 i|iie cliose de distinct et (\'(>\- 
 Aber tliat.-iiclilicb be^tebt ja xwiscben 
 
 f-.l. (J. VI p. .Ml.
 
 67 
 
 den pensees involontaires und volontaires kein principieller 
 Unterschied, daher miissen vielmehr alle psychischen Er- 
 scheimmgen bei Leibniz nach wirkenden Ursachen, entsprechend 
 den durcbgangigen physischen Begleiterscheinungen 1 ), verlaut'en, 
 gilt docb auch fiir die psychischen Erscheinungen nach Leibniz 
 der Satz vom Grunde. 2 ) Trotz jenes alten cartesianischen 
 Dualismus', welchem gemass auch Leibniz Gedanken, welche 
 vom Korper, and solche, welche von der Seele komnien, an- 
 nimmt, hat Leibniz alle hoheren psychischen Thatigkeiten an 
 die niederen untrennbar gekniipft. 3 ) Der Wille kann .sich nur 
 der durch Wahrnehmung and Association herbeigescbafften 
 Inhalte bedienen uncl sie in die gewiinschten Bahnen lenken, 
 denn niemals direct, betont Leibniz des ofteren, 4 ) sondern nur 
 indirect, gewissermassen auf Umwegen, kann er etwas Neues 
 erzeugen. Jeder Willensact beginnt nach Leibniz mit einem 
 ausseren Eindruck und durch diese reproducierten Motiv- 
 vorstelluugen, wobei entweder nur eine gefiihlsstarke Motiv- 
 vorstellung, was vorzugsweise bei den Tieren der Fall ist, in 
 Betracht koinmt, dann reden wir von Instinct, triebartigem 
 "Wo lien aus Neigungen, Affecten, oder es findet ein Widerstreit 
 der reproducierten Motivvorstellungen statt, der aber iinmer 
 in seinem Ausgang determiniert ist. Dann ist die Handlung 
 durch das verntinftige ITrteil bestimmt. Dieser Yorgang gilt 
 sowohl vom Denken (of. Opp. p. 255 b) als vom Handeln. denn 
 alle Gedanken sind ja Handlungen (cf. Opp. p. 212/13, 253 b, 
 717b). Der Gedanke der Entstebung des Neuen aus den Hesten 
 friilierer psychischer Erlebnisse tritt hier in seiner ganzen Be- 
 deutung liervor und Leibniz hat hier der Auffassung der Will- 
 kurhandlung, welche gewissermassen den Typus des vollendesten 
 psychischen Yorgangs iiborhaupt enthalt, als eines complicierten 
 Reproductionsvorgangs vorgearbeitet. So wie die iiussere Will- 
 kiirhandlung trotz der Mehrheit der sie bestimmenden Motive 
 immer dem ausschlaggebenden folgon muss, muss dasselbe 
 natiirlich auch bei den inneren Willenshandlungen, welche die 
 Yorstellungen zu Gedanken verbinden, der Fall sein. Die 
 Mehrdeutigkeit der Motivbestimmung bei den inneren Willens- 
 handlungen des Denkens, aber auch deren causale Bestimmtheit 
 hebt Staude 5 ) hervor, wobei das Erwachsen des Denkens aus 
 der Association klar ersichtlich wiril. ,,Der rbfrgang der 
 passiven in die active Apperception ist dadurch bedingr, class 
 
 ') ,,Ita(iue eosdem motiis, ab cxtcrna (iiiacimciuo cau?a in em-pore itcriun 
 oxcitatos easclem etiain in aniina co^itationes reducere." Opj). p. T;i a. 
 
 '-') cf. Opp- P- 598 b. 
 
 '') ,,Les sens nous fournissent la matiere aux reflexions, et nous no piMisorions 
 pas mT'inc a la ponsee, si nous nc pensions a <|iiel(iuo antre cliose, c'est a dire 
 anx particularites qne les sens fournissent. Opp. p. 2GO b. 
 
 J ) cf. Opp. p. 254 b, 448, .V20 b, 59.") b, (>41 b. 
 
 ') cf. a. a. O. p. 202.
 
 68 
 
 gleichzeitig mit der Abschwachung der unmittelbaren Motive 
 gewisse bevorzugte Motivvorstellungen, die durch den leisesten 
 Anstoss venvandter (lehilde reprodnciert werden. cine iiber- 
 \viegende Bedeutung gewinnen. Dio wechselnden Gofiihls- 
 elemente venlichten sich xu constanteren (Jofiihlen, die als 
 bleibender Massstab an das von der Association geschaffene 
 Yorstellungs- und (iefiihlsmaterial herangebracht werden. Eben- 
 dadurch, dass die Zuziehung joner beharrlichen Motive beim 
 Apperceptionsacte sclicinl)ar (sic!) unbegriindet stattfindet, be- 
 festigt sich in uns der Kindruck der Autononiio der activen 
 Apperception." Xur \veil die /aid aller Bestimmungsgriindo 
 nicht iibersehhar 1 ) ist. ist miser Denken und Handeln practisch 
 frei. Diesen (Jedanken winl aueh Leibniz nicht miide, fortwahrend 
 xu betonen in seiner Poleniik gogen die indeterministische 
 Willensfreiheit, die Locke, bekanntlich ein wenig consequenter 
 Uenker. trotx seiner deterministischen Tendenx saclilich doch 
 noch bestelien liess. und der Aufr'assung des Willensactes als 
 bedingt durch das Zusammemvirken der iiusseren Eindriicke 
 und der durch dieselben in eincr unserer Beobachtung niehr 
 oder weniger entxogenen Weise reproducierten Motive. So ent- 
 stelit nacli ihtn der Schein einei 1 absoiuten Freiheit und mit, 
 der neueren Psychologic 2 ) \\urde so bereits von ihm die 
 Willensfreiheit aut das Kreilieitsgefiilil reduciert, wiihrend ihm 
 Freiheit im Sinne eines ursachlosen (Jeschehens mit Recht als 
 cine philosophische ..Chimiire"-' 5 ) erschien. v. Kirchmann 4 ) 
 sagt mit Recht, dass Leibniz, obwohl er bestiindig von ,.Spon- 
 tancitiif j'ede, dennoch causale Determiniertheit aller psychischen 
 1'roct'sse annt'hme und xeiht ihn darob der Inconsequenz, \\elche 
 \vir indcs keineswegs darin finden kiinnen. AVenn das Wort 
 ..SjXMitaneitat" nicht ein umvissenschaftliches Schlagwort sein 
 soil, so kann es nur so verstanden werden, wie Leibniz es ver- 
 stand. 
 
 Die cmincnte Krtichtbarkeit der Leibnixschen Psychologie 
 in Hfzui: aut da^ Vci'hiiltnis von Association und Denken 
 glaiihcii \\i\- miter unserem doj)])elten (iesiclitspnnkt ins rechte 
 Licht irosetzt XN hal)cn. \Vir verfolgten die Association in ihrer 
 liedeutsamkcit tin das Scelcnlebcn der Tiei'e, wir lernten sie 
 a!- (.iriindfmiofii..ui kcnncn. auf der sich die spontanen Vor- 
 >tollmi^svcrbindungen 1 \vdchei- allein die Esprits fa'hig sind. 
 aufbancn. und miisscn jctzt bctoticn. dass hierbei namentlich 
 jt-nc /.Wfitf Hedeutung df-s Worts apperception als reflexive 
 Krkeniitnis t'iir die wi-itere Kntwicklun.ir dieses Hegriffs in der 
 
 ) M;I:I viTfli-i.-ln' iiniTii-ntlicI, don Auf-nt/ ,,Vnii ilcm Vcrhangnis" bei Gulirauer 
 
 II p, I.H If. Wiimlt M. u. 'IV p. 474. 
 
 ') ft. /. }'.. :iii'-li I.ipii- j>. To-.' ,1. a. (I. 
 ) .-f. <tj.|.. |. .V.C I,. 
 ft Er!;iiit(-riiiiL f 'J77 xnr Thi.'odir.'c.
 
 69 
 
 neueren Psychologie von grosster Bedeutung war. Beruht hier- 
 auf seine wesentliche Bedeutung fiir die empirische Psychologie, 
 so hat er docli die Association keineswegs ignoriert, vielmehr 
 eng an seine Lelire von den psychophysischen Dispositionen 
 gekniipft. Dass bei Leibniz der Begriff der Association niclit 
 scharf herausgearbeitet ist, haben wir gleichfalls constatiert. 
 Es gilt dies aber sowohl von den alteren Associationsbegriffen 
 iiberhaupt, andererseits ist es bei Leibniz in der Xatur seiner 
 Psychologie begriindet. Audi der Apperceptionsbegriff ist ja 
 bei ihm ein vielfach schwankender. Es muss ten eben alle diese 
 Begriffe erst einem Lauterungsprocess unterworfen werden, 
 urn fiir die empirische Erklarung der psychischen Erscheinungen 
 verwertbar zu werden. Leibniz hat die Associationsphanomene 
 wesentlich nach dem negativen Merkmal der Passivitat, das er 
 allerdings nicht streng festgehalten hat, wenn auch die Tendenz, 
 wie wir gesehen haben, ganz zweifellos ist, bestimmt. Die 
 positive Charakteristik verdanken wir namentlich der englischen 
 Psychologie. Hoffding 1 ) charakterisiert das allgemeine Yer- 
 haltnis der englischen und deutschen Psychologie mit folgenden, 
 treffenden Worten: ,,Die Geschichte der Psychologie zeigt, dass 
 die verschiedenen Richtungen verschiedenes Gewicht auf die 
 beiden Seiten im Wesen des Bewusstseins gelegt haben. Die 
 deutsche Schule (Leibniz, Kant, Hegel) legt iiberwiegenden 
 Xachdruck auf die Synthese, die Activitat, die Einheit. Die 
 englische Schule (und Herbart in Deutschland) hat l)esonders 
 die passive oder mechanische Seite, die Mannigfaltigkeit und 
 gegenseitige Wechselwirkung hervorgehoben. Jede Richtang 
 hat ihre Starke in der Behandlung verschiedener Probleme. 
 Die englische Schule richtet ihr Auge mehi 1 auf die elementare, 
 reelle Seite des Bewusstseinslebens, auf die Art und "YYeise, wie 
 sich der geistige Ban durch Zusammenfiigung der Grund- 
 elemente erhebt, die deutsche Schule dagegen mehr auf den 
 Zusammenhang und die Einheit, die von Anfang bis zu Ende 
 die Merkmale des Bewusstseins sind." Yon den von Hoffding 
 genannten Philosophen ist Leibniz zweifellos derjenige, der 
 beide Seiten des Seelenlebens in ilirer Bedeutung gewiirdigt 
 hat und daher der Associationspsychologio noch am niichsten 
 steht, wahrend Kants Bedeutung auf einem ganz anderen (Je- 
 biete liegt und Hegel 2 ) die Association ganz und gar miter- 
 schiitzt. Auch Leibniz strebt ja nach einem Aufbau des Seelen- 
 lebens aus einfachen Elementen und Ferri :! ) betont mit Kecht, 
 dass er liierin der Associationspsychologie, namentlicli in der 
 synthetischen (Jestalt, die sie seit Hartley angenommen. wirk- 
 sam vorgearbeitet hat. Dass Hartley von Leibniz beeinflusst 
 
 ') cf. a. a. O. p. 01. 
 -) Encyclop. -, 45550. 
 3 ) a. a. O. p. 285.
 
 70 
 
 worden soi, irewinnt dadureh an Wahrscheinlichkeit, dass der- 
 selhe niit Leibniz' Anschauungen bekannt \var. So bespricht 
 er an einer Stelle seines Hauptwerkes seine Auffassung der 
 tierischcn Bewegnng zu den Ansichten von Leibniz. 1 ) Leibniz 
 hat die passive uml active Scite des Seelenlebens bereits in ein 
 Yerha'ltnis xn setxen ^esucht. Die pMianere Pracisierung dieses 
 Yerhaltnisses bildet seitdem-) einen Hauptstreitpunkt xwischen 
 den versehiedenen Richtungen der empirischen Psychologie bis 
 anf unsere Ta^e. 
 
 Khe \\ir dieses ('apitel entiriiltig verlassen, sei nocli kurx 
 hinu'ewiesen anf einen bereits irestreiften (.iedanken, der Leibniz 
 nieht unbekannt war. wir ineinen die unterstiitzende Kolle, 
 welche die Associationen, namentlich die Wortassociationen, 3 ) 
 durch ihr Kingreifen in die intellectuellen Processe spielen. 
 Gedankenreiben, die wir offers dnrchdaclit haben, werden xu 
 fasten Vprbindungeii. iU>ei' deren Teile wir in spiiteren Uenk- 
 acti'n einfaeh niittels Association hinweggehen, ohne die Reihe 
 von neuein \vieder niit Aufnierksainkeit xu durchdenken. Unser 
 Denken wi'u-de nicht von der Stelle komnicn. wenn es niclit 
 durch das Kin^i-eifen der Association in den Stand p;esetzt 
 wiirde. seine X'ollkrafr auf die jcweils schwiei'ip'en Punkte xu 
 richtcn. Leibniz \veist auf diese Thatsaclie des tifteren hin. ,,11 
 n'cst pas possible", heisst es. 1 ) ..(pie nous reflechissons ton jours 
 expresseinent sur toutes nos pensoes. Autrenient Tesprit feroit 
 n'-Hexiun sur cha(|iie ivt'icxion a I'int'ini sans potivoir jainais 
 pa.vsi'i- a uiic nmivelle pensee. Mais il taut bien Cjiie je oesse 
 de I'eflt'-cliii 1 sui' toutes ces reflexions ct (jii'il y ait cnfin quelque 
 pensec. ijn'on Jaissc passer sansy jtenser : autrement on denieureroit 
 t"iiji'iir> >ur ia tn<' x ine chose." Nocli deutlicher tritt dieser Gedanke 
 an r-iner andercn St''||c : '| /u Taire, wo es heisst: ,.il est vrai, que 
 ii"tre >cience, inline la plus demonstrative, se devant acquerir fort 
 souvent par mi" lon^ue chaine de consequences, doit enveloppei' le 
 -ouvenir d'une demonstration passeo. i|u'on n 'envisage plus 
 ilistinctenieiit. ijiiand la conclusion est taite, autrement ce seroit 
 rep.'-t'T toujoiii's cette di'-inoiistration. Kt inenie pendant (pi'elle 
 'lure, on ii" la >aiircit ci.iinprendre toiite entiei-e a la fois, car 
 
 tirdea 
 
 1 IP- in-live 'I'l.'iii-k.-i- ].- Ii.MiK.-ii- -i.'li vnil/i..|i..|iil.'!i Vni-^. : ii]j_'''ii, wi-lchc fort- 
 ii.l /inn |.^'i--n-i) li.-l.r: ..... h .1 i-j.-iul.-! Lli-ihi-ii." iWninll, I'liys. 1'sycli. II 
 i.io. \liuli' ii -pri'Mit [.''iliiii/ i i|i|i. ). LV'T .1 VMII ili-r ..iitiliti' i|ii'uii t r<\\ < .-n raise mil a nt 
 .1 - -i-rvii ! i':ir:i"'t<-ri<- ci .1.- |-ii-i'-< <niii-i]cs ; i-:ir il faii'lruit li-op .le tcnis, s'il 
 f:,l!'.it t .ui i-xjili-jU'-r ' t t"uj"iir~ ~ulp-.titii"i i ! ilf'finiti'iti .1 la place des terines." 
 '. ,-f. i. pp !' '** '' 
 > <{ upp. ,, :',:',; ),.
 
 71 
 
 toutes ses parties ne sauroient etre en memo temps presentes 
 a 1'esprit." 
 
 Den Yorteil, den ein lebhaftes Associationsvermogen vor 
 dem ungeiibten Denken voraus hat, beschreibt Leibniz u. a. am 
 Yerfahren des geiibten Arztes. ,,Et des Medecins d'une grande 
 experience, qui ont la vue et la memoire fort bonne, connoissent 
 souvent au premier aspect du malade, ce (iii'iin autre lui arrachera 
 a peine a force d'interroger et de rater le ponls.' 1 ') Der Scharf- 
 blick, mit dem der Geiibte irgend einen Eindruck auffasst, be- 
 ruht auf associative!' Yerdeutlichung,-) also derselben psychi- 
 schen Function, welche auch ein gutes oder schlechtes Ge- 
 dachtnis bedingt, und Leibniz hat mit Recht beide dem miihe- 
 vollen Schlussfolgern entgegengesetzt. Indem ein primarer 
 Eindruck von vielen friiher aufgenommenen ahnlichen Ein- 
 driicken assimiliert wird, wird der Eindruck deutlicher wahr- 
 genommen, als wenn keine verwandten Bewusstseinselemente 
 erregt werden. Wer z. B. irgend eine fremdartige Pflanze 
 bereits friiher gesehen, der wird sobald Him wieder eine gezeigt 
 wird, eine deutlichere Yorstellung davon empfangen, als jemand, 
 der dergleichen nie gesehen. Je nachdem der primare Eindruck 
 friilier mit Him identische oder nur partiell identische reproduciert, 
 sprechen wir von associativem Wiedererkennen oder Erkennen. 
 Die Association ist die prima're Ursache der Ueberlegenheit, 
 den Erfahrung und Anschauung gewahren, nicht die eigentlich 
 denkende Beurreilung als solche, denn ,,Alter schiitzt vor Thor- 
 lieit nicht" 1 , wahrend andererseits das Denken ohnmachtig ist, 
 wenn nicht ein reiches Associationssystem zur Yerfiigung steht. 
 Leibniz betont cliese Wichtigkeit der Association als vorbe- 
 reitende Function des logischen Erkennens sehr richtig, und 
 nur seine logische Umdoutung dieser Yorgiinge hat ihn ver- 
 hindert, sie auf ein cinheitliches psychologisches Princip zu 
 reclucieren, obwohl er hierbei eigentlich am ehesten auf den 
 Unterschied von Association und Induction gefiihrt werden 
 konnte. Die sich auf den Associationsvorgangen aufbauendo 
 vergleichende Thiitigkeit ist indes eine zu jenen liinzutretonde 
 Function, welche innner in Form eines discursiven Ill-toils zum 
 Ausdruck kommen kann. Eine Erkenntnis allein in den Yor- 
 stellungon, welche Leibniz annimmt, existiert daher nicht, hier 
 ist nur Raum fur die Association, welche iihrigens auch 
 es ist dies in diesem Zusammenhang von \Yichtigkeit 
 zwischen L T rteilen :! ) stattfiuden kann. Leibniz crdrrort diese 
 Yerhaltnisse zu Eingang des vierten Bin-lies der Kssais. Es 
 heisst dort:-') ,,La connoissance se j)rend encore plus gviioralement, 
 
 ') cf. Opp. p. :i35 a. 
 
 '-') cf. Wundt, 1'hys. Psych. II p. 4G8. Jocll, a. a. O. p. -ITS. 
 
 ") cf. Wniult, Logik I p. C>7. 
 
 ') cf. Opp. p. :j3G a.
 
 onsorte qu'elle so trouvo aussi dans les Idees ou termes, avant 
 (|u'"ii vionno anx propositions mi veritos. Et Ton pent dire 
 (jut- n'lui. <|iii aura vu attontivement |)lus de portraits de plantes 
 ct d'animanv. plus do figures do machines, plus de descriptions 
 ou ivpnVantaUons do maisons ou do i'orteresses, qui aura lu 
 plu> dr Romans iniicnioux, ontondu plus do narrations curiousos. 
 oi'lni-la. dis-jo. aura plus do oonnoissanco t|u'un autro, quand 
 il n' y auroit pas un mot do vrritc on tout, ex? (|u'on lui a 
 di'-pt'int an raeontr. Carl'iisa^e. <|u'il a. do so i-oprosenter dans 
 1'opi'it licaucoiip do conceptions ou I does expresses ot actuolles, 
 Ir iTiid plus propre a concovoir co (ju'un lui propose, et il est 
 >fir <|if il sora plus instruit et plus oaj)ahlo t|u'un autre, qui 'a rien 
 \ 11. ni lu, ui ontondu. poiirvu quo dans cos liistoires ot reproson- 
 tatinns il no prenno point j)our vrai, c-o (|iii n'ost point, et que 
 oo> impressions no I'empechent point d'ailleurs de discerner le 
 rrcl do I'imairinairo, ou 1'existant du ]>ossil)le." I)( 4 r letxte Satx 
 ist von Li'ihni/. sehr richtiir hinxuii - ofiij:t. Eine ausgedehnte 
 Erfahruiiir i^t olx'n nur insufoi-n von \Vert, als allo psychischen 
 Inhalto (lurch <-m compliciertes Xotx \<>n Associationen mit- 
 oinandor verl>undon sind. das t'iir das LJrteilen soxusagen ein 
 xweisohneidi^es Schwort ist. \Ver von domsolhen einen falschen 
 'it-ltraiich macht. liloiht oin Tfopf trotx aller Erfahrung odor 
 vidlriolit Dorado deshalli. 
 
 Nachdom \vir das Verliiiltnis von Association und Denken 
 lici Loilmix in Htvuu' auf die iivnerollo und individnelle Ent- 
 luivir dos Beuusstsi'ins konnon li'olornt habon, wonden \vir 
 an nnsorn Ausran;spunkt ankniipfend, xur Association 
 x-llist. urn xnniichst dio Iiois])iclc. dio Loihnix als Association 
 hoxcichnet und auf die wir u'cmass unserer Aufgabedoch etwas 
 niihcr cinu'i'lion miisson. etwas ironatter xu analvsieren.
 
 II. 
 
 Umfaug mid Inlialt 1 ) des Begriffs der 
 Association bei Leibniz, 
 
 Wenn Locke und die spiiteren englischen Associations- 
 psychologen von ^association of ideas" sprechen, so diirfen wir 
 bekanntlich nicht allein an die psychischen Gebilde denken, die 
 wir houte mit dem Ausdruck Vorstellungen" bezeichnen. Wenn 
 gegen die Associationspsychologie zinveilen der Vorwurf eines 
 einseitigen Intellectnalisinus insofern erhoben wird, als sie die 
 iibrigen Bewusstseinsinhalte, wie Gefiihle, Strebungen, nicht be- 
 riicksichtige, so sclieint das auf einer Verkennung der Be- 
 deutung des englischen Worts idea zu beruhen. Sie beriick- 
 sichtigt sie allerdings, aber freilich wird sie der selbstandigen 
 Bedeutung dieser Factoren niclit gerecht, wenn sie sie nur als 
 Vorstellungen behandelt. Das Wort idea bodentet bier allge- 
 mein ,,Bewnsstseinsiniialt"; es bedeutet niclit bios Vorstellung 
 und aucb niclit bios eine Vorstellnng. Wir gebraucben den 
 Ausdruck, wenn niit einem Schlago grosse Bilder heraufgefiihrt 
 werdon, Landschaften, gewaltige Raurae, in welcbeni viele 
 einzelne Gegenstande vorgestellt werden. 1 '-) Solcbe Fusionen 
 sind in Bezug auf die Association wie eine einzige Vorstellnng 
 zu betrachten. Und nicht nur Vorstellungen, sondorn auch 
 \Viinsche, (ledanken, Begierden \verden in it diesein Terminus 
 bedacht. So bedeutet auch das Wort ,,idea" bei Locke die 
 allerverschiedensten Bewusstseinsinhalte. Xicht nur die ein- 
 fachen und zusammengesetzten Vorstellungen, auch die Begriffe 
 im engeren Sinne, Urteile, ja Gefiihle tier Lust und Unlust, 
 der Zuneigung. Abneigung, Strebon, kurz jeder Bewusstseins- 
 inhalt, mag or der Sensation odor Reflex ion angehoren, kann 
 mit idea bezeichnet \verden. Eine ganz iihnliche ausgedehnte 
 Anwendungsweise :i ) besitzt das Wort Idee bez. Perception und 
 
 ') Wiv bohandcln unter diosor Uebcrschrift namentlich die cin/cliicn Beispiolc, 
 die Loibni/ giobt, obwolil aucli die Kri'irtorungcn des vori^en Absclinitts strcns 
 <, r enoinmt;n unter dieselbe fallen wtirden. Indes vcM'lauyte die Uebei'sichtlicbkeit 
 der Darstcllung, das Verliiiltnis von Association und Denken gesonclert 7.11 behandeln. 
 
 -) cf. Wahle, a. a. O. p. 405. 
 
 :) ) cf. Dessoir, a. a. O. p. m.
 
 74 
 
 Vorstollimjr in dor Leibniz-"\Volffschen Psychologic. Es be- 
 xeiehnet ,u-leieherweise die einfaehen Sinnesempfimlungen, die 
 xiisamnienp'setxten Vorstellmiiren. die (Jefiihle, welehe in ver- 
 worroneii Yorstellunjzen bestehen. in irewissem Sinne selbst den 
 Willen. so tVrn IT in Leihnix.ens Sy>tem als YerJiiHleriingsprinzip 
 der VorstollunpTi. als reheruani: rim-r Yorstelliin in eine 
 andere anfirefasst wird. Leibnix dei'iniert ja ausdriicklich die 
 Seele als vor.Mellendes Wosen und musste sunaeli das Bestreben 
 hahen, alle Bewusstseinsinlialte dm VorstcllunpMi nn">-lichst 
 anxunidiiTii. I'nter die>cni Inti'llrtualisnius. dcsscn Hanptfehler 
 nirlit ej^eiitlieh derist. class or (fefiihls-und \Villenserscheinungen 
 t;ar nicht heriieksiehtiirt. sundcTii vielinehr der. dass er sie ge- 
 \visserniasseii sellst xu N'orstellimpMi niaeht. leidot sowohl die 
 iiltere wit- die spiitere Associationspsycholofrie, nanientlich aber 
 aucli die friiliesten Betrachtun^en iiber A>snciatii>n bei Locke, 
 bei dern ans dieseni (irundo einc aucli niir einigermassen be- 
 frieditrende Analyse der Krscbein un^en die er Association nennt, 
 t'ehlt. Xennt man /. B.. \vie Lncke. die Verliindun^ eines (Je- 
 t'iihls init p- \vissen Vurstellumren Vorstelluntrsassociation, so ist 
 niit dieseni Ansdnn-k nnr die Tliat>;irhlichkeit einer derarti^en 
 Verbindnnir lie/eirbnet. nlme da>s dab<>i aucli nur ein bestinunter 
 psycholo^ischer Be^rit'f als 1'rsaehe vorsclnvebt. \velclie einfach 
 in der ( iew^hnlieit u-esuc-lit \vird. welehe dnch vielmehr erst 
 eine psvclmlii^ische 1'isaehe vnfau>setxt \ind in keiner Wissen- 
 schaft. am allerweni^sten in der l^yehidu^ie. ein primarer Kr- 
 kliii'iinirsbe^ritt. 1 ) su \veniu- \vie der Be^rit'f Xnfall sein kann. 
 Werden (lie Be^-fitfe ..Vorstellun^;" invl ..Bewusstseinsinhalt", 
 man mai: 1 ><in>t die Wirkunii' der Association noeh so weit ans- 
 delinen. nielli ^etreiint. so Itedeiiter A>sociatioii ofr weitei 1 nichts 
 ie Thatsache. das-. Bewnsstseinsinbalte xusaniinen vorkommen, 
 da> Kriniieriinirsliild eines \'erstorlienen mid das (lefiihl 
 Trauei-. Locke hat von diocii VerbindnnpMi eini^e be- 
 er> nierkwiirdiire xnsannncnjrestellt und im hesonderen 
 ciaiioM Li'enannt. Im ( ieiren^atxo hierxn bexeiehnet die 
 mit Hume bc^intieiiile A ssocial ioiisj >s\ choli i^ie. welehe 
 
 elischeii AssiKriatiunsiresetxe, 
 - noeh bri Locke I'imli'ii. wjeiler 
 ineii \\ c^eiitlichen FHM-|I ritt. inso 
 -txc aucli nnr xiiniiehs) ein thatsiic 
 r Inhaltc xiim Anxinick briniren. d 
 ult 
 
 idii wird 
 
 nanientlich auch e \perimenteilen Thatsachen materials 2 ) 
 
 r Viir^ii'liuii^en, Leipzig- 111.
 
 75 
 
 gefiihrt hat. Dazu war aber vor allem eine exacte Classificierung 
 und Sonderung der Bewusstseinsinhalte notwendig, vor allera 
 auch die Trennung der Gefiihls- und Vorstellungsbestandteile 
 und die beiderseitige Biickfuhrung derselben auf einfache Ele- 
 mente. Abstraction und Analyse 1 ) werden hier zu Hiilfsmitteln. 
 zu diesen letzt erreichbaren Elcraenten zu gelangen und eine 
 zusammengesetzte Erscheinung als ein gesetzmassig entstandenes 
 Product der Yerbindung elementarer 2 ) Inhalte zuverstehen. Dies 
 scheidet die neuere Auffassungsweise der Associationen von der 
 alteren Associationspsychologie. Die Associationsgesetze, die 
 sie aufstellte, gewahren keinen Einblick in die psychologische 
 Eigenart eines realen Associationsvorgangs. Sie bezeichnen 
 nur die allgemeinsten Bedingungen, und auch diese nur, 
 insofern wir aus jenem objectiven 3 ) Einteilungsprincip die 
 subjectiven Associationsbedingungen der Gleichheit und Be- 
 ruhrung 4 ) der Bewusstseinselemente erst gewinnen, und die 
 mannigfach variierenden Producte eines solchen. Jetzt 
 sollicitiert eine Vorstellung eine ilir ahnliche, das niichste 
 Mai eine solche, deren objective! 1 Inhalt zu dem der ersten 
 in irgend ein em zeitlichen, raumlichen, oder causalen u. s. w. 
 Verhaltnis stehend gedacht wird. Mehr als dieses thatsiicliliche 
 Yerhaltnis ist durch diese allgemeinen Bezeichnungen nicht 
 zum Ausdruck gebracht. So erhob sich denn auch bald ein 
 Streit um die Zahl der Associationgesetze, der damit endete, 
 class man zu der Ueberzeugung gelangte, dass, um die Ent- 
 stehung einer Association exact zu beschreiben, es nicht geniige, 
 das Yerhaltnis der sollicitierten zur sollicitierenden Vorstellung 
 mit einem Xamen zu belegen, so niitzlich dies sein mag, 
 sondern dass man die Yorstellungen in Partialvorstellungen, 
 was iibrigens Wolff bereits erkannte, und weiterhin in Elemente 
 niederer Stufe aufzulosen babe. So gelangte man zu der An- 
 schauung, welche sich bereits imStreite um die Zahl der Associa- 
 tionsgesetze ankundigte, dass bei jedem Associationsvorgang in 
 
 *) cf. Wundt, Grundriss, p. 33. 
 
 B ) Obwohl auch Leibniz diese Tendenz liegte, so ist docli der Begriff petite 
 perception, sofern er die vorbewussten Elemente einer einl'achen Empfindung 
 bezeichnet, natiirlich nicht identisch mit dem, was die neuere Psychologic ein 
 psychisclies Element nennt. Leibniz beabsichtite weniger eiue Synthese des 
 Bewussten aus Bewusstem, als des Bewussteii aus Unbewusstem. 
 
 s ) cf. Lipps, a. a. O. p. 98 ff, der das herkommlicho Einteilungsprincip als ,,ol)- 
 jectives" bezeichnet, insofern es feststellen will, ,,nieht bei welchen Heziehungen, 
 in denen Vorstellungen als psychische Thatsachen thatsachlich zueinander stehen, 
 sondern bei welchen Beziehunjcen, die wir als zwischen Objccten licstchciul vor- 
 stellen oder denken konnon, Associationen stattfindon." 
 
 4 ) cf. Wundt M. v. Ts. p. 321. l>hys. Psycli. II 458 ff. Da Heproduction des Aehn- 
 licheu psychologisch Reproduction desGleichen undMitreproduction des an dasselbe 
 gebundeneu Ungleichen (cf. Lipps p. 10G) besagt und Gleichzeitigkeit eben Beriihrung 
 der Bewusstseinselemente bedoutet, so ist die Unterscheidung von Aehnliehkeits- 
 und Gleichzeitigkeitsassociation (bei Lipps, Ziehen, Wahle) sachlich mit der oben 
 angefiihrten identisch.
 
 gewissem Sinne Aehnlichkeits- und Contiguitatswirkungen zu 
 constatioren seien. Diese analytische Methode ist es, welche 
 die Associationen als olemeiitaro Prooesse 1 ) auffassen lehrte, 
 welche xeigte, niclit nur dass. - - oin Vordionst bereits der 
 in it. Hume beginnenden englisehen Associationspsychologie, 
 sondern auch wie sic sicii an dor Bewusstseinsentwicklung 
 beteilige. Das Hauptresultat dor Entwicklting ist, mit einem 
 Wort, dass man die Associationsvorgiinge von den Associations- 
 bedingungen und Associationsproducten trennen lornte. 
 
 Loibnix stoht. wie Looke, ganx am Anfang dieser folgen- 
 reiclien Entwicklung. Wenn \vir uns die Beisj)iele, die or 
 anfiilirt, etwas genauer anschen, so konnen \vir constatieren 
 1.) dass sie fasst samtlich xiemiich oomplicierte Associations- 
 producte darstellen, dass 2.) dor Begriff dor Association niclit 
 goniigond getrennt ist von dem Begriff dor Associations- 
 bodingungon, dass r>.) dor Begriff dor Association nicht reinlich 
 geschieden ist von gewissen ahnliehen Erscheinungen, welche 
 indos von ibnon xu tronnon sind. 
 
 Wenn wir im t'olgenden die Leibnizschen Beispiole unter 
 diosen Gesichtspunkten betrachton, kann das natiirlich nicht 
 so geschehen, dass letxtere successive an die Reilie ka'men. 
 Bei dom engon Zusammenhang aller drei, krninen sie nicht 
 eine stronge logische Disposition bedeuton wollen, sondern nur 
 allgemeino Richtungslinien dor psychologischen Betrachtung. 
 
 Kehren wir xu den obon (p. 22) angefiihrton Beispielen 
 xuriick. Wir miissen in ihnen strong unterscheidon das 
 Product der Association von dom Associationsvorgang selbst 
 und dioson wioderuni von den Bedingungen. 
 
 Bekanntlich horrscht iiber die Art. wie der Begriff der 
 Association anzuwenden sei, trot/, der so ausgedehnten Be- 
 handlung, welche dor Gegenstand in dor psychologischen 
 Littoratur crfahren hat, noch heuto keineswegsUeberoinstimmung. 2 ) 
 Solhst wenn dor Bogriff nur auf die sogenannte Reproduction 
 xiisammengosetxter Vorstellungen angewendot wird, d. h. auf 
 Fiille. in denon das Associationsproduct in succossiv auf- 
 einanderfolgenden Vorstellungen l)osteht, kann gefragt werden, 
 und ist thatsachlich auch gofragt wordon, ob Association die 
 der Reproduction vorausgchende, nnter dom Zwang dor Walir- 
 nehmun.ir ei-ful^te und weitorhin virtuell vorhandono Ver- 
 itinduiiL'.' dfi- N'orstellniigcn sei odor ob diesor Begriff auf den 
 actuelicn N'or^ang dor Rt'in'odnction selKst xu beschriinken sei. 
 Wiihrenil /. B. die cincn von Hepi'oduction auf Oi-iind von 
 (rl(!ichxeitiirkeitsass()ciati(Mi ivden, rcilen and i i-(> von Association 
 
 '} cf. Wmiilt, firuiiflri>s, p. 'Ji;<>. 
 
 '-) cf. I.i<-lniiniiii :i. a. O. p. 4t::. Kiilpc, (Jruudriss d. I'sychol. p. 198. Offnoi-, 
 fiber <lti- (iruiidfurmiiii ilor VurstclluiiKSViTbinclungcn, Philos. Monatahefte ed. Natorp. 
 XXVIII, Anm. s, p. 381!.
 
 77 
 
 auf Grand von Gleichzeitigkeit, und zweifellos hat diese 
 Ungenauigkeit dor Terminologie violt'ach xu loercMi Streitig- 
 keiten Anlass gegoben. AVenn, wie eine goiiauo psychologische 
 Analyse lehren muss, die Vorstellungen koine unveranderlichen 
 Objecte sind. die thatsachlich reproduciorbar wa'ron. so vor- 
 steht sich allerdings von selbst, dass unter Association nur 
 der actuellc Vorgang dor sogonannton Roproduction vorstanden 
 werden kann. Aber selbst diose herkommliche Anschauungs- 
 \voise angenommen, so scheint die Annahine einer .Reproduction 
 auf Grimd von Association vollstandig nnbaltbar. Wird 
 einnial das gewohnliche Einteilungsprincip der Associationen 
 angeiiomraen, so hat dasselbo ebon nur dann psycliologisch 
 Sinn, wenn es die Reproductionsvorgange einfach classificiert 
 und wenn die Einteilungsprincipien nicht xu Ursachen des 
 Reproductionsvorgangs gemacht werden. AVie will man, ohne 
 in Inconsequenzen xu geraten, die sogenannte Achnlichkeits- 
 association von letxterem Standpunkto aus unter den Associations- 
 begriff subsumieren? Hier ist ja von einer vorausgchenden 
 Association xweier Vorstellungen gar koine Rede und das 
 Schema a reproduciert b, weil a und b friiher associieil waren, 
 vollstandig unanwendbar. Wer dieses Schema, welches der 
 classischen Auffassung des Associationsbegriffs keines\vegs 
 entspricht, willkiirlich xur allgemeinen Auffassung der Sache 
 stempelt. kann freilich, namentlich wenu or sich noch auf die 
 sogenannten tVeisteigenden Vorstellungen stiitxt, eine Menge 
 Einwande gegen die Associationslehre erheben, 1 ) \velclie ver- 
 schwinden, wenn man unter Association ganx allgemein den 
 Vorgang der Sollicitation 2 ) eines Bewnsstseinsinhalts (lurch 
 einen andern versteht auf (irund allgemeiner Vorbedingungen 
 des Bewusstseins. Unter diese Definition lassen sich nicht nur 
 samtliche Reproductionsvorgiinge subsumieren, es sei denn, 
 dass man an die freisteigenden 'Vorstellungen glaubt, sondern 
 zugleich schliesst dieselbe die Urteilsveibindungen aus, da der 
 Ausdruck ,,Sollicitation" nur besagt, dass ein Inhalt den andei'n 
 weckt, ohne dass dieselben auf einander bexogen \\iirden. 
 Im Gegenteil werden wir t'inden, dass die vorxugsweise An- 
 wendnng des Associationsbegriffs auf die einem Reproductions- 
 vorgang moglicherweise vorausgehende V r erbindung von Inhalten 
 im Bewusstsein, die bei Leibnix im Anschluss an Locke ") xu 
 constatieren ist, einer der Hauptgriinde ist sowohl der Aus- 
 delmung des Begriffs auf auders geajtete Krscheinungen als 
 der mangolhaften Darstellung der Vorgange. 
 
 So konnen wir beispielsweise im ersten der von Leibnix 
 angefiihrten Beispiele die allerdings unnatiirliche Verhindung 
 
 ] ) ef. Ktilpe a. a. O. p. 191. t'f. 
 
 '-') Diose sehr passende I'araphraso bei Walilc, a. a. (. p. -KM. 
 
 ;J ) cf. Liebmann a. a. O. p. 448.
 
 7ft 
 
 I L 1 
 
 dps (icfiihls dor Zuneigung niit dem Fehler des Schielens 
 nicht Association nennen. aus welcher das beschriebene 
 Phanomcn psychologiseh vcrstiindlicli wiirde. Ks wird ja 
 niemand hehaupten wollen, dass dadurch, dass Descartes friiher 
 cine N'eigung xu finer Person hatte, die xufiillig schielte, im 
 iihrigcn aher mit Eigenschaften ausgestattet war, welclie die 
 Xeigung erkliirlich machten, psychologisch begreiflich wiirde, 
 \vie spiiter das (iefiihl der Xeigung gcnule durch das Merk- 
 nuil des Sehielens allein hervorgerufen wiirde. Es kann sich 
 ja gar keine Association, welche freilich unnatiirlich ware, 
 xwischen dem Fehler des Schielens inul dem Neigungsgefiihl 
 ntwickeln durch den Verkehr mit einer xufallig schielemlen 
 Person, einfach deshalb, weil beide niemals gleichzeitig im 
 Bewusstsein sind nnd der Xatur der Sache nach aucli nicht 
 sein konnen. So oft und je ofter D. mit diesei' Person ver- 
 kehrte und dabei ein Neigungsgefiihl hatte, umso weniger 
 wird dabei der betreffende Fehler im P>lickpunkt seines 
 Bewusstseins li'ewesen sein. weil ihm dieser. wie man xu 
 sa^en j)fle^t. pir nicht melir auffiel, sondei'n er wird an 
 die Kigenschaften der I'ersun gedacht haben, an die das 
 Xeigungsgefuhl p-kniipft war. Solange ihm der Fehler auffiel 
 und so oft er an denselben dachte, muss er notwendig, wenn 
 cr nicht an Idiosynkrasien lift, ein, wenn auch nur momentanes, 
 Abnoigungsgefiihl gehabt haben, gegen das sich das Xeigungs- 
 gefiihl ei'st wieder emporarbeitete. Xwei Bewusstseinsinhalte 
 jedoch. xwischen denen ein anderer dazwischenliegt, stehen 
 nicht im Verhaltnis der ( 'ontin^en/. der Bewusstseinsinhalte 
 im identischen Zeitmoment, 1 ) sind daher weder selbst Association 
 noch hegninden sie eine solche. Nach Leibnix soil hier die 
 objective Coexistenx des betreffenden Fehlers und des Neigungs- 
 gcfiihls, die lici ihm Association heisst. die alter psychologisch 
 ein >iil>ji-ctives xeitliches Auseinanderfallen im Bewusstsein 
 bedi'utet, dci - (inind einer spatercn subject! veil Coexistenz 
 sein. die nun olme weiteres mit jener objective!) identificiert 
 und wicilcnim Association genannt wii-d. Der Weg, wie 
 li't/.ti-rc ji>yc.holoi:-isch aus der ersteren, die nichts Unnatiirliches 
 an >ic!i hat. t-ntstelit. l)leil)t dabei uncrortert. I.eibnix hat 
 offcnliar |{c<-ht. wonn *M die histoi-isclu? Thatsache der ehemaligen 
 /iint'ii:iii]L r D.'xu (;iner schielenden Pei'son mitder psychologischen 
 Krs<rlieinung d<-s \Vohlgefallens an diesem Fehlci- in Verbindung 
 fchlcn offcnbar die psychischcn Mittelglieder, 
 bci-cits coinplicierten Vorping begreiflich machen. 
 j>t hif-r im cigentlichen Sinne als Association 
 genieinsamor Merkmale, also als Aehnlichkeits- 
 D. sah cinf- schii.'lendc Person. Diese 
 
 nil.' ;"m- >crc AsHciciati<m /.uriick (of. :i. a. (). p. 4'2I.i f).
 
 79 
 
 Wahrnebmung associierte auf Grand dos gemeinsamen Merkmals 
 das positiv gefuhlsbetonte Erinnerungsbild seines Freundes. 
 Erst durch diese offers wiederholte Aehnlichkeitsassociation 
 kann sicli cine abnorme Verbindungzwischen dor Yorstellung des 
 Schielens und dem Neigungsgefiihl verwirkliohen. oine sogeiiannte 
 Irradiation 1 ) des Gefiihlstons, welohe dann olino Bewusstwerden 
 des arspriinglich vermittelnden Erinnerungsbildes auf weitere 
 "Wahrnehraungen wie Contiguitiit wirkt. Dieses liier abnorrae 
 Product der Association hat also zur urspriinglichen Voraus- 
 setzung die Reproduction des zusammengesetzten gefiihlsbetonten 
 Erinnerungsbilds des Freundes. in welchem keine unnatiirliche 
 Vorbindung zwischen der Vorstellung des Schielens und dem 
 Neigungsgefiihl besteht. Diese Analyse zeigt also, dass gerade 
 der Vorgang, welcher die Ursaclie der beschriebenen Erscheimmg 
 ist, schlechthin unberiicksichtigt geblieben 1st. .Uagegen heisst 
 Association 1.) die objective Coexistenz zweier Thatsachen, die 
 erst, sofern sie einem allgemeineren psychischen Complex 
 angehoren, durch Association moglicherwei.se 2 ) in Beziehung 
 gebracht werden konnen; 2.) diese Beziehung selbst als 
 , Associationsproduct, namlich die Irradiation des Gefiihlstons. 
 Noch deutlicher fast tritt die Vermengimg der Begriffe 
 und das Fehlen einer exacten psychologischen Terminologie 
 iin zweiten Beispiel zu Tage, das von Leibniz iin Anschluss 
 an ein bereits von Locke gegebenes gebildet ist. nur dass liier 
 ein Aveiterer Irrtuin damit verbunden ist, welcher in der 
 Anwendung des Begriffs Association auf eine anders geartete 
 psychische Erscheinung besteht. Die Verbindung der Begriffe 
 Nacht und Gespenst, wie sie sich ini Bewusstsein eines 
 Kindes unter Einwirkung falscher Krzieliung bildet und die 
 durch ihi'e starke Gefiihlsbetontheit auch in seiisibel an- 
 gelegten Krwachsenen nachwirken kann, ist keine Association, 
 sondern eine einheitliche, in ihren Bestandteilen organisch 
 gegliederte Gesamtvorstellung, 8 ) ein verdiohtetes Urteil. wie 
 etwa ,,in der Nacht kommen (iespenster:' Hiervon psychologisch 
 ganzlich verschieden ist der ganz und gar sinnliche Vorgang, 
 welcher darin besteht, dass gewisse Menschen iin Dunkeln 
 Bilder von (Jespenstern erblicken. Der Gesamtbestand an 
 latentcn Vorstellungen ist fiir die Art der Xusainmensetzung 
 dieser Bilder nur insol'ei-n massgeliend. als er Kleinente liefert, 
 aus denen eine derartige Phantasievorstellung (onstituierr ist. 
 
 >) cf. Zichon a. a. O. )>. i:-il ff. 
 
 '-) Dor actuello Eindruck stellt oinc bcstiminte Vorhindiin^ erst her (rf. Winull, 
 Phys. 1'sych. II, 487). Durum wird dio Association von l.ichniaiin mil T'nrci'ht in 
 cino unbewussto ,,conn<.'.\io idcarnin virtualinni" in civilit a. a. O. p. irj). 
 
 '') Uober diosen I-Jegriff der Gt-samt voVHtolliiny cf. Wuudt, M. v. Ts. i>. HH); 
 Phys. Psych. II, 470 ff ; I.oijik, I \>. 2!) IT; (Irnndriss, p. ::nn, nil : .ldl a. a. O. X H7 ; 
 Staude a. a. O. p. 'J04. Nur in dicscm Sinni- kann man auch von wahren odd 1 
 falschen ,, Vorstellungen" rcclc-n.
 
 80 
 
 So konnen (lurch ehemalige Erzahlungen Phantasievorstellungen 
 
 von (icspt'iistern irobildet worden scin, welcho Elemente 
 xu spa'ter aut'tretenden Iliusionon odor llallucinationen licfern 
 konnen. aher ehensoirut kiinnon Klemente aus irgond \\elchen 
 underon Yurstdlm^on ireliefert \vcrden. Was \vir durch 
 Association xu orklarcn habon, ist. \\aruni und \veshall> ^orado 
 dioso bostimmto Illusion odor Hallucination nachtlicherweile 
 iin Bewusstsoin auftaucht. Dor ehemals gebildete Coinj)lf.\ 
 (Nacht (iespoiist) ki'innte alk'iifalls orkliiren, waruni man 
 nachts an don Bo^Htt (Josponst ini aligenieinen dcnkt, smvio 
 man otwa an Kn.^ol. (iutt. u. d^l. -lonkea kTninte, well dicso 
 Ho^rift'o lifters xnsaninion oiiiijoprii^t Avordon sind. Das Auf- 
 tauclii'ii oinos coiicrotcn Krinncrun^sbildes muss oino el) i n>o 
 concroto oinxolno Sinnc'swahrnehmung xur associierenden 
 I'rsachf halion. Dio Dunkolhoit als all^emeinor Zustand 
 herabpeset/ter Lichk'iupfindunij; ho^iinsti^t nur ini liohem 
 Masso das Aiii'iroton von (Josiclits- und Gehorsphantasmon, sio 
 kann it^vclinln^isch trotx oinor vorausgehendcn Agglutination 
 iln'os Hoirrift> mit doni Ho^riff (iosponst niolit als ihro Ursaoho 
 liotraclitot wcrdon. Loihnix howo^t sich hier pinx in dor 
 pupuliiren SpvocliwtMso. an \volchor die Locke - Leibnizsche 
 Autta>siinu dcs Hom'itts N'orstollun^ die ^c-huld tragt. wolchc 
 die \'or.stollunj:on oft in naiver Wei. so mit don Objocten 
 ideiitific-iert. Die Xachr odcr Dunkoliioit als objective! 1 /ustand 
 i>t ja koin Factor, \\clclioi 1 in die AsMx-iation cinizohen kiinntc, 
 M-ndorn >ic i>t psycholo^iscli nur die (icsaintlioit aller xufiillig 
 iin Schfcld lit'ircndcii Voi'stellunirsobjecte l>''i herabge^etzter 
 Liclitfinptindun^. box. die \VnrtvorsteIlung ..Nacht". Alsu 
 auch hicr oi - \voi>t sich da> Leihnixx-hc Schema : a und I) 
 \\aivn tViihoi- associicrt. also orweckt a \>. als falsch an^owandt 
 und dt'ii vorlio^endeii Thatsacheii kcineswc^-s eutsprechond. 
 [)ieses Sc!ii-ina. da> mit der arixtutdisclicn Association des 
 nt;; i, mid <ii-r >p;itei-cn ( 'iintiiruitiit>ass<K'iatio!i ideiiti>ch ist. 
 i>t deniiocli durch dit-M-s Hei>piol uicilcium >chr iilcl illustriei't. 
 l)iesos Sch nia veHaiiLit xiim mindi'>ten. dass allo Kaet<>reii 
 Heu us>tseinsinhalto >ind. Nun fun^ierr die Nacht x\var in 
 dfiii \crdichtetfi! I'l-ti-il. weldics \vir al> (Jesaintvorstcllung 
 boxeichnoten. al> Mejrriffsviirstellun^. in dem au^ doinsellien 
 abfroleitofon p-\ dii>dieii PliiimiiiH-n ji'duch al> ulijcctivf Nadit- 
 xeir. ,i:onau uie ini eixtni Ijeispid das Schielcu 'l)jecti\c 
 Pha'sache \vai\ |)if Anciatii'ii vou Illu>inns- o<lci' liallu- 
 
 ciiiatioiisvipr.-tollungcn i:dit nun aber >ti't> vmi primitron sinn- 
 lichen Kindriickon au-. und diese N'erbinduni:' alloin ist 
 ">. woldii- Assnciatii"! irt'nannt wcrden kann. Kino ein- 
 <li-ini:'!i(ii' p>\'din|,i-i-dn' Analy-c Idirt, dass die hier in 
 Hetracht koniinendeti Krscheiniuii^en VorschmclxtingsproducttJ 
 von Sinn'.-,\valiniehi)iuuirMi und a>sticiiorten
 
 81 
 
 elementen 1 ) sind, ocler besonders lebhafte Erinnerungs- und 
 Phantasievorstellungen, welche in Hallucinationen, d. h. objecti- 
 vierte Erinnerungsbilder, iibergehen konnen. Die Herabsetzung 
 dor Lichtempfindung ist allerdings <lom Spiel dor Association 
 besonders giinstig, da die forrgesetzto doutlicho Wahrnehmung 
 neuer Eindriicko, wie sie bei Helligkeit stattfindet die ropro- 
 ducierten Eindriicko weder besonders intensiv \vordon liisst, 
 noeh Bildung langerer Associationsreihen begiinstigt, indoin dio 
 fortwahrend intercurriereuden Sinnes\vahrnehmungen bereits ge- 
 bildete Vorstellungsreiben unterbrechen und ihrorsoits ziiin An- 
 lass neuer Vorstellungsreihen werden. Wer hat noch nicht die 
 Beobachtung an sicli selbst genuicht, wenn bei Xacht <las 
 dunkle Lichtchaos eines sturmbewegten Waldos anf seine Sinnes- 
 organe einwirkte, wie sich an einen Eindrnck eine Keiho schein- 
 bar ziisammenhangsloser, oft phantastischer Vorstellungen an- 
 roilite ? Die Gestalt '/.. H. ciner knorrigen Fichte kann da xur Illusion 
 oines Riesen werdon, indein gewisse El omen te dos Eindrucks 
 von associierten Erinnerungselementen assimiliert \verden, wobei 
 dann die Illusionsvorstollung als siinultanos Associationsproduct 
 percipiort wird. Beruhen doch im Ictxton (Jrundo die niytho- 
 logischen Yorstellungen des Xaturinensclion, der sich unbofangon 
 seinoni Vorstellungsleben hingiebt, auf dor Wirksanikeit dieses 
 Associationsprocesses, an welchen sich dann die willktirliche 
 Phantasiethatigkeit anschliesst. Selbst die oft ph'itxlicli wech- 
 selnde, scheinbar auf dem willkiirlichen Spiel dor Phuntasie 
 beruhende Anordnnng der Elemente der Associationsvorstellung 
 ist nach den Gesetxen der associative!) Verschmelxung erkliirbar, 
 wie sich selbst experimentell nachwoison liisst-) \Vir konnon 
 die Hosultate dieser Beobachtimgen natiirlich auch auf dio 
 Illusionen. welche nur eine besondere Art von Assimilationen 1 ') 
 reprasentieren. iibertragen. Dor t<-lle, scheinbar \villkiirliche 
 Yorstellungswechsel, wie or sich in einein (lurch Ku relit erregten 
 (Jehirn abspiolt, ist (lurch Association bostinnnt 1 ). abor in anderem 
 Sinne als ihn Leibniz bier auf ^association" zuriickfiihrt. Viol 
 miher kommt or dor richtigen Auffassungsweise in jonor bereits 
 venverteten Stolle, wo or dieselben Erschoinungen auf oin /u- 
 sammenwirken der ,,impressions oxtorncs" und ..intornos- 
 xur tick fiihrt. 
 
 Auf die Bodoutsanikeit dor Assimilation batten wir oben 
 bereits in andoi'otn Zusammenhange, als \-oii dor associative!! 
 Verdeutlichiing die Rode war, hingewiesen und goxcigt, dass 
 einige dor von Leibniz angefiihrtcn Krscheinungen auf die 
 Wirksanikeit dorsolben zuriickzufiihron sind. Ilior wollon 
 
 ') cf. Wundt, Phys. Psycli. II, 527 ff; Ziclion ]>. 1ST ft'. 
 
 2 ) cf. Wundt, Grundriss p. 271. 
 
 :! ) cf. Wundt, Phys. Psych. II, p. 5S2 f. 
 
 ) cf. Jodl V11I, 54.
 
 82 
 
 wir, da os mis in diesem xweiten Capitol hauptsachlich auf 
 die Analyse der Beispielo ankommt, eins derselben anfiihren. 
 welches von Leibnix selbst ini Anschluss an Locke auf die Wechsel- 
 wirkung ilor Vorstellungen, - - denn was 1st Veranderung dor 
 gegehenen Wahrnehmungsdata durch sogcnannte ,,unbewusstr" 
 Urteilo und Sehliisse (cf. Opp. p. 233b)anderes als Association? 
 xuriiekgefiihrt win), obwohl or auch liior logische Reflexionen 
 oininisclit. Das Boispiol ist oinor Keihe von Phanomenen 
 ontnonunon, bei welchon die Association eine iiberaus wichtige 
 Rollc spiolt, niimlich don raumlichen Gesichtsvorstellungen. 
 Ks ist bokanntlicli oin Verdionst der an Locke anschliessenden 
 empiristischen Raumtheorie, 1 ) die Mitwirkung der Erfahrung bei 
 Entwicklung der Raiirnvorstellungen besonders betont zu hahen, 
 worm sio auch in ihrer extrenien Gostalt, welche ihr die spateren 
 englischen Associationspsychologen 2 ) gaben, dieselbe bedeutend 
 iiberschatxte. indom sie sich die Aufgabe stellte, den Ursprung 
 der Raumvorstellung in rein subjectivistischer "Weise allein 
 aus der Beschaffenheit de.s Organisraus und des Bewusstseins 
 ableiten xu wollon, wobei sie docli schliesslich im circulus 
 vitiosus nicht unihin konnte, den Kauni als ebenso urpriingliches 
 Datum \vie v.. \\. eine Farberapfindung anzuerkennen, (lessen sub- 
 jective Beclingungen einzig und allein Untersuchungsobject 
 der einpirischen Psychologic sein kitnnen. AVenn dieselbe den 
 dreidimensionalen Raum als ein Associationsprodiict 3 ) im weitesten 
 Sinno auffasst, so sind docli die mannigfachen Form en von 
 Empfindungen, welche miteinander associiert werden, von 
 Ant'ang an vermoge ererbter psychophysischer Organisation und der 
 Beschaffenhcit der optischen Reixe in extensiver Anordnung ge- 
 geben.'M Suweit die Association als Association von Empfindungen 
 und bert'its entwickelterRauinvorstellungen mit anderon, \vorin die 
 KrfalirunL r be^teht. in Betracht kommt, kann sie nur den un- 
 mitrelbar anschaulichen Inhalt der Gesichtsempfindung voll- 
 stiindi i 'rer und genauer auffassen lehren. Ks gilt dies im Be- 
 snnihT'Mi auch von der diitten Dimension des Raums, welche 
 vcrnn'i^t- der entwi(tklungsgeschichtlich unter Einfluss der Aussen- 
 wclr rnr.-t;unlcii('!i Kxternali>ation des Sehfelds und der Mechanik 
 (!> binocularen Sclicns ebenso ursprtinglich 5 ) in der Wahr- 
 neluniing I:'<.';:<'|I<MI ist. als die beiden anderen Dimensionen. 
 L'M-kf. and Leibin/ 11 ). der sich an ilm anschliesst. haben dem- 
 nach I'ni-ccht. \\IMIII sie die korporlichc Wahrnohmung einer 
 
 I cf. Wiin.lt, I'liy-. I'-y.-li. II L'2s ff. 
 
 ) .-f. .In, 11, V HO; I'.Tri a. n. ( ). 17J ff, 32! ff. 
 
 5 i i'f. Wun.lt, M. 11. T~. p. I.'iH. 
 
 'I .'f. Wu.M.ll, I'l,y-. l'~\c\,. II 2-.Mt; I.,..rik I, \>. :.U; .I...11 V llif, f; 1X23; Kiilpe 
 
 ! ?-,f. Xi"h.-n p. :_'. 
 
 > '',. .I...tl V i:,y - i:,!<. Wun.lt, Thy-. I'syrli. !I 223, Anm. 7; M. u. Ts. p. 175 f f ; 
 (trmi.lri-- p. 1.,.", Antn. 
 
 ') cf. Opp. p. -^.', ),.
 
 83 
 
 Kugel als solche aus der Reproduction anderweitig gemachter 
 Erfahrungen, worunter wohl Tastwahrnehmungen zu verstehen 
 sind, ableiten. Die meisten Vertreter der neueren Psychologie 
 haben diese lango herrschende Ansicht, welcher gomiiss die 
 optische Vorstellung der Korperlichkeit durch den Tastsinn ge- 
 liefert werden sollte, aus verschiedeuen zwingenden Griinden 
 aufgegeben. Die optische Vorstellung der Korperlichkeit muss 
 aucli optisch erklart werden, well ganz unbegreiflich wiire, wie 
 ,,unbewusste L ' Urteile mid Schliisse auf Grand des Tastsinns 
 der sinnlichen Wahrnehmung des Auges etwas hinzufiigen 
 konnten. - - Aber nichtsdestoweniger spielt die Association als 
 secundarer Factor 1 ), zwar weniger von Tastwahrnehmungen, 
 sondern optischer Bilder, bei Wahrnehmung der Korperlichkeit 
 eine bedeutende Rolle, dann mimlich, wenn vermoge der Be- 
 dingungen des binocularen Sehens die directe optische Tiefen- 
 wahrnehmung ausgeschlossen ist, d. h. bei entfernten Objecten, 
 oder auch wenn wir fliichenhafte Gernalde perspectivisch deuten. 
 Letzterer Punkt ist von Leibniz in den X. E. (cf. Opp. p. 283 b) 
 auseinander gesetzt worden. Eine gewisse Anordnung der 
 Schatten und Farbentone ist in unserem Bewusstsein associiert 
 rnit bestimmten raumlichen Verhaltnissen, sei es nun, dass sich 
 diese Association unter Einfluss des binocularen Sehens naher 
 Gegenstande allein, sei es auch unter Mitwirkung von Tast- 
 empfinclung, Bewegungen u. s. w. entwickelt. Daher vermehrt 
 die Vollenclung, mit der z. B. in einem Gemiilde Lichtverteilung 
 und Farbenton nachgeahmt ist, die Sicherheit, mit der riium- 
 liche Elemente reproduciert und mit ihm zu einer simultanen 
 Yorstellung verschmelzen. Nur darin hat Leibniz Unrecht, 
 wenn er diesen Vorgang, hierin Locke folgend, cinen Urteilsact 
 nennt, bez. eine Urteilstauschung, und in Vergleich bringt mit 
 mogiichen oder unmoglichen Ansichten iiber das Verhaltnis 
 von Seele und Korper. Wenn uns ein Bild mehr ist als em 
 blosses Bild, indem wir uns sozusagen /. B. in eine dargestellte 
 Landschaft selbst hineinversetzt fiihlen, so beruht das nicht auf 
 einer Verwechslung von Ursache und Wirkung, Begriffe, die 
 hier iiberhaupt ihre Anwendung verbieten, sondern wir sehen 
 thatsaclilich mehr, als das Bild, dessen Strahlen uns aft'icieren, 
 namlich eben die Yorstellungselemente ehemals wirklich ge- 
 sehener Landschaften, die durch den primaren Eindruck associiert 
 werden, ohne dass es uns freilich, wie iiberhaupt meist bei den 
 simultanen Associationsproducten, moglich wiirde, primiire und 
 secundare Elemente des Eindrucks zu scheiden. Leibniz spricht 
 hier so, als giibe es iiberhaupt keine reproductiven \'orstelliingen, 
 wenn er die Mitwirkung der Yorstellung des Gegenstandes VDII 
 dessen objectiver Existenz wahrend der Dauer des Anblicks 
 
 ') Wundt, Pliys. Psych. II, 221 ff, firundriss p. 270; M. u. Ts. p. 3 
 IX, 28 - 36.
 
 84 
 
 des Bildes abhangig macht, welch' erstore doch iibcrhaupt ohne 
 jede psychologische Bedeutung ist. Audi 1st es kehwswogs 
 ni'tig, damit uns eine perspectivisch gemalte Landschaft korper- 
 lich erscheine. dass \vir vorher ebon diese bestimmte Landschaft 
 erblickt liabon, welehe nun brim Anblick des Bildes reproduciert 
 wiirde. Violmehr reproducieren die gomalten perspectivischen 
 Verhaltnisse nur die allgemeinen Raumschemata, welehe sehr 
 vielen eheinals aufgenommenen raumlichen Gesichtsvorstellungen 
 angehoren. So kann eine genialto Phantasielandschaft, xu \velcher 
 nie auch nur annahernd eine Originalvorstellung in nns existiort 
 hat. dcnselben perspectivischen Kindruck hervorrnfen als ein 
 Bild einor ehemals von uns wirklich gesehenen Landschaft. 
 Audi ist es keine Urteilstauscliung, wenn deniable in uns 
 perspectivischen Kindruck hervorrufon. Wir glauben nicht, dass 
 wir korperliche Verhaltnisse sehen. sondern \vir sehen tliat- 
 sachlich eben vernn'ige der zwangsmassigen Association korper- 
 liche Verhaltnisse. Soweit wir uns in Bexug auf dieselben 
 urteilend verliaiten, wirkt das Urteil nieist nicht tauschend, 
 sondern viehnehr rectificierend. insofern wii- uns bewusst sind. 
 es nicht init wirklichen korperlichen ()l)jecten xu thun xu haben. 
 L)er zwangsiniissigen Association als soldier konnen wir uns 
 trotzdem so wenig entledigen als dcr Hund. deni sein Spiegel- 
 bild geradc soviel bedeutet, wie eine directe Wahrnelimung 
 eines anderen Hundes. Leibnix urtcilt in irewissein Sinne an 
 anderer Stelle (Opp. p. 4!>7a) richtiger \\enn or sagt ,.Les sens 
 e. \trri t.Mirs ne nous tro?npent point, c'est notre sens interne, qui 
 nous fait allor trop vite." AVas in (lurch Association veriindert(M' 
 (iestalt \vahrgenominen wird. ist als solches weder wahr noch 
 falsdi. sondern oinfach psychisdie Thatsache. Solangc wir 
 nui 1 \\ahrneliinen. urtoilon wir nicht, konnen uns also auch 
 nicht tauschen. Die Mi'iglichkeit (Us Irrtums liegt erst vor. 
 wi-iin del- Wahrnehmnngsinhalt Erkenntnisobject wird. wotici 
 dann ain-r dui'di fni-twiilironde gegenseitig<' Corroctur der 
 Walirnehmnngsinhalto diese Mr.irlidikoit iininer geringer wird. 
 \\cnn |j-ili;iix tp'txdoin der Wahrndiinung als solchen den Irr- 
 tuin aiifxubiirdcii -udit (il cst done vrai que les apparences soiit 
 s'iivent- (tontraii'cs a la vcrito. niais notre raisonnement ne IVst 
 janiais. !prs(|i!'il cst exact et confonno au.\ regies de Fart do 
 raUonnrri. S o i>t >la> lotxten Kudos in seiner A.uffassiing 
 dei- ['.rkenntnis begriindot. wolche aus den angoborenon ewigon 
 \\ahrhcjton In^tcht. die uir in nns nur xu ontdookon brauclien 
 '""i dop'n Inh.alt verm.i^e der praostabilierton Hannonie, ohne 
 
 t dej- Kliniinatinii >ubjoctivor Bestandteile bodiirfto. 
 
 \irklichen Bexielmn.iron der < )bjocte iibereinstiinmt 
 veram in ii'ihis esse nihil aliud est (jiiain Deuin, 
 -iMini et mentis, cam nienti facultatem cogitandi 
 iinprfcs<i--e u; e.\ sui> operatiunibuseaducerepossit, quae perfecte
 
 85 
 
 respondeant his, quae seqimntur ex rebus. -- opp. ed. G. VII. 
 p. 264), wahrend, wie wir im vorigen Capitel ausgefiihrt haben, 
 das Denken die psychische Function ist durch welche wir ganz 
 allmahlich und langsam die objectiven Beziehungen der Er- 
 fahrungsinhalte aus den subjectiven, in welclie sic durch 
 die Association gebracht wurden, aussondern, urn in einem fort- 
 wahrenden Kampf mit neuen Erfahrungen ein jedesmal nur 
 relativ widerspruchsloses Erkenntnisganzes zu gewinnen. Wir 
 finden auch hier bestatigt, dass Leibniz unterseinen ,, consecutions 
 de perceptions, qui imitent le raisonnement", die or auch zur 
 Erklarung dieser Erscheinung heranzieht (cf. Opp. p. 497 a), 
 doch etwas mehr versteht als unsere associative Yerkniipfung. 
 Ein Tier ist keiner falschen Beurteilung einer Wahrnehmung 
 fahig wie ein Mensch. Yersagt der Mechanismus einer ge- 
 laufigen Association infolge der objectiven Bedingungen, so 
 reagiert das Tier, beispielsweise, urn mit Leibniz zu reden, der 
 Hund, der sein. Bild im Spiegel anbellt, mit Yerdutztheit, bis 
 das neue Yerhaltnis eben auch zu einem gelaufigen geworden 
 ist. Der ,,sens interne", den Leibniz fiir falsche Beurteilung 
 einer Wahrnehmung verantwortlich macht, ist thatsachlich eben 
 eine falsche vorschnelle Beurteilung eines unerfahrenen Yer- 
 standes, welcher das, was blosses Product der Association ist, 
 so die Wahrnehmung eines fernen, in Wirklichheit viereckigen 
 Turms als rund (Opp. a. a. 0.), da das (lurch die dazwischen- 
 liegende Luftschicht hervorgerufene Ineinanderfliessen von Licht 
 und Schatten einen continuierlichen Uebergang zwischen beiden 
 herstellt, welcher fiir uns mit der Yorstellung einer gekriimmten 
 Oberflache associiert ist, objectiviert, weil er nicht alle Factoren 
 in Rechnung gezogen, welche diesen Schein hervorrufen konnen. 
 Demi den Turin rund sehen und urteilen, dass er rund sei, ist 
 sehr zweierlei. Leibniz schiebt hier den sens interne, welcher 
 iibrigens sonst entweder mit dem lumiere naturelle selbst, 
 welches die ewigen Wahrbeiten liefert (cf. Opp. ed. G. Yl. p. 
 488 ff.) oder mit der imagination 1 ), der vergleichende und 
 unterscheidende Fahigkeit zugeschrieben wird und die sonach ge- 
 wissermassen einen Yerstand niederen Ranges reprasentiert, 
 identisch ist, zwischen Wahrnehmung und Verstand nur ein. 
 u m letzteren von der Moglichkeit des Irrtums freisprechen zn 
 konnen. 
 
 Ke lire n wir zu den in dem Capitel ')>> der N. lv II ge- 
 nannten Beispielen zuriick, so finden wir eine ganz iihnliche 
 Yerwechslung der associative!! Verbindung xweiiM 1 Bewusstseins- 
 inhalte und ihrer logisch bezogenen Verkniipfung, wie im 
 zweiten, im dritten der von Leilmiz angefiihrten Beispielo. 
 Gewiss hat die Zahl 13 mit dem Sterben objectiv nichts zu 
 thun, aber der Abergliiubische. der sie verkniipt't setzt sie 
 
 !) cf. Opp. ed. G. VI. p. 501
 
 86 
 
 ebon doch in ein Yerhiiltnis causaler Abhangigkeit. Eine 
 derartigo A'erbindung 1st koine Association, sondern, wie in 
 jenem Kallo. oin verdichtetes Urteil, wenn aucli ein falsches. 
 Allerdings kann dieses die Grundbedingung einer Association 
 worden. Die Vorstellung der /aid 1.'! kann als Wortvorstellung 
 die \Vortvorstellung Tod odor Stcrben, utid diese dann wieder 
 init ihr verbundene Erinneriingsvorstellungen, z. B. die Ge- 
 sichtsvorstellung einer Loiche, Vorstellung der Kiilteompfindung 
 bei Beriihning derselben und dgl. hervorrufen, sehr gefiihls- 
 starke Vorstellungen, welche eine beunruhigende Wirkung 
 dinch ihre blosso Anwesenheit ini Bewusstsein ausiiben konnen. 
 oliwold der Betreffende aufgekliirt sein mag. Diese rein 
 mechanische Aneinanderreihung der Vorstellungen ist aber 
 von einer ehenials ini Bewusstsein vurhandenen logisch bezogenen 
 Vorbindung nieht unterscliieden. Diese sowohl wie die durch 
 sie mitbedingten blossen Reproductionen lieissen gleicherweise 
 Association, wiihrend sich doch diese xn deni logischen Wert 
 einer Vorstellungsverbindung ganx und gar neutral verhiilt. 
 
 1m vierton Leibniz'schen Beispiele ist die Association in 
 ahnlicher Weise beteiligt, wie ini ersten, nur haben wir es 
 bier niit einer ausgepragten psychischen St(rung zu thun, 
 ebenso wie ini let/ten, der von Leibniz angefiihrton Beispiele. 
 Die Verbindung der Wortvorstellung ,,Praesident" init dem 
 Conijtlex aller Eleniente der [clivurstellung ist hier miter Ein- 
 fluss gesteigerter Erregbarkeit eine dermassen enge geworden, 
 dass die Wortvorstellung P . . . , ganz gloicb, in welchem 
 logiscben Zusaramenhang sie vorkommt, sofort die complexe 
 Ichvorstellung reproduciert. Man nennt bekanntlich derartige 
 ausgeschliffene Associationen fixe Ideen odor /wangsvor- 
 stellungen. Der logiscbe Process der Vorstellungsverbindung 
 wird liicriiuirin | uert durch eine abnorme Associationsverbindung. 1 ) 
 liidi-s bcstdit aucii hier ein wesentlicher Unterschied-) zwischen 
 der assuciativen \'erkniipfung des AVorts init dei 1 (lurch dasselbe 
 l)ezeichneten Vui'stellung und der bewusst willkiirlichen Ver- 
 kniipl'uiiL r lieider. .Die Complication einer Vorstellung niit dem 
 Sprarhhut. weh.-he wir hier der Erklarung des angeftihrten 
 I'liiiin'iijt-ns zu (Jrunde- gelegt baben, Itesteht als eine rein 
 tliat>;ich!iche. ein A^'regat. in un.serem Bewnsstsein, welches 
 ebciixi^ut in <\tT Scclc cines Tieres besteben krmnte, und 
 der Sccle eines dressiertcn Hundes besteht, 
 Wui't bin eine ganz bestimmte Vor- 
 Ilandlung ausliist. Davon verschieden, 
 ennn<rlid)t, ist die Verbindung, welche 
 und \'(>rstellung herstellt. Sie ist 
 M'tind hlosser Coexistenz, sondern 
 
 'i f. Wiin.lt, M. n. Ts. p. :((:.. 
 
 ) cf -Jo. 11 X. I*, 47, 51, ;,b. Wun.lt, Logik I, 31 It. Phys. Psych. II, 452, 477 f.
 
 87 
 
 Product einer Synthese, welche das Wort zur Vorstellung in 
 ein bestimmtes Verhaltnis, namlich des Zeichens zum Be- 
 zeichneten bringt. Wird diese Verbindung im entwickelten 
 Denken so vorgenomnien, dass das Wort in einem jeweilig ge- 
 gebenen Zusammenhang Vorstellungen vcrtritt. welche durcli 
 denselben nicht streng logisch bedingt sind, so ontstoht Irrtum, 
 wolcher allerdings dadurch, dass (las Wort mit vorschiedenen 
 oft disparaten Yorstellungen in associativoin Zusammenhang steht, 
 erleichert wird. Doch sind die Tauschungen, welche auf diese 
 Weise dem Denker entstehen, gun/ verschieden von der hier 
 beschriebenen Erscheinung, welche darin hesteht, dass sich 
 innerhalb eines Gedankenzusammenhangs an ein Wort eino 
 ganzlich fernliegende Association kniipft und sich dauernd im 
 Bewusstsein behauptet, ja sogar zu Handlungen fiihrt, wie sie 
 hier von Leibniz beschrieben werden. Die Willensthatigkeit, 
 welche im normalen Yorstellungsverlauf die von einem Worte 
 ausgehenden Associationen in geregelte Bahnen lenkt, ist hier 
 sistiert zu Gunsten der ganzlich passiven Association. 1 ) A Venn 
 Leibniz sagt: ,,Et c'est un cas des plus ordinaires des asso- 
 ciations non-naturelles, capables de tromper, celles des mots 
 aux choses, lors meme qu'il y a de lY-quivoque", so konnen 
 wir hierin nur eine Erklarung der Moglichkeit logischer Irrtiimer 
 erblicken. Beispiel und Erklarung fallen auseinander. Die 
 willkiirliche Verbindung zwischen Wort und Vorstellung, welche 
 darin ihren Ausdruck findet, dass das erstere mit dem Be- 
 wusstsein eines blossen, eine grosse Zahl von Einzelvorstellungen 
 vertretenden Symbols gebraucht wird, ermoglicht einerseits 
 erst allgemeingiiltige Aussagen, aber ebenso leicht auch die 
 fehlerhafte Verbindung von Wort und Vorstellung. Die wahre 
 associative Verbindung zwischen Wort und Vorstellung hatte 
 Leibniz in seinen sprachphilosophischen Erorterungen verwandt. 
 Er bezeichnete sie dort als ,,rapport entre les choses et les 
 sons et mouvements de la voix' w . Diese associative Verbindung 
 besteht indes auch da, wo keine Association venvandter Vor- 
 stellungen mehr vorliegt, auf Grund der Gleichzeitigkeit, welche 
 Leibniz im Auge hat, wenn er Opp. p. 40H b von den paroles 
 spricht, qui reveillent en nous des idces y attachees par la 
 coutume, welche aber doch verschieden ist von dem Vorgang, 
 welcher darin besteht, dass beim Sprechen und Denken von 
 den verschiedenen Vorstellungen, welche ein Wortassociativ hervor- 
 ruft, diejenige ergriffen wird, die in den Gedankenzusammen- 
 
 ') Wird in irgencl einem Gedankenzusammei 
 einer Vorstellung verbunden, welclio '1cm Zusanime 
 so konnte auch ein Gedankenzusammenhang 
 bezoichnen. Doch ist diese Erkliirun^ hier woh 
 allenfalls noch, dass der Minister, obwolil er sicli d 
 vollbewusst war, aus Eitelkeit da/u veranlassl 
 Gebrauch des Worts in einem gewiasen Zusamme 
 
 s rntorschieds der IJe/ 
 orden soin kc'innte, ji' 
 hange einzuschreiten.
 
 88 
 
 hang passt. "NVas Leibniz allgemein als association non-naturelle 
 des mots aux choses bezeichnet, ist aher offenbar jener ideelle 
 Zusanimenhang von Wort und Begriffsvorstellung, nicht die 
 .Complication von Sprachlaut und Vorstellung durch gewohn- 
 heit-smassige Vcrkniipfung beider. Sofern der Sprechende 
 init einem Worte eine Vorstellungsgruppe selbst bezeichnet 
 und von anderen bezeichnet \vissen will, liegt nicht inohr blosse 
 Association vor. donn diese reproduciert nur mit dem Laut 
 eine einzelne Vorstellung nnd unigekehrt. Uer subjective Be- 
 wusstseinsxustand ist hior immer massgebend. Wir miissen 
 unterscheiden, oh Wort und Vorstellung cinander in passiver 
 Weise sollicitieren, oder oh das Subject beide in das Verhaltnis 
 des Zeichens xuni Bezeichneten bringt. Beides ist natiirlieh 
 ineist verbundon. aber psychologisch miissen beide Seiten ge- 
 trennt werden. Leibnix hat dies, wie wir in unserem erstm 
 Capitel auseinandergesetzt, nicht getlian. Wenn er bemerkt, 
 dass dei- Mensch das verbinde, was er xusammen bemerkt hat, 
 so ist dieser Satx psychologisch zweideutig. Wenn wir einen 
 Associationsvorgang vor uns haben. rerbindet der Mensch, 
 suwpnig wie das Tier, Bewusstseinsinhalte, sondern ,.es" ver- 
 binden sich Bewusstseinsinhalte. 1m Monschen erhebt sich aber 
 iiber den Reproductionen der xweckthatige Wille. 
 
 Fassen wir die gewonnenen Krgebnisse der Analyse der 
 Beispiele noch einmal xusammen. so diirfte sich ungefahr 
 Kolgendes ergeben: 
 
 1.) Leibnix sondert die Associationen nicht streng von 
 gewissen Verbindungen der A'orstellungen, welche nicht asso- 
 ciativer. si.ndorn apperceptiver Xatur sind. Es sind vorxugs- 
 weise gewisse enge apperce{)tive Verbindungen, die Leibnix 
 noch mit Association bezeichnet, welche man mit Wundt im 
 w(-ite>t'n Sin ne als Gesaratvorstellungen 1 ) bexeichnen kann. 
 Danmter sind xii verstehen Complexe von Bewusstseinsinhalten, 
 deren Tfile nicht in i-oin iiusserlicher. a ul' den Bedingiingen 
 der Aehnliohkeit .xler Beriihrung berulicnden Verbindung. 
 ^>ndern im \'erh;iltnis irgend einei- logischen Bexiehung 
 steh*.-n, p-wi>sermasMjn verdichtete Urteile bez. Vorurteile dar- 
 stellen. BereitsIIissmann hatte diese notwendige rnters(!heidu!i^ 
 frkannt. wenn er als Appendix xu seiner (iesohiehte der 
 Ideenassoeiation eim- lietrachtung iil>er den ("nterschied der 
 ..xii>ammenge>etxtt'ir und ,,associierten %> Be^riffe anstollt. K^ 
 
 lu<isst !M ' ''"'i !' loSff.: Aus diesen Betrachtunuvn 
 
 '' ;l >- alii- uiix-rr xiisammengosetxten Begriffe associierte 
 \ >r>tflluni:en >in<!. Alter das Charakteristische der zusaramen- 
 g'-t'txffn li.'-ritfc hcMcht in der Vereinigung der As.Nociationen 
 in ein (-iiiziires Manxes. Bei associierten Begrillen sieht man
 
 89 
 
 die einzelnen Begriffe, die miteinander verkniipfet sind, als stets 
 von einander getrennte, von einander unabhangige und als 
 verschiedene Ideen an. Hingegen die einzelnen Stiicke einer 
 zusammengesetzten Idee denken \vir uns als verbundene Be- 
 standteile einer einzigen Idee. \Vir denken sie tins als einfache 
 Ideen, die aber alle zn einem einzigen Begriff, zu einein Ganzen 
 gehoren: u und p. 127 : ,,Auf der anderen Seite ist die richtige(!) 
 Bildung solcher zusanimengesetzter Begriffe, die nio das blosse 
 "VVerk sinnlicher Eindriicke, sondern eigner Geistesarbeit sind, 
 das ausschliessende Eigentum des Mamies von Kultur usw:' Wenn 
 er p. 137 sagt, class jener Unterschied nur (lurch das ,,iunere 
 Gefiihl" wahrgenommen werde, so entspricht das einigermassen 
 den Unterschieden, die Wundt 3 ) zwischon Associations- und 
 logischenGefiihlen, bez.-Passivitiits und Activitatsgef iihlen statuiert. 
 Dabei sind natiirlich die Gesanitvorstellungen des Aberglaubischen 
 - nach ihren psychologischen Entstehungsbedingungen - - auf 
 kerne Weise verschieden von denen des aufgekliirten. unbe- 
 fangenen Menschen. Erst die Motive der denkenden Gliederung, 
 die natiirlich von sehr verschiedenem logischen, psychologisch 
 aber gleicbgiiltigein Weil sind, bedingen die Verschiedenheit 
 im logischen Sinne. Einzig und allein die psychologische Art 
 der Yerbindung der Bewusstseinsinhalte bedingt den Unterschied 
 der Gesamtvorstellungeii und Associationen, der in hoherer 
 Potenz auch in dem Unterschied dei' logischen Verbindung der 
 Urteile und der Association von Urteilen \viederkehrt. Die 
 Bestandteile der Associaton liegen nebeneinancler gemiiss den 
 natiirlichen Entstehungsbedingungen der Yerbindung, diejenigen 
 der Gesamtvorstellung stehen zu einander im Yerhaltnis logischer 
 Gliederung, die vom Subject erst hereingebracht woi'den ist. 
 Die Yerbindung (Nacht Gespenst) wiire eine blosse Association, 
 Avenn beide Bestandteile auf Grund blosser Contiguitiit fest- 
 gehalten und reproduciert Aviirden, sie ist aber eine Gesamt- 
 vorstellung, sofern der zweite Bestandteil als Charakteristicum 
 des ersten und umgekehrt aufgefasst und diese Beziehung 
 gieichfalls vom Gediichtnis bewahrt \vird. Das mechanische 
 Gedachtnis bewahrt allein die Eindriicke nach Verbindung 
 durch Contiguitiit und Aehnlicheit, auf Grund deren auch die 
 spatere Reproduction erfolgt. Aber weder geniigen diese He- 
 ziehung allein. urn die Bestandteile einer Association /.u ein- 
 ander in em begriffliches Yerhaltnis zu setzen, \vie \vir es 
 in der Gesamtvorstellung, Avelche vom iudiciiisen uder logischen 
 Gediichtnis 2 ) festgehalten \vird, vorgefunden hahcn, nnch kann 
 dieses selbst Association heissen. Notwendiger Weise muss 
 aber diese Ungemiuigkeit eintreten, wenn die Association von 
 Leibniz und Locke als das Aneinanderhaften der Vurstellungeu 
 
 ') cf. Wundt, Phys. Psych. II, -462, 47^ f. 
 2 ) cf. AVundt, Phys. Psych II, 494.
 
 90 
 
 im Gediichtnis aufgefasst wird. Das letztere bewahrt ja, bildlich 
 gesprochen, nicht nur die Beziehungen auf, in welclie die Vor- 
 stellnngen nur vermoge objectiver Bedingungen treten, sondern 
 auch diejenigen, welche durch das Denken erst hergestellt 
 worden sind. Aber iin Gediichtnis verschwindet eigentlicb 
 der Unterscbied der associativen und apperceptiven Verbindungen 
 in deni allgemeinen Begriff der psychophysischen Aufbewahrung 
 der Inbalte. Kedet man von mechanischem und logiscben Ge- 
 diichtnis, so kann das nur gescliebeu iin Hinblick auf die Form, 
 die die Verbindungen batten, als sie actuell waren, bez. in 
 der sie spiiter wieder auftreten. Aber ebon weil dies der Fall 
 ist, weil der Begriff Gediichtnis weiter nichts besagt als das 
 psycbopbysisclie Beliarren der Inbalte, obne das damit auch 
 schon eine Beziehung zwischen ihnen bpstande, kann der Be- 
 griff Association nur vom Zusammenhang actueller Vorstellungen, 
 der iiberhaupt alleiniger Gegenstand psychologischer Betrachtung 
 sein kann, verstanden werden. Unter diesem Gesichtspunkt 
 sind viele Fiille des beigebrachten Aneinanderbaften der Vor- 
 stellungen als Gesamtvorstellungen, welche immer in Urteils- 
 acte auseinandergelegt werden konnen, zu bezeichnen, so in 
 unserem 2., 8. und 5. Beispiel, die Verbindung der Begriffo 
 Tag und Naclit. Materie und Sein (bei Locke), und iiberhaupt 
 alle beobachteten Zusaramenbange, sotern dieselben als bewusste 
 Regeln den Menschen leiten. In alien diesen Verbindungen 
 wird eine im Bewusstsein gegeuwartige Wahrnehmung als 
 etwas Bestimmtes bezeicbnet eine andere Vorstellung als mit 
 ihr verkniipft oder in ihr enthalten ins Bewusstsein gehoben 
 und eines durch das andere verdeutlicht. 1 ) Man kann Lockes, 
 und selbst Leibnizens Definition der Association ebensogut auf 
 die logischen Vorstellungsverbindungen iibertragen, denn im 
 Urteil setxt doch der Mensch xufallige v<n aussen gegebene 
 Inhalte. welche er xusammen bemerkt hat, in Bexiehung und 
 was die Gewohnheit betrifft, so ist bekannt. dass aus ihr unsere 
 Denkverbindungen erst Festigkeit empfangen. Werden sie im 
 Gediichtnis als Gesamtvorstellungen festgehalten, so bleiben sie 
 doch nichtsdestoweniger in ihrer t^igenart bestehen und kommen 
 l>ei der Reproduction auch in dieser zur (reltung, obwohl 
 natiirlicb jede Gesamtvorstellung auf einer Association ruht, wie 
 dies u. a. auch bei den Gesamtvorstellungen der Fall ist. welche als 
 (rj-undlage der Krwartungs u rte i 1 e des Menschen dienen und 
 die von den associative!) Complexen der Tiere, welche keine 
 l.'rteile. sondern nur associative Aneinanderreihung zur Folge 
 habcu, xu trennen sind. 
 
 '_'.) In anderen i3eisj)ielen habeu wir s allerdings nur 
 mit Associationen xu thun, aber freilich mit ziemlich complicierten 
 ProdiK-t^n vtin Associationsprocessen. Natiii'lich kinneu wir 
 
 ') <:f. J'.dl a. a. O. X 67.
 
 91 
 
 eine abnorme Gefiihlsreaction, die mit einer Gesichtswahraehmung 
 verbunden ist, nicht selbst Association nennen, well die Ge- 
 sichtswahrnehmung psychologisch nicht cler ausreichende 
 Grund gerade dieser Reaction ist, andernfalls vviirde, wie be- 
 reits bemerkt, der Begriff Association iiberhaupt seine Be- 
 deutung als Erklarungsbegriff verlieren. Wir batten, iin ersten 
 Beispiel das fehlende Mittelglied in einer Aebnlichkeitsassociation 
 erkannt, welche zur Ursache der Irradiation des Gefiiblstoiis 
 wurde. Im vierten Beispiele ist die Ursacbe derselben eine 
 sinmltane Association disparater Vorstellungen, eine sogenannte 
 Complication, bier eine Verbindung eines Gesichtsbilds mit einer 
 reproducierten Tastempfindung. Es liessen sicli nocb mannig- 
 fache Beispiele atis dem Leben bierfiir aufiihren : ,,So erweckt 
 dor Anblick einer scbart'en Spitze, einer rauben Oberflache, 
 eines weichen Sammetstoffes die entsprechendenTastempfindungen 
 in nicht zu verkennender Deutlichkeit. Aehnlich konnen sich 
 Gehorseindriicke mit Tast- und Gemeinempfindungen verbinden, 
 wie denn z. B. sa'gende Gerausche manchen Menschen durch 
 die begleitenden Empfindungen unertraglich sind. ... Ja 
 nocb mehr, schon die drobend emporgeliobene Scbusswaffe, 
 der geziickte Dolch, wenn sie nicbt einmal gegen uns selbst 
 gerichtet sind, oder wenn wir, wie in dem Theater, \\issen, 
 class die Flinte nicht geladen ist, wecken nocb i miner ein 
 schwaches Phantasiebild am eignenLeibe. In dieseiiErscheinungen 
 liegt eine rein sinnliche Quelle unseres Mitgefiihls an Scbmerz 
 und Gefahr anderer." 1 ) 
 
 Wir verlassen dieses Capitel, dessen /week war, durch 
 Analyse der Beispiele, die zu diesem Behufe uns nicht ent- 
 bebrlicb zu sein scbien, zu zeigen, dass Leibniz' Begriff der 
 Association, wie derjenige Lockes, doch nocb an grosser psycbo- 
 logischer Unbestimmtheit 2 ) leidet und wenden uns zu der 
 Frage, in^vieweit Leibniz Stellung genommen hat zu den so- 
 genannten Associationsgesetzen. 
 
 ) cf. Wundt a. a. O. II, 448-449. 
 
 '-') Ferri hat cliese Unbestimmtheit des altesten Associationsbeg riffs nicht zur 
 Geniige liervorgehoben. Bouillier bemerkt in seiner Kritik Ferrisclien Arbeit mit 
 Recht, dass sich dieser iiber seine ,,preeurseurs" xu kurz fasst (of. Ferri a. a. 
 O. p. 356).
 
 III. 
 Associationsgesetze bei Leibniz, 
 
 Wenn Barchudarian behauptet, 1 ) dass in Leibnizens Schriften 
 
 nirgends eine Aeusserung iiber As^ociationsgesetze zu finden 
 sei. so hat or damit entschieden t'nrecht Xur soviel 1st richtig, 
 dass Leibniz die (iesetze dor Association nicht xuni besonderen 
 (.iegenstand eingehender Untersuchungen gemacht hat, sowonig 
 als Locke. Erst dor Systematiker der Leibnizschen Philosophie, 
 Christian Wolff, hemiihte sich. hcstimmtere Anschauungen iiber 
 die Association der Vorstellungen xu irewinnon tind Loibnixens 
 Intentionon in dicsoin I'unkto weiterzufiihren. Es lasst sich 
 nicht leu^non, dass Wolff Leibniz hior in dor That weitergefiihrt 
 liat. aber \\enn or violfach als dor orsto bexoichnet wird, der 
 das Aufreninerk in Deutschland auf dio Association richteto. so 
 widerspricht das schon dor von mis iihorall festzuhaltenden 
 Voraussetxiinir. dass Loibniz dor ('ninoll ist, aus dom Wolff 
 sch()|)ft. In dcr That findon wir das Wolffscho Associationsgesetz 
 boi Loibniz vor, nnd dai'inn l>loil>t cs inorkwiirdig, \vio Dossoir,-) 
 dor dioso Tliatsacho anorkonnt. tmtzdoni auf don viol fornor- 
 lic^ondon Malebranche als nn");licho (Duello zuriickgreifen kcmntc. 
 Wolff solbst. orwahnt allordinirs dii> Prioritiit Leibnizens nioht. 
 violmohr wollto or dioso dun-bans ihm ^'.irf'iiiibor fiir sich in 
 Anspruch nohinon.-' 1 ) AIT ebon dai'iiin ^ilt von ihin nicht, 
 was von Hume in trewi^som Sinno ^olton kann. 1 ) dass or das 
 Associationsirosotx ctwa seH)stiindii: p-fnnden babe, eino 
 Moglichkeit dio Dessoir innner noch offon liisst. Iin (fogonteil 
 irlaubon \vir nichr ohno Berechtigung sairen xu kinnon, dass. 
 wio. Hume in England, so Leibniz in Deutschland dcr l.'rhebcr 
 der Associatioiisgeset/.o wurdc. .Ja viollcicht auch darin gleichen 
 sich lieidc. als auch Leibniz s(.-in Associationsgesetz keincm 
 soincj- Voririinger dii'oct vci'dankt. I>a die aristotelischen 
 
 : ) a. a. (>. ,,. :(;. 
 
 -> cf. Dessoir :i. ;i. '>. ]( . 3II-J :tll' ,,!)! .\^-,Mci:iti..n.-iy 1 'h..](,,..i,.-." 
 
 J ) <[. Dessoir :i. a. O. J). :iU7 aOS. 
 
 *) cf. Lit-biiiann a. a. O. p. 438.
 
 93 
 
 Association sregeln der Aehnlichkeit and des Contrasts als solche 
 bei ihm nirgends nach\veisbar sind, \verden wir don Schluss 
 nicht verraeiden konnen, dass Aristoteles auf Leibniz hior nicht 
 bestimmend gewirkt hat. Ueberhaupt 1st es merkwiirdig, wenn 
 auch erklarlich, dass Leibniz bei seiner Hochschatziing des 
 Aristoteles 1 ) dessen hochentwickelter einpirischer Psychologie, 
 die von Siebeek ins rechte Licht gesetzt wordon ist, nicht 
 mehr Beachtung geschenkt hat. Wir finden /.war die allge- 
 meinen Categorien der aristotelischen Psychologie, jenes psycho- 
 logische Erbgut des classisclien Altertums, auch bei ihm 
 gn'isstenteils wieder, aber eine Stellungnahme zu Aristoteles' 
 feinsinnigen Bemerkungen iiber Gedachtnis, Reihenreproduction 
 usw. tritt nirgends hervor. Leibniz war eben im (}egensatz 
 zu dem ntichternenBeobachter Aristoteles vorwiegend speculativer 
 Philosoph, der sicli nur das assimilierte, was zu seinen meta- 
 physischen Theoremen in irgendwelcher Beziehung stand. 
 
 Ferner findet sich das Leibnizsche Associationsgesetz in 
 dieser Form weder bei Hobbes noch bei Locke, nur Spinoza 
 und Malebranche konnten als Quelle in Betracht kommen. Wie 
 dem auch sei, jedenfalls ist Leibniz derjenige, der den Anstoss 
 zur Untersuchung der Ideenassociation in Deutschland gab, 
 nicht Christian Wolff. Gehen wir etwas na'her auf das Leibnizsche 
 Associationsgesetz em. Wenn Leibniz sagt, dass der Mensch 
 so gut wie das Tier dem Gesetz unterworfen sei. in seinem 
 Gedachtnis und seiner Einbildungskraft das miteinander zu 
 verbinden, was or in seinen Wahrnehraungen zusammen bemerkt 
 hat, so meint er offenbar, dass die spatere Reproduction der 
 Inhalte, die wir speciell Association nennen, diesem Gesetze 
 folgt, welches ganz dem entspricht, welches bereits Aristoteles 
 ganz allgemein aufstellte als Association benachbarter Inhalte 
 (rrvveyyv^), Herbart als Gesetz der mittelbaren Reproduction, 
 spatere als Beriihrungsassociation, aussore Association u. s. w. 
 bezeichneten. Das oben erwahnte Beispiel, das Leiliniz am 
 haufigsten-) in seinen Schriften zur Illustration seines Associations- 
 gesetzes verwertet, zeigt dies deutlich. Das Gesichtsbild dos 
 Stockes erweckt dem Hunde die Tastvorstellung des Schmerzes, 
 weil beide ehemals benachbarte Bewusstseinsinhaltc warm, 
 oder -der Hand erwartet nach Ausiibung nines ihm an- 
 gelernten Kunststiicks eine Helohnung, aus di'inselbon 
 (irunde. :i ) Der Hollander wiinscht in eincr tiirkischen Taborno 
 Bier, 8 ) d. h. die Gegenstande derselben associieren in ihm 
 die Vorstellung des Bierglases, auf (irund benachbarter Bo- 
 wusstseinsinhalte. Hier sowohl, wie namentlich in dMn Beispiel 
 des Americanus, :; ) qui putavit epistolam proditricem facinoris 
 
 ] ) cf. Ep. ad Thomasium Opp. p. 4S ff. 
 
 ') cf. Opp. p. 237 b, 40465, 707 a, 715 b u. o. 
 
 3 ) cf. Opp. p. 465 a.
 
 94 
 
 sui fiiisse spectatricem, quia illi modi aliquid prodendi, qui 
 ipsi noti erant, hoc ita ferebant, sehen wir von einer damit 
 verbundenen Urteilstauschung, die beim letzteren Beispiel iiber- 
 haupt allein in Betracht kommt, ganz ab. Offenbar entsprechen 
 die angefiihrten Beispiele gewissen Specialeinteilungen dor 
 Spiiteren, die sich iibrigens schon bei Aristoteles vorfinden. 
 Das erste wiire sogenannte Gleichzeitigkeitsassociation, d. h. 
 Association auf Grand von Gleichzeitigkeit, ebenso das dritte, 
 daszweite entspriiche dor Association succedierender Vorstellungen. 
 Ein weiteres Beispiel solcher sogenannten Successivassociation 
 wiirde die Reproduction der weiteren Teile eines Liedes bilden, 
 sobald der Anfang gegeben ist. 1 ) "Wie steht es rait den beiden 
 anderen Classen, der Aehnlichkeit und dem Contrast? Sie 
 sind nirgends besonders erwahnt, aber die Aehnlichkeitsassociation 
 wird doch vorausgesetzt. Wenn es heisst 2 ) ,,c'est que nous 
 voyons, que les animaux ayant la perception de quelque chose 
 qui les frappe, et dont ils out eu perception semblable auparavant, 
 s'attendent par la representation de leur momoire a ce qui y a 
 et6 joint dans cette perception pr6cedente et sont portees a des 
 sentiments semblables a ceux, qu'ils avoient pris alors, so geht 
 doch der Association benachbarter Inhalte erst eine Aehnlichkeits- 
 association voraus, indem der reproducierende Eindruck a den 
 ahnlichen friiheren a und dann den damit verbundenen Eindruck 
 b reproduciert. Ferner hat Leibniz die Aehnlichkeitsassociation 
 thatsachlich in den oben besprochenen sprachphilosophischen 
 Erb'rterungen, sowie bei Erklarung der Wirkungen der Perspective 
 verwertet. Von einer sogenannten Association durch Contrast 
 finden wir bei Leibniz keine Spur. "Wenn es in der Abhandlung 
 .,De la sagesse" unter den Regeln, sich an Vorstellungen zu 
 erinnern, sub 5 heisst: 3 ) il faut pouvoir rapporter sur-le-champ 
 des choses, qui ressemblent fort a la chose donnee on qui en 
 sont fort d iff (''rentes, so spricht Leibniz hier \veniger von der 
 Association als von der Anwendung logischer Categorien auf 
 oinen gegebenen Inhalt. Sofern in diesen praktischen Gedachtnis- 
 regeln der Associationsgrund in logischen Yerhiiltnissen gefunden 
 wird, miissen oben diose erst auf ihre psychologische Grund- 
 lage reduciert werden. Als solche kennt Leibniz niir das 
 Zusammen ini Bewusstsein. Sie allein ist ausdrucklich als 
 Associationsgrund formuliert, Aehnlichkeit und Contrast kennt 
 or nur als logische Verhiiltnisse. Indes ist esfiir die psychologische 
 Betraohtung ein bedeutendcr Unterschied, ob man zu einer 
 Vurstellung eine hinzudenkt, welche zu derselben in dem 
 logisclien Vorhiiltnis der Aehnlichkeit oder Verschiedenheit 
 steht. oder oh diese Verhiiltnisse als thatsachlicho betrachtet 
 
 ') cf. '>[i|>. ]). 1!K)I). 
 J > r.f. Opp. \>. 707 a. 
 ') cf. f>ip. p. C,75.
 
 associierend wirken. Letzteres wird bekanntlich in Bezug auf 
 den Contrast mit Recht bestritten, da sich sonst alles mit allem 
 associieren konnte. Aber selbst die Aehnlichkeit ist doch schliesslich 
 kein Associationsgrund. Man kanu sich zu einor Vorstellung eine 
 iihnliche hinzadenken, wahrend der Associationsgrund doch 
 Beruhrung sein kann, z. B. wenn man sich zu Caesar Napoleon 
 hinzudenkt, weil man beide irgendwo zusammen genannt gelesen 
 hat, wahrend die Aehnlichkeit auch das Hinzudenken von 
 Wallenstein erlaubt hatte. Diese als logisches Verhiiltnis ist 
 fiir die Association gleichgiiltig. Da aber Aehnlichkeit de facto 
 partielle Identitat ist, so lost sicli die Aehnlichkeitsassociation 
 in elementare Beriihrungsassociation mit vorausgehender 
 Gleichheitsverbindung auf, wie im weiteren auszufiihren Anlass 
 sein wird. Nebenbei erwahnt Leibniz noch die Association 
 durch Ueber- und Unterordnung, 1 ) ebenfalls eine Specialform 
 der Beriihrungsassociation, die wohl stets in Form einer Wort- 
 association vor sich geht, beispielsweise wenn das Wort Walfisch 
 das Wort Saugetier associiert, weil den Schiilern immer wieder 
 eingepragt wird, dass der Walfisch kein Fisch, sondern Saugo- 
 tier sei. 
 
 Im allgemeinen konnen wir demnach behaupten, dass fiir 
 Leibniz nur die Bertihrung als allgemeines psychologisches Ge- 
 setz der Association gilt. Sie allein ist ausdriicklich als solches 
 formuliert, und alle seine Beispiele sollen auf das Schema: a 
 und b waren ehemals benachbart, also reproduciert a b, zuriick- 
 gefiihrt werden. Auch bei Hobbes. Locke, Malebranche und 
 und spater bei Wolff, 2 ) Kant :{ ) bemerken wir eine Bevorxugung 
 der Beruhrungs- vor der Aehnlichkeitsassociation. Ks beruht 
 dies wohl darauf, dass sich erstere der Beobachtung in hoherem 
 Grade aufdrangt als letztere, welche sehr oft in Form einer 
 Assimilation, wobei die Reproductionen mit den auslosenden 
 primaren Eindriicken ganz oder nahezu verschmelzen, wie dies 
 z. B. beim associativen Wiedererkennen und Erkennen, der 
 
 cf. Opp. p. 304 a. 
 
 '-') cf. Wolff, Psycl). emp. 104 ff. In 4j 117 wird das Associationsgesetz (lex 
 imaginationis) formuliert: Si quae simul pcrcepiinus, nnius perceptio rlenuo 
 prodncatur, imaginatio producit perceptionem altcrius. Die Aehnlichkeitsassociation 
 behandelt Wolff, wie Uissmann mit Recht bemerkt, nicht als besondere Associations- 
 form, sondern nur sofern sie die Beriihrungsassociation cinleitet (cf. t; IOS). Die 
 Erorterungen Wolffs in der Psyehologia empirica iiber die Associationsphanomene 
 beanspruchon mchr Beachtung, als man ilinen .nemeinhin /.u /ollen pflegt. Die 
 euclidische Methode mag uns nocli so wenig behagen, so ist docli zwoifellos anzu- 
 erkennen, dass Wolff der erste war, der in Deutschland die cmpirische Psychologie 
 cultivierte. So hat er auch Leibniz' Erorterungen iiber die Association praeciser 
 formuliert, indem er sie als reine Gesestze der Reproduction betrachtete und dem- 
 gemass Anwendung auf speeielle Fiille macht. Dessoir urteilt sehr richtiu-, wenn er die 
 ,,reiche psychologische Detailarbeit" hcrvorliebt, die mit Wolff ihrcn Anfangnimmt. 
 Nur darin mochte man ihm kaum beistimmen, wenn er Wolff die Associationsgesetzo 
 von Malebranche ubernehmen Hisst, wo Leibniz als Quclle doch das nnturlichste ist. 
 
 3 ) Kant, Anthropol. p. 70; Kr. d. r. V. 116 Kehrb.
 
 96 
 
 Assimilation hei rnumlichen Yorstellungen, ferner bei jenen 
 Assoeiationeu xwischen Vorstellung und Sprachlaut (lurch 
 Aohnlichkeit xu beobachten ist. Hingegen treten bei der Asso- 
 ciation benachbarter Vorstellungen die .associierende und asso- 
 ciierte Yorstellung deutlich auseinander. Successive reine 
 Achnlichkeitsassociationen werden relativ selten beohachtct. 
 IVvchologisch ist cs x. B. viel wahrscheinlicher, dass uns ein 
 lebendiger Eisbiir an Eisberge, Wasser. Eskimos u. s. w. erinnert, 
 als an braune, schwarxe Baren; die Aohnlichkeitsassociation, 
 welche als solche eigentlich gar nicht existiert, sondern oher 
 cine Yerbindung gleichor Elements heissen sollte. spielt eine 
 mehr vennittelnde Kolle, indem uns der lebendige Eisbar an 
 den ahnlichen abgebildeten und dieser an die mitabgebildeten 
 Eisberge erinnert. Ziehen 1 ) betont mit Recht ,,nicht etwa die 
 sog. iiussere Association als die ausserliche oberflachliche an- 
 xusehen und die innere als die tiefere, sachlichere", da unsere 
 ganxe Erxiehung im Kinde dahin gehe, Yorstellungen gleichzeitig 
 xu wecken. Die Vereinfachung der Zahl der Association sgesetze 
 bei Leibnix, xu der \vir nach langem Streit iiber die Zahl der- 
 selben, welcher namentlich auch in der Woll'fschen Schulo 
 herrschte, wieder xuriickgekehrt sind, lieriihrt ausserstwohlthuend, 
 obwohl sie natiirlich bei Leibnix nicht einem gescharften \visscn- 
 schaftlichen Einblick in das I'roblem, sondern seinem naiven 
 Scharfblick, wenn man will, auch Unkenntnis der xu stellenden 
 Fragen entspringt. In der That ist die Association contingenter 
 Inhalte in gewissem Sinne die allgemeinste untl fiir die Gestaltung 
 unseres Weltbildes wichtigste Form associative! 1 Verkniipfung, 
 einfach deshalb, well uns alle unsere A'orstellungen nie isoliert, 
 sondern innerhalb umfassender Complexe gegeben sind. Die 
 reinen Aehnlichkeitsassociationen sind streng genommen nur 
 eine Abstraction. Erinnert uns x. K eine Person an eine ihr 
 a'hnliche, uns personlich bekannte, so tritt die Vorstellung der 
 letxteren nicht isoliert ins Bewusstsein, sondern die Umgebung 
 und sonstige mit ihr verkniipfte Vorstellungen werden mir- 
 gehoben.-) ja Ictxtere machen (lie durch Aehnlichkeitsassociation 
 geholx-nc ^"ol l stellung erst eindeutig bestimmt, indcm sie eine 
 genauerf xeitliche Localisation des Erinnerungsbildes bewirkcn. 
 Daher gewinnfii auch die Aehnlichkeitsassociationen vielfach 
 erst praktische Bcdeutting durch das Eingreifen der Contiguitats- 
 asMiciation. Andrerseits gelit die Aehnlichkeitsassociation 
 
 in jede Contiguitiitsassociation ein. insttfern fine Vorstellung 
 a erst *'in trillion's u rcproducieren muss, mit dem ein b \ci - - 
 luinden war. :: | Allerdings erscheint dieses a. durch den primaren 
 
 : Xi-hf-!i .1. n. (>. p. 154. 
 i cf. Wahlp :i. n. O. p. 420. 
 
 ) !Syi-li"i"j:i<rli %'jn?. vcnnu niiisstf 1 man <\vn \m'ga\\^ 'Inrstell^n ;i tiiii 
 f >l prwc-ckt n - mn A v .... - V>. liereits Wolff niihert sicli dieser
 
 97 
 
 Bindruck a und den associerten b verdunkelt, meist nicht voll 
 im Bewusstsein, aber rait Unrecht hat man daraus den Schluss 
 gezogen, dass der Vorgang iiberhaupt nicht existiere. 1 ) Es 
 ware ganz unbegreiflich, wie a b reproducieren konnte, wenn 
 nicht die Thatsache, dass ein ehemaliger Eindruck mit b 
 verbunden war, irgendwie zum Ausdruck kJime. Dass diese 
 Aehnlichkeitsassociation meist verschwindet, ist nur der Aus- 
 druck dafiir, dass sie in den weitaus meisten Fallen in der Form 
 einer den prirnaren Eindruck a nur verstarkenden simultanen 
 Association vor sich geht. 2 ) 
 
 Dieses Ineinandergreif en von Beriihru ngs- und Aehnlichkeits- 
 verbindungen, welches bei jeder aucli nur oberflachlichen Be- 
 trachtung eines Associationsvorgangs in die Augen springt und 
 in Leibnizens Anschauung nnd dem spiiteren Streit um die 
 Zahl der Associationsgesetze ebenfalls zur Geltung kommt, ist 
 von der modern en Psychologic nur bis zur letzten Consequenz 
 verfolgt worden. Denn die Elemente der Vorstellung stehen 
 zu dieser ja in demselben Verhaltnis wie die Vorstellung zum 
 Complex, mag dieser auch nur in zwei einzelnen durch Conti- 
 guitat verbundenen Vorstellungen bestehen. Das Element 
 sowohl wie die Vorstellung sincl Producte analysierender Ab- 
 straction, das erstere nur einer bis zur letzten Consequenz 
 durchgefiihrten. Wir sind cladurchzu der Erkenntnis gekommen, 
 dass als psychologischer Vorgang die Aehnlichkeitsassociation 
 gar nicht existiert, sondern nur die Beruhrungsassociation, 
 welche durch Gleichheitsverbindungen, welche aber niclit 
 eigentlich associierend wirken, da nur ein Erregungsherd vor- 
 vorhanden ist, ;; ) sondern verstiirkend, eingeleitet wird. Es giebt 
 thatsitchlich nur Beruhrungsassociation, nur fassen wir diese gemiiss 
 unserer verfeinerten Analyse als elementareBeriihrungsassociation. 
 Auch die Association almlicher Vorstellungen ist psychologisch 
 Beriihrungsassociation, denn wenn a a associiert, so bedeutet 
 das nur Assimilation des Gleichen und Reproduction des an 
 dasselbe gebundenen Uugleichen durch Beriihrung. Nur liber- 
 wiegen bei der Association iihnlicher Vorstellungen die Gleich- 
 heitsverbindungen, bei der contingenter die Beruhrungswirkungen. 
 Der Process ist beidemal derselbe und auf die Formel (a bed...) 
 4- (ab xy . . .) reducierbar. 4 ) Dabei sind es die (lurch Beruhr.uug 
 associierten Elemento, welche bei Aehnlichkeitsassociationen 
 eben die in einigen Merkmalen von der associierenden Vor- 
 
 Auffassungsweise, wenn er das Associationsgcsctz mit den Worten erlautert: per- 
 ceptio praeterita Integra recurrit, cuius praesens contiiiet partcni (1's. cinp. Jj 104, 
 D. Metaph. 238). cf. aucli Hoffding, p. 196 ff. 
 
 J ) So Offner a. a. O. Uebereinstimmend mit der liior .vertretonon Ansicbt 
 Wundt, Ziehen, Wahle. 
 
 2 ) cf. Wundt, Phys. Psych. II, p. 4G9. 
 
 :! ) cf. Offner, a. n. O. 40S. 
 
 4 ) cf. Hoffding, a. a. O. p. I'M; Wundt, Plus. Psych. II, p 472. 
 
 7
 
 98 
 
 stellung abweichende Gestalt, worin eben die Aehnlichkeit 
 besteht, der associierten Yorstellung bedingen. Wolff hat 
 das Prinzip der modernen Auffassungsweise der Associations- 
 vorgange bereits erkannt, wenn er alle Association auf Reproduction 
 des ganzens Complexes durch Teile desselben zuriickfiihrt und 
 wie Leibniz nur Beriihrungsassociation kennt. Beide kamen 
 der Wahrheit zweifellos naher als Spatere, welche unter dem 
 Einfluss Humes die Zahl der Associationsgesetze vermehrten 
 und die Beriihrungsasssociation in eine Menge Special gesetze 
 auseinanderlegten. wie Gleichzeitigkeit, Succession, Ursacho 
 und Wirkung usw. Damit ist zwar der Classification der 
 Associationsproducte gedient, nicht der psychologischen Einsicht 
 in die Natur der Yorgange. Wahle hat mit Recht alle jene 
 verschiedenen Unterarten der Association auf die Contingenz 
 der Inhalte reduciert, ahnlich wie auch Leibniz nur das Zu- 
 sammen im Bewusstsein als Associationsgesetz kennt. Insofern 
 sich die contingenten Inhalte in oinem identischen Zeitmoment 
 beriihren, ist diese Identitat des Zeitpunkts vom Eintritt des 
 Xeuen und Abklingen des vergangenen Inhalts der Grund der 
 Beriihrungsassociation. Das physiologische Substrat dieses 
 Yorgangs erblickt die neuere Psychologie in dem Vorgang der 
 Mitiibung. ,,Wie ein Glied, (lessen Bewegung mit der eines 
 andern eingeiibt worden ist, mit dem letzteren von selbst in 
 Mitbewegung gerat, so erregt eine Yorstellung die gewohnheits- 
 massig mit ihr verbundene." 1 ) 
 
 Wir konnen, wie Dessoir mit Recht bemerkt, 2 ) zwei 
 Zeitraume in der Geschichte der Association unterscheiden, 
 welche durch das Auftreten Humes, des Erneuerers der 
 aristotelischen Associationsgesetze. getrennt sind. Yor Hume 
 kannte man wesentlich nur die aussere oder Beriihrungsassociation, 
 Hume fiigte die anderen Gesetze hinzu und warf den Erisapfel 
 unter die Psychologen, der seitdem das Streitobject der englischen 
 und deutschen Psychologen bildete. Fiir die Geschichte der 
 Psychologie 1st die nachhumesche Periode der Bearbeitung des 
 Associationsbegriffs natiirlich weit bedeutsamer als jene friihere, 
 infolge des universellen Gesichtspunkts der Betrachtnng und 
 der exacten ompirischen Herausarbeitung des Begriffs. Aber 
 was die Associationsgesetze selbst anbetrifft, so ist doch jene 
 Yereinfachung derselben, die wir vorgcnommen habeu, keine 
 absolut neue That. Die Wissenschaft ist nach langem. allerdings 
 sehr fruchtbaren Streite. Avieder zum Ausgangspunkte zuriick- 
 gekehrt, dor ausschliesslichen Giltigkeit des Gesetzes der Be- 
 riihrungsassociation, das Leibniz in Deutschland zum ersten 
 Male klar aussprach und auf dem Wolff weiter baute. Ja, 
 man wird vielleicht kaum fehl gehen. wenn man behauptet, 
 
 ') cf. AVundt, Phys. Psych. II, p. 475. 
 ') cf. Dessoir, a. a. O. p. H12.
 
 99 
 
 dass durch Synthese von Leibniz mit Malebranche und Wolff 
 unsere heutige Anschauung iiber die Associationserscheinungen 
 gewonnen werden kann. Ersterer betonto das Zusammen im 
 Bewusstsein als Associationsfactor, Malebranche die identite du 
 temps, die er aber nur auf raumliches Nebeneinander bezog, 
 Wolff deutete an, wie jeder Associationsvorgang aus Gleichheits- 
 und Beriihrungsverbindung zusammengesetzt sei, ein fJ-esetz, 
 das Hoffding als das der Totalitat, a l (+ a., + b + c), Wolff 
 als das Gesetz der Reproduction des ganzen Complexes 
 durch Teile desselben bezeichnete. 1 ) Die moderne Psychologie 
 fasst die Association als Association psychischer Elemente, doch 
 ist diese Auffassung nur, wie bereits bemerkt, die consequonte 
 Weiterfiihrung einer Tendenz, \velclie schon bei Leibniz und 
 noch raehr bei Wolff, der die Vorstellungen bereits in Partial- 
 vorstellungen aufloste, hervortritt. 
 
 l ) Auch Hamilton betrachtet als allgemoinos Associationsgeaetz das Gesetz 
 der Totalitat (cf. Ferri, a. a. O. p. 253).
 
 IV. 
 
 Die ,,freisteigenden" Vorstellungen, 
 
 Xooh heute herrscht untor den Psychologen eine (lurch 
 Herbart begonnene Controverse, ob es eino Reproduction ohne 
 vorausgehende associierende Vorstellung giibe. Herbart bexeichnete 
 bekanntlich derartige Reproductionen, die, sobald nur die 
 Hemmungen, die ilmen entgegonstehen, wegfallen, ins Bewusst- 
 sein treten, mit dem Namen der freisteigenden Vorstellungen. 
 Obwohl die neuere Psychologic die Heinmungstheorie, 1 ) die 
 mit diesen freisteigenden Vorstellungen in engem Zusammen- 
 hang steht, ineist nicht mehr als (Irundlage einer Theorie des 
 Vorstell ungs wechsels acceptiert. so werden doch von inanchen 
 ilirer Yertreter diosolben als rein empirische Thatsache betrachtet,-) 
 Leibnix war das naturgemiiss auffallende Phanomen nicht 
 unbekannt. Jeder Menseh constatiert ja eine scheinbar un- 
 vermittelt in ihm auftauchende Vorstellung mit einer gewissen 
 Verw underung, ja naiven Freude; noch mehr, das populiirc 
 Bewusstsein ist geneigt. :s ) iiberhauj)t jede Art von Reproduction 
 als eine freie v.\\ betrachten. da sich der praktische Mensch 
 nicht di( j Miihe nimmt. seinen Vorstellungswechsel psychologisch 
 y.\\ beobachten, sodass allerdings von vornherein die Annahme 
 nahe genug liejrt, dass die freisteigenden Vorstellungen nur 
 ein Hineinragen })()puliinM' Auffassungsweise in die wissen- 
 schaftliche Psych* ilngic bedeute. JJoch kommen wir xu 
 
 Leil>nix. Bei seiner Besprechung der pensees involontaires 
 bediente er sich bchuts Kxemjilification go \visser besondei-s 
 auffallendei-, unwillkiirlich auftretender Vorstellungen, der 
 
 ') Dcssoir, (a. a. ( >. p. 'J45) will flicscllif lici Lcilmix. jiiiycdcutot finrten Opp. 
 p. 740 h : ,,Sul>stnntin n^'it, qnantiun putc.-t, ni-i inipciliatur ; inipoditur autPin ftiain 
 Mibstantia simplex, s<>d naturalitiT nnn nisi intus a sc ipsa. Kt cuin dicitur monas 
 :il alia" etc. Von cinor auch nur aiuiiihri'iid (MiipiriscluMi Vcrwortuiiff dos Gedankens, 
 wif wir sio licj llcrhart findcn, kann abor bci Leibniz kcinc Redo soil). Er will damit 
 nur die Incorporation d'"- Makrokosmos in den Mikrokoj-mos der Monadc illustrieren. 
 
 '") cf. Kiilpe. a. a. < >. p. I'.** 
 
 ') cf. \Vahb-, a. a. O. p. 40.V
 
 101 
 
 ,,pensees volantes, qui ne sont en notre pouvoir et on il y a 
 quelques fois bien des absurdites, qui donnent des scrupules 
 aux gens de bien et de 1'exercice aux casuistes et directeurs 
 des consciences." 1 ) Er nennt dort als specit'ische Qualitat dieser 
 pensees volantes Gesichtsbilder, Tone, und andere Sinnes- 
 qualitaten und betont ebenso richtig ihr vorzugsweises Aut'treten 
 bei Hemmung der activen Aufmerksamkeit, Avie sie beim Traum 
 und in dem Zustand des passiven Hingegebenseins an unseren 
 Vorstellungswechsel, den er nicht unpassend init einer laterna 
 magica vergleicht, namentlicli zur Geltung kommt. Leibniz' 
 Erkliirung dieser Phanomene, die er ebon nnr als Specialfall 
 einer allgemeinen Erscheinung betrachtet, iilmelt vollstiindig 
 der unseren, wenn er sie als Producte des Zusammenwirkens 
 der von den primiiren Wahrnehmungen zuriickbleibenden 
 ,,impressions insensibles" und der a'usseren Eindriicke betrachtet, 
 welche sich mit jenen vermischen. Jene scbeinbar plotzlich 
 aufsteigenden Yorstellungen sind also stets durch einen iiussereii 
 Anlass motiviert. Selbst wenn dieser Anlass in einer centralen 
 Eeizung besteht, emptangt die so enstehende Yorstellung ihre 
 Bestimmtheit, die von ausseren "Wahrnehmungen und Erinnerungs- 
 bildern ausgeht.-) Die Art und Weise freilich, wie cine ganz 
 bestimmte concrete Illusions- oder Hallucinationsvorstellung 
 entsteht, fiihrt Leibniz noch nicht aus, docli venvertet er seinen 
 Gedanken richtig zur Erklarung der Vorstellungen, die, weil 
 ihre Entstehungsweise und ihr associative!' Zusammenhang mit 
 anderen ihrem Trager entgeht, t'iir offenbart gelten. ;i ) Audi 
 hier findet die Bemerkung von Wahle ihre Anwendung. Der 
 Mensch gelangt nur dadurch zu der Annahme, er sei plostzlich 
 von oben erleuchtet worden, weil er seinen Yorstellungsverlauf 
 nicht psychologisch betrachtet. Der naive Mensch fiihrt seinen 
 Vorstellungsverlauf auf die Wirksamkeit hoherer Miichte zuriick. 
 So sehen wir in den homerischen Gedichten die Traiun- 
 erscheinungen, den Wahnsinn, irgend einen originellen Gedanken 
 usw. stets auf die Eingebung eines gottlichen Wesens (i-vi 
 (ppeai i^/^e!) zuriickgefiihrt. Bei besonders gefiihlsstarken Vor- 
 stellungen, an denen der Mensch ein erhohtes Interesso nimint, 
 wie es z. B. bei den Gedanken eines Religion sstifters der Fall 
 ist, finden wir diese Externalisation psychologischer L'rsachen 
 in besonders erhohtem Massstabe. Diese psychologischo (Jrund- 
 lage des Offenbarungsglaubens ist selbst von dor Aufklarungs- 
 philosophie meist nicht zur Geniige gewiirdigt worden, nainentlich 
 nicht von der englischen und franzosischen, welche denselben 
 aus bewusster Tauschung abzuleiten suchte. Leilmiz geht hicr 
 psychologischer vor. und diese Eigenschat't ist auf seinen 
 
 ') cf. Opp. p. 2o3b. 
 
 2 ) cf. Wundt, Phys. I'sych. II, p. 453, -HiO. 
 
 ' J ) cf. Opp. p. 408 a.
 
 102 
 
 grossen Xachfolgor in der Aufklarimgsphilosophie, auf Lessing, 
 iibergegangen. Eine aufgeregte Phantasio und ein gliickliches 
 Gediichtnis halt Leibniz zur Erklarung der in Rede stehoiuli'ii 
 Erscheinungen fiir ausreichend, d. h. psychologisch gesprochen 
 eine unter deiu Einfluss gesteigerter Erregbarkeit lebhaftere 
 und entsprechend niodificierte Associationsthatigkeit. Alle 
 scheinbaren Erleuchtungen beruhen so auf dem ganz natiirlichen 
 und alltaglichen Vorgang der associative!) Wiedererneuerung 
 ehemals percipierter Vorstellungen. Man vergleiche hierzu 
 namentlich einen in dieser Beziehung sehr interessanten Brief 
 an die Prin/.essin Sophie von Hannover 1 ): ..On reinarque aussi 
 ([lie les visions se rapportent d'ordinaire an nature! des personnos. 
 Et meme cela a lieu a l'6gard des veritables prophetes .... 
 Je m'imagine quelquefois qu' Ezechiel avait appris L 'architecture, 
 on qu'il estait un ingenieur de cour, parce qu'il a des visions 
 magnifiques et voit de beaux bastimens etc." Seine Lehre von 
 den petites perceptions und den traces, d. i. den Spuren, die 
 alle primaren Eindriicke im Bewusstsein zuriicklassen, wurde 
 Leibniz auch ziun Hiilfsmittel, etwaige freisteigende Vorstellungen 
 als durch Association hervorgerufene Reproductionen aufzufassen. 
 Denn dass jede reproducierte Vorstellung durch eine associierende 
 ins Bewusstsein gehoben worden sein muss, wird von Leibniz als 
 allgemeiner Grundsatz aufgestellt-) und seine auch auf diesem 
 Gebiete detenninistische Anschauung unterscheidet ihn, wie 
 bereits bemerkt, vorteilhaft von Locke, der vuin Geda'chtnis als 
 einera Yermogen des Behaltens spriclit, und die Reproductionen 
 als eine mehr freie Tha'tigkeit der Seele betrachtet, welche von 
 den aufbewahrten Vorstellungen soziisagen willkiirlich einige 
 besichtigt. ..La reminiscence, sagt aber Leibniz, demando quelque 
 aide, et il faut hien, quo danscette multitude de nos connoissences 
 nous soyons determines par quelque chose a renouveller Tune plutot 
 que I'autre, 8 ) puisqu'il est impossible etc.". d. h.jederReproductions- 
 vurgang ist ein Association svorgang, je<le reproducierte Vr- 
 stelluni:' ist durch eine vorausgehende associiert worden. 
 
 Leibniz hat aiifh Itereits auf ein Phanomen aufmei'ksain 
 gemacht. welches der namentlich vun AVoltf) hetonten meist 
 zu constatierenden Nichtbeaclitung des associierenden Factuj-s 
 wesentlich zu der Illusion t'rei steigender Vorstellungen, 
 Almungen u. dgl. beigetragen haben mag. namlich die Association 
 
 ') cf. i iniio Kl<^i>p, Correapondenz von Leibniz ink der Prinzossin Sophie von 
 Ilaiinovor 1^7:1, Hand I, p. 144 f. 
 
 -I ff. <>|,p. p. -20,s n . 
 
 i Ian/ tM'iiau stiinnicn hiermit die Worte Wdlffs : ,,Sinc prncvia sonsationo 
 nitlluin in :iniinn pliantnsnia oriri potr>st. Nam cur hoc potius phantasiuii V" IV. 
 ctnp. si 10G. I'.r schlii.-sst dies ausdriicklich aus dem Leibnizschen principiuin 
 rationis sufficientis. 
 
 > Wolff, a. u. O. g 10U Anm.
 
 103 
 
 ohne Zeitbeziehung. 1 ) So unterscheidet Leibniz 2 ) von der 
 reminiscence proprement appe!6e ainsi, welche darin besteht, 
 dass die reproducierte Vorstellung als solche wiedererkannt 
 wird, eine andere Art von Wiedererinnerung, welche allein in 
 der Erneuerung einer ehemaligen Vorstellung besteht, ohne dass 
 ims diese als eine bekannte erscheint. z. B. wenn jeinand 
 einen neuen Vers zu machen geglanbt hat, den er lange vorher 
 in irgend einem alten Dichter gelesen :! ) oder wenn in Traum- 
 associationen Vorstellungen eingehen, die einei 1 \veit hinter uns 
 liegenden Vergangenheit angehoren und die wir nicht mehr 
 localisieren kb'nnen. Man vergleiche hierzu die Opp. p. 221 be- 
 richtete Anecdote ans dem Leben Julius Scaligers. An anderer 
 Stelle 4 ) unterscheidet Leibniz diese beiden ,,Arten von Ee- 
 productiou als ,,rerainiscence", d. h. einer einfachen ,,repetition" 
 der Vorstellungen ,,sans 1'objet revienne", und als ,,souvenir 
 quand 1'on salt qu'on 1'a eu. iv Es fehlt bei der Reproduction 
 ohne eigentliche Wiedererneuerung das Moment, welches von 
 der neueren Psychologie als Localisation in der Zeit bezeichnet 
 wird. welche wesentlich in der Reproduction des Milieus einer 
 Vorstellung besteht. ,,Es geniigt hierzu (zur eigentlichen 
 Wiedererinnerung) nicht die Reproduction der einzelneu Vor- 
 stellungen, sondern mit ihr miissen andere, die ihr Verhaltnis 
 zu dem Gesamtverlauf der Bewusstseinsvorgange bestimmen, 
 erneuert werden. Diese Hulfsvorstellungen aber gehoren zuui 
 grossten Teil jener constanten Vorstellungsgruppe an, mit dor 
 das Selbstbewusstsein innig verwachsen ist, Denn die genaue 
 Vergegenwartigung eines friiheren Erlebnisses wird bekanntlich 
 zumeist durch die Erinnerung an die naheren Umstande unter- 
 stiitzt, in denen wir uns zur Zeit des Erlebnisses befunden 
 haben:' 6 ) Leibniz ist der Ansicht, dass im Falle des Fehlens 
 der Wiedererinnerung die von der ehemaligen Perception 
 zurtickgeblieberie Spur zu schwach sei, um eine klare Vei'gegen- 
 wiirtigung herbeiznfiihreii. Selbst nacli noch so langer Zeit. 
 meint er, wenn die naheren Umstande dem (jedJiclitnis la'ngst 
 entschwunden sind, kann eine Vorstellung associativ ins Be- 
 wusstsein gehoben werden.' 5 ) Er glaubte, dieses Zeitiutervall 
 iinbegrenzt annehmen zu miissen, verrnoge seiner metaphysischen 
 Ansicht, dass der Seele iibei'haupt nichts verloren gehen kimne. 
 Die empirische Psychologie kann sich dieser Ansicht nic.ht 
 anschliessen, sie sieht sich vielmehr zu der Annahm<- > gezwungen, 
 die Dauer der Vorstellungsresiduen von der fimctionellen 
 
 ') cf. Wahle a. a. O. 413. Wundt. 1'hys. Psych. II, p. 48'J. 
 
 -) cf. Opp. p. 221 b. 
 
 :! ) cf. Opp. p. 221 a. 
 
 *) cf. Opp. p. 246 b. 
 
 -) cf. Wundt, Phys. Psych. II, p. 489 f. 
 
 6 ) cf. Opp. p. 224 b.
 
 104 
 
 psyehophysischen Einiibung abhangig zu machen. Aber es 
 kann keinera Zweifel unterliegen, dass unter besonderen teil- 
 weise sehr coraplicierten Bedingungen, die eben darum schwer 
 eruirbar sind, ein liingst vergangener Inlialt reproduciert werden 
 kan ii, dessen niihere Tmstande, deren Mitreproduction erst 
 den eigentlichen Wiedererinnerungsvorgang ausmachen wiinle, 
 dabei nicht mit reproduciert werden, oft nicht einmal bei 
 angestrengtestem Besinnen. Wir wiirden vielleieht der oben 
 angefiilirten Leibnixschen Erklarung hinzufugen, dass die durch 
 langeZeit aut'ein Minimum reducierte psychophysische Dis|)nsitioii 
 sich zwar vernehmbar rnacht, dass sich aber infolge dieser 
 Schwiiche die Erregung niclit auf die miteingeiibten Dispositionen 
 ausbreitet, wodurch eine Mitreproduction der niiheren Umstiinde 
 und damit die Wiedererkennung unmoglich \vird. Eine gewisse 
 zeitliche Localisation des Erinnerungsbilds kann vielleicht 
 bewirkt werden durch jenes unbestimmte sciiwankende Gefiihl, 
 welches wir auf die ganz dunkel im Bewusstsein vorliandenen 
 niiheren Umstiinde zuriickfiihren. Das Bekanntheitsgefiihl 1st 
 zwar dann vorhanden, aber seine klare Vorstellungsgrundlage 
 fehlt. Leibniz beschreibt diesen Zustand Opp. p. 379 a.
 
 Unter diesen vier Gesichtspunkten glaubten wir alles 
 erschopft zu haben, was sich bei Leibniz iiber don Associations- 
 begriff vorfindet, wenn es nicht noch eines Wortes iiber die 
 physischen Begleiterscheinungen cler Associationen bediirfte. 
 Doch geniigt liier eine kurze Bemerkung. Leibniz war zwar 
 monad ologischer Spiritualist, dock bequemt er sich in seinen 
 psycbologisclien Erorterungen ganz dei' herkommlichen Sprech- 
 weise an. Von jedem actuellen psychischen Erlebnis bleiben 
 psychophysische Dispositionen zuriick, durch welche, sobald 
 ein iiusserer Eindruck als ,,occasion" einwirkt, die alten Ein- 
 driicke reproduciert werden. Diese physischenBegleiterscheimmgen 
 finden niclit nur bei den associativen Vorstellungsverbindnngen, 
 sondern auch beim Denken statt. ,,Le corps repond a toutes 
 les pensees de I'ame, raisonnables ou non. Et les songes out 
 aussi bien leurs traces dans le cerveau que les pensees de 
 ceux, qui veillent, 1 ) ja selbst bei den pensees les plus abstraites 
 nimmt Leibniz eine sinnlicbe Vorsteliungsgrundlage niit ent- 
 sprechendem physischen Parallel vorgang an, analog unseren 
 heutigen Anschauungen. Damit aber jenc Causalitat, welche 
 innerhalb cler physischen Erscheinungen stattfindet, in ihrer 
 Anwendnng auf die psychischen dei 1 Seele nicht die Freiheit 
 ranbe, liess Leibniz bei den willkiirlichen und verniinftigen 
 Vorstellungsverbindungen der Seele den Korper angepasst sein. 
 Er scheute vor den Consequenzen einer physiologischen Psycho- 
 logie zuriick, wahrend Hobbes' und Spinozas Auffassungsweise 
 im Princip der unseren nalier kommen. Die Spuren iin Gehirn, 
 die nach Leibniz jeder Vorstellung entsprechen. stellte er sich 
 wohl, entsprechend der damals herrschenden cartesianischen 
 Gehirnmechanik, als Bahnen vor, die von den ehemaiigen 
 Bewegungen der Teile zuriickgeblieben seien. Den allmiihligen 
 Zerfall der Erinnerungsbilder, die niit der Zcit i miner 
 fragmentarischer werden und ihre urspriingliche Frische ver- 
 lieren, fiihrt Leibniz auf die Yermischung der Gehirnspuren 
 
 : ) ef. Opp. p. 225 b.
 
 106 
 
 zuriick, welche in ahnlicher Weise ineinanderfliessen wie die 
 Kreise von mehreren ins Wasser ge \vorfenen Steinen. ,,Mais 
 il est indubitable, que les images corporelles se creusent et se 
 melent, comme si on jettoit a la fois dans 1'eau plusieurs 
 pierres: car chacun feroit ses prop res cercles, qni ne se 
 brouilleront pas dans la verite, mais ils paroistroient 
 embrouilles au spectateur, qui auroit de la peine a les desmeslert' 1 ) 
 \Venn anf diese Weise die Oehirnspuren verworren werden, 
 sind auch die Gedanken der Seele verworren und unverniinftig. 
 Es sind offenbar blosse Analogien. die Leibniz hier leiten, die, 
 wie iiberhaupt sehr viele Theorien iiber die physischen Be- 
 gleiterscheinungen der Vorstellungsprocesse, selbst jiingerer 
 uud jiingster Psychologen, wenig positiven Wert besitzen. 
 Xoch heutigen Tages gehen ja die Ansichten der Gehirn- 
 physiologen und Psychologen iiber die bestimmte Eigenart 
 jenes Parallelismus weit auseinander, \venn auch seine universelle 
 Giiltigkeit als empirisches Princip, d. h. insofern jedes Psychische 
 eineni Physischen entspricht, nicht umgekehrt, ziemlich allgemein 
 anerkannt wird. Was die metaphysische Seite des Parallelisraus 
 anlangt. so hat Leibniz wohl auch hier in gewissem Sinne den 
 Weg gewiesen. Denn die von ihm vertretene vitalistische 
 Anschauung, dass die ra'umlich ausgedehnte Welt das phaenomenon 
 bene fundatum sei. hinter dem sich eine Lebendige Welt 
 psychischer Realitaten verbirgt, die uns unmittelbar nur in 
 unserem eignen Ich gegeben sei, ist doch schliesslich der Punkt, 
 nach welchem die Ansichten derjenigen Forscher, die auf eine 
 Metaphysik nicht verzichten wollen. hinconvergieren. 
 
 Damit sind wir am Schlusse unserer Betrachtungen an- 
 gelangt. Nachdem wir die Stellung Leibnizens in der Geschichte 
 des Associationsbegriffs und das Verhiiltnis seiner Metaphysik 
 zu demselben einleitungsweise fixiert hatten. betrachteten wir 
 das Verhiiltnis v<>n Association und Denken uriter eineni 
 generellen und individuellen Gesichtspunkt, gingen dann auf 
 die Einzelbeispiele etwas niiher ein. urn dann zu den Asso- 
 ciationsgesetzen zu gelangen. Den Abschluss bildete ein kurzer 
 Blick auf Leibniz' Stellungnahme zu gewissen Phanoraenen, 
 die weniger (lurch ihre thatsiichliche specifische Eigenart, als 
 (lurch die Hf-rbartschc specifische Anffassungweise ein crhohtos 
 Interesse gewonnen haben, was uns y.\\ berechtigen schien, 
 rait kurzon Worten auf sie einzugehen. Wir sahen, dass die 
 Association bei Leibniz sich zwar noch nicht zu eineni ein- 
 heitlichen psychologischen Erklarungsprincip verdichtet hatte. 
 noch auch in Hirer Beschaffenheit scharf priicisiert und gcnaucr 
 beobachtet wurde, und mussten den CJrund hierfiir erstens in 
 der Stellung erblicken, welche Leibniz in der Geschichte des 
 Associationsbegriffs iiberhaupt einnimmt, zweitens in der Eigeii- 
 
 ') cf. Opp. ed. G. VII, p. 557.
 
 107 
 
 art der Leibnizschen Psychologie selbst, \velche eng mit seiner 
 Metaphysik verkniipft und nur in ihren Grundzugen erkennbar 
 ist. Letzterer Factor ist von denen, welche diesen Begriff bei 
 Leibniz beriilirten, zu wenig beachtet worden, indem sie a us 
 der historischen Stellung Leibnizens ohne weiteres schlossen, 
 dass dieser Begriff in seiner Psychologie iiberhaupt keine 
 Rolle spiele. Den gleicben Fehlschluss begin nen diejenigen, 
 die sich nur an Leibnizens metaphysische Psychologio hielten, 
 ohne seinen braucbbaren erapirischen Erorterungen nachzngehen. 
 Wer aber die , Beschaffenheit der Leibnizschen Philosophic 
 erkannt hat, der wird nie aus deren historischer Beschranktheit 
 das Nichtvorhandensein von Gedanken, die erst spater Gegen- 
 stand wissenschaftlicher Weiterfiihrungwuruen, folgern. Derjenige, 
 der Leibnizens Anschannngen sofern sie den Associations- 
 begriff betreffen, gewiirdigt hat, ist Ferri, wahrend Kirchner 
 in seiner der Leibnizschen Psycliologie gewidmeten Monographic 
 deniselben nicht die geringste Beachtung schenkt. Ftir Leibniz 
 war der Begriff der Association, wie wir sahen, einmal von 
 vonviegend erkenntnistheoretischer Bedeutung. Er glaubte 
 in ihm einen Gegensatz zur rationalen Erkenntnis und zugleich 
 ein Kriteriura der tierischen Bewusstseinsthatigkeit gefunden 
 zu baben. Auch Ferri behandelt den Associationsbegriff bei 
 Leibniz unter diesem Gesichtspunkt. Wir konnten seine Auf- 
 fassungsweise allerdings nicht voliig zu der unseren machen, 
 sahen uns vielmehr genotigt anzuerkennen, dass Leibniz vor- 
 wiegend erkenntnistheoretisches Interesse ihn zu einem Fehler 
 verleitete, in den spater Hume, der gleichfalls Psycliologie und 
 Erkenntnistheorie nicht scharf auseinanderhielt, verfiel. Hier 
 sei erwiilmt, dass Leibniz die tieferen Elemente des alten 
 Rationalismus sowohl f iir die Erkenntnistheorie als die Psychologie 
 aus dem Schiffbruch, den jener daraals durcli Locke erlitt, 
 rettete. Der Apperceptionsbegriff war bier von grosster Be- 
 deutung. Aber wir mussten anerkennen, dass dieser nicht 
 allein seine Bedeutung in der Psychologie constituiert, dass 
 Leibniz vielmehr unter den Psychologen der Activitiit deu 
 Associationspsychologen noch am niichsten steht, indem der 
 organische Aufbau des psychischen Lebens aus uiederen und 
 hoheren, gleicherweise causal determinierten Vorstellungs- 
 processen bereits bei ihm in den Hauptziigen hervoi'tritt, und 
 hier fanden wir den Associationsbegriff in seiner vorzugsweise 
 psychologischen Bedeutung verwertet. Wir glatilten nicht fehl 
 zu gehen, wenn wir auch diese Thatsache bei der Wertnng 
 Leibnizscher Psychologie besonders in Keclmung bringen. 
 Leibniz war nicht der Mann minutioser Detailarbeit, sondern 
 der Mann grb'sserer, spiitere Errungenschaften anticipierender 
 Conceptionen. Daher finden wir bei ihm eingehendere Be- 
 trachtungeu iiber die Association sgesetze nicht vor. Diese
 
 108 
 
 psychologische Kleinarbeit war die Sache Wolffs und der Psycho- 
 logen der Wolffschen Schule, die wir natiirlich beiweiten nicht 
 geringschatzen werden, aber der doch der Mangel weitreichender 
 Gedanken nicht ubzusprechen ist. - Infolge der letzteren ist 
 das Stadium der Leibnizschen Psychologie nicht nur, sondern 
 auch seiner Philosophie fiir denjenigen. der sich nicht mit ihrer 
 ausseren Schale begniigt, nicht nur im hiichsten Masse 
 interessant und zum weiteren Xachdenken anregend. sondern 
 auch von directera positiven Gewinn.
 
 Inlialtsaim'abc, 
 
 Vorbemerkimgen : 
 
 1. Leibnizens Bedeutung fur die empirische Psycho- 
 
 logie 57 
 
 2. Stellung Leibnizens in der Geschichte des Asso- 
 
 ciationsbegriffs 710 
 
 3. Das Verhaltnis der Leibnizschen Metaphysik zuin 
 
 Associationsbegriff 10 18 
 
 4. Lockes Associationsbegriff 1924 
 
 I, Association mid Denken bei Leibniz. 
 
 1. Das Verhaltnis von Association und Denken als 
 
 erkenntnistheoretisches 25 --55 
 
 2. Das Verhaltnis von Association und Denken als 
 
 psychologisches 56 -72 
 
 II, Umfang und Inbalt des Associationsbegriffs boi 
 Leibniz 73-91 
 
 III, Associationsgesetze bei Leibniz 9299 
 
 IV, Die freisteigenden Vorstellungen 100-104 
 
 . 105-108
 
 Vita, 
 
 Ich. Robert Bernhard Frenzel, bin geboren am 13. Marz 1874 
 ?Ai Adorf im Voigtland als Sohn von Hermann Robert Frenzel, 
 gegenwartig Organist uiul Biirgerschuloberlehrer in Schneeberg, 
 und (lessen Ehefrau, Jacobine geb. Walther. Beide Eltern 
 sind am Loben. Ich gehore der evangelisch-lutlierischen Kirohe 
 an. Nach vierjahrigem Besuch der Schneeberger Biirgerschule 
 wnrde ich Ostern 1884 in die Sexta des damals eben im 
 Entstehen begriffenen Schneeberger Gymnasiums aufgenommen, 
 welches ich Ostern 1893 rait, dem Zeugnis der Reife verliess. 
 Alsdann begab ich mich nach Leipzig, um classische Philologie 
 nnd Philosophic zu studieren. Meine Lehrer waren bisher die 
 Herren Prot'essoren : Barth, Brugmann, Cichorius, Heinze, 
 Immisch, Lamprecht, Lipsius, Marshall, Overbeck, Ribbeck, 
 Richter, Sievers, Wachsmuth, Wimdt, E. Zarnke. - Dem kgl. 
 philologischen Proseminar und Seminai- gehorte ich je 3 Semester, 
 dem kgl. alt-historischen Seminar 2 Semester, dem kgl. philo- 
 sophischen nnd dem kgl. praktisch-padagogischen Seminar 
 gehore ich jetzt das 3. bez. 2. Semester an. Der alt-historischen 
 Gesellschaft des Herrn Prof. Cichorins wohnte ich 2 Semester, 
 der grichisch-antiqnarischen des Herrn Geh. Hofrat Lipsius 
 und der philologischen des Herrn Prof. Zarnke je 1 Semester 
 bei. Allen diesen Herren bin ich zum grossten Danke 
 
 verpflichtet, insbesondere noch Herrn Prof. Dr. Barth, dem 
 ich wohlwollendste Unterstiitzung meiner philosophischen Studien 
 verdanke. - Dankbar werde ich mich auch erinnern der 
 ernsten und heiteren Stunden, die ich in meiner Eigenschaft 
 als Mitglied des classisch-philologischen Yereins an der 
 Universitat Leipzig erlebt habe.
 
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